Stadtlexikon Darmstadt

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Musikgeschichte

Über die Musik aus den Anfängen der Stadt liegen keine Zeugnisse vor. Gesänge vor den Altären der Stadtkirche „Unser lieben Frauen“ und die Musik der Spielleute zu Gesang und Tanz, zu Jahrmärkten und Feiern, dazu die Signalmelodien der Türmer auf den Stadttoren werden – wie allenthalben im Mittelalter – die Klänge gewesen sein, mit denen auch DAs Bewohner zuerst in Berührung kamen. Am Adelssitz der Grafen von Katzenelnbogen hingegen wird zu höfischen Festen und Abendunterhaltungen die kultivierte Musik der Minnesänger erklungen sein. Die Überlieferung ist spärlich und nur einige wenige Namen von fest angestellten Musikern, von Horn- und Zinkenbläsern, von Posaunenspielern und Trompetern, von Sängern und Lautenspielern sind seit dem 15. Jahrhundert belegt.

16. Jahrhundert

Mit der 1526 durch Nicolaus Maurus nach DA getragenen Reformation änderte sich im 16. Jahrhundert vor allem die Musik in der Kirche. Die Gottesdienste erlaubten neben den liturgischen Gesängen der Pfarrer nun auch den Gesang der Gemeinde, angeführt von den Kantoren und von den Schülern der zur Stadtschule erhobenen alten Kaplaneischule. Allmählich zog dort die kunstvolle Mehrstimmigkeit ein und trat öffentlich im jährlichen Singen zu Neujahr vor dem Rathaus in Erscheinung. Gesicherte Daten für eine reguläre Musikpraxis liegen erst im Zuge der Übernahme der Obergrafschaft Hessen-Darmstadt durch Landgraf Georg I. im Jahr 1567 vor. Die höfische Musikpflege blieb allerdings hinter den Bauinteressen des Landesherrn weit zurück. Trompeter waren wohl die ersten Musiker, die bei Hof eingestellt wurden (Johann Kratz), auch konnten durchreisende oder nur temporär beschäftigte Musiker (1569 u. ö. Johann Troitlein) nach Bedarf bei Hofe aufwarten. Instrumente wurden angeschafft, und in der Schlosskirche wirkten als Organisten der wohl aus Kassel stammende Magister Wilhelm Buch, Johann Mylius und nachweislich Johann Möller. Von Möller wurden eigene Kompositionen, Tänze und Motetten, in DA gedruckt (Balthasar Hofmann). Bei besonderen Festmusiken halfen Musiker aus benachbarten Landstrichen aus. In den von Georg besonders geförderten schulischen Einrichtungen, sei es in der Stadt oder bei Hof, stand der Gesang von Kirchenliedern an oberster Stelle. Die Kinder sollten die Lieder auswendig lernen, um von den Gesangbüchern unabhängig zu werden. Bis ein eigenes für DA bestimmtes Kirchengesangbuch erarbeitet war (1625), aber auch noch darüber hinaus, waren Gesangbücher unterschiedlicher Provenienz im Gebrauch.

Altes Hofoperntheater, Umbau einer 1604 errichteten Reithalle, Gouache von Ernst August Schnittspahn, gemalt 1861, Schlossmuseum Darmstadt

17. Jahrhundert

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden unter Landgraf Ludwig V. zunehmend Musiker bei Hof eingestellt, die Musik gewann an Bedeutung innerhalb des höfischen Lebens sowohl bei prunkvollen Festen wie im privaten Kreis. Gleichzeitig wird von Theateraufführungen durch die Schüler der Stadtschule berichtet. Die Musik in der Stadtkirche etablierte sich durch die Anschaffung einer Orgel (1600, Orgelbauer Johann Grorock) und durch die Anstellung eines Stadtorganisten (Nikolaus Ellinger). Zu den auch überregional bedeutenden Musikerpersönlichkeiten bei Hof zählt Johann Andreas Herbst, der vordem bei Philipp von Butzbach tätig war und 1619 nach DA wechselte. Durch Kriegsereignisse gezwungen (Dreißigjähriger Krieg), ging er bereits 1623 nach Frankfurt/Main an die dortige Barfüßerkirche. In den Jahren seiner Kapellmeistertätigkeit wurde der Bestand an Instrumenten und Werken zeitgenössischer Komponisten deutlich vermehrt.
Trotz der herrschenden Kriegszeit erlebte die Hofmusik eine kurze Blüte unter Georg II. Seine Vermählung mit Sophia Eleonore von Dresden brachte den Landgrafen und seine ihn begleitenden Musiker mit der Musikkultur des sächsischen Hofes unter Heinrich Schütz in Kontakt. Bei der in Torgau 1627 gefeierten Hochzeit erklang die von Schütz komponierte und um ihres deutschen Textes willen bemerkenswerte Oper Daphne, von der sich die Musik allerdings nicht erhalten hat. Die Dresdner Anregungen schlugen sich in DA in Lautenmusik, Balletten und Liedern nieder, und die Hofkapelle mit Philipp Jakob Treffer als Kapellmeister erlebte in den Jahren darauf eine deutliche Mehrung ihres Personalstands. Bedeutsam für die gehobene Musikpflege in DA war die 1629 erfolgte Eröffnung des von Ludwig V. geplanten und von Georg II. verwirklichten Pädagogs. Die Pflege der Musik bildete einen Schwerpunkt in der schulischen Erziehung. Vier wöchentliche Musikstunden waren die Regel, der Kantor besaß eine herausragende Stellung innerhalb der Lehrerschaft und leitete in den Gottesdiensten der Stadtkirche mitsamt seinen Schülern den Figuralgesang. Auch musste er bei besonderen Anlässen (Hochzeiten, Begräbnissen etc.) zu Diensten stehen. Zum ersten Pädagogkantor wurde Jakob Walter berufen. 1629 erlitt die Hofkapelle, weil nach Ansicht der Landesverwaltung zu kostspielig, eine starke Reduzierung. Es blieben aber noch so viele Musiker am Ort, dass die Ausführung einer geringstimmigen, generalbassbegleiteten Monodie und solistische Lautenmusik möglich waren. Bei der durch äußere Gründe (Pest, Krieg) erzwungenen Verlegung des Hofs nach Lichtenberg und Gießen reiste stets ein Teil der Hofkapelle mit. In DA unterrichtete der seit 1632 zur Hofkapelle zählende Christian Theodor Voelckel die Kapellknaben und unterwies in Gießen die fürstlichen Kinder. 1640 ging er nach Frankfurt als Kapellmeister neben Johann Jeep, blieb aber hessen-darmstädtischer Kapellmeister von Haus aus.

Ein beträchtlicher Fundus an Musikinstrumenten und an Musikalien wuchsen der Darmstädter Hofmusik mit dem Erbe des 1643 verstorbenen Landgrafen Philipp von Butzbach zu. Es handelte sich vor allem um Musik aus der Zeit des Frühbarock, darunter Kompositionen von Orlando di Lasso (1586, 1604), Andreas Pevernage (1602), Johann Hermann Schein (1609), Giovanni Gastoldi (1606), Christoph Demantius (1609) und andere Werke aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs war eine Periode ständigen Auf- und Niedergangs bei der Hofmusik, aber auch bei der Musik an der Stadtkirche, den Stadtmusikanten und Türmern. Trotz Plünderungen und Zerstörungen war die Musikpflege in DA weder völlig untergegangen, noch hatte sie den Kontakt zur allgemeinen europäischen Entwicklung verloren. Das Kriegsende setzte dann neue Kräfte frei. Das Pädagog und mit ihm die Kirchenmusik an der Stadtkirche wurde von der Stadt und vom Landgrafen unterstützt. Die Schülerzahl nahm deutlich zu. Johann Heinrich Seip, vordem Schulmeister in Gießen, wurde 1651 als schulischer Musikdirektor eingesetzt. Die Sitte des Kurrende-Singens entstand, die den ärmeren Schülern Gelegenheit bot, sich durch das sonntägliche Singen auf der Straße eine Aufbesserung ihres Unterhalts zu verschaffen. Der reguläre Musikunterricht am Pädagog betrug wiederum vier Wochenstunden; die Pädagogschüler waren für den Figuralgesang in der Stadtkirche zuständig, während die Stadtschüler den Choral einstimmig führten. Einige der stimmbegabten Pädagogschüler wirkten zudem als Vorsänger in der Schlosskirche mit und führten dort den Choralgesang. Diese gegenseitige musikalische Verflechtung an beiden Gottesdienststätten war nur möglich, wenn die Figuralmusik in der Schlosskirche nachmittags stattfand.

Schwerer tat sich hingegen die Hofkapelle, deren geringe Zahl an Mitgliedern auch mit dem vom Landgrafen bevorzugten Lautenspiel in Zusammenhang gestanden haben mag. Das 1651 aufgeführte festliche Ballett von Kapellmeister Jakob Walter zur Vermählung des Erbprinzen Ludwig (Ludwig VI.) mit der schleswig-holsteinischen Prinzessin Maria Elisabeth musste überwiegend von auswärtigen Musikern bestritten werden. Die Schulden, die der Krieg hinterlassen hatte, hinderten einen großzügigen Wiederaufbau der Hofkapelle. Nur unzureichend war die Leitung der Musik in der Schlosskirche geregelt. Der als Hoforganist angestellte Philipp Christoph Wannemacher übernahm 1653 die Leitung der gesamten Kirchenmusik, bis endlich 1657 mit dem aus Mailand stammenden Paolo Mazzucchelli die Hofkapellmeisterstelle – wenn auch nur für wenige Jahre – neu besetzt wurde. Indes, zu einer Blüte der Musik kam es vorerst nicht. An der Situation änderte sich auch nach Georgs Tod 1661 unter der Regentschaft Ludwigs VI. kaum etwas. Sein Name verbindet sich vor allem mit der Errichtung eines neuen Gebäudes im Schloss (der Hohe Bau) und mit dem seit 1671 dessen Turm krönenden, nach niederländischem Vorbild gefertigten Glockenspiel. Nach dem frühen Tod seiner ersten Gemahlin Maria Elisabeth vermählte er sich 1666 mit Elisabeth Dorothea von Sachsen-Gotha. Mit Musik, Ballett und Theateraufführungen wurde das Paar in DA begrüßt. Die Landgräfin bewirkte, dass ihr ehemaliger musikalischer Erzieher, der Gothaer Kapellmeister Wolfgang Carl Briegel, 1671 nach DA kam. Weitere Musiker folgten, sodass die Hofkapelle bald wieder eine Stärke von etwa 20 Musikern aufwies. Auch der Musikalienbestand wuchs, nicht zuletzt durch Briegels eigene Kompositionen. Die Musik in der Schlosskirche bediente er mit Kantatenjahrgängen, die sich textlich an den Sonntagsevangelien ausrichteten. Formal folgten seine Kantaten einem älteren Typ mit strophischen Arien, Duetten und wenig umfangreichen Chören, unterstützt von einer geringstimmigen Instrumentalbeteiligung. Briegel verbreitete sie im Druck.

Unter Elisabeth Dorothea wurde die Stellung der Musik innerhalb des gottesdienstlichen Ablaufs neu festgelegt; die Motette/Kantate fand ihren Platz unmittelbar vor der Predigt. Ihr Interesse am Kirchengesang manifestierte sich im Großen Darmstädter Cantional (1687), für das Briegel die Melodien revidiert und eigene Melodien beigesteuert hatte. Es bildete die Voraussetzungen für einen einheitlichen Kirchengesang im Lande. Auch die Entstehung von deutschen Opern, von allegorischen Singspielen und Balletten, die im engen höfischen Kreis aufgeführt wurden, ging auf Anregungen der Landgräfin zurück. Spätestens nach der Rückkehr der 1685 zu Bildungsreisen nach Frankreich aufgebrochenen Prinzen Ernst Ludwig und Georg (1686) wurde die von August Kühnel geleitete Hofmusik mit dem französischen Musikstil konfrontiert. Der musikalische Auf- und Umschwung wurde jedoch durch Kriegsereignisse aufgehalten, der Hof flüchtete nach Gießen und Nidda, nur wenige Musiker verblieben der Kirchenmusik wegen in DA. Das Glockenspiel wurde 1693 nach Frankfurt verbracht. Briegels Kompositionen der Bußpsalmen und die Apostolische Chormusik waren ein Reflex dieser Notzeiten.

18. Jahrhundert

1694 trat der jugendliche Gambist Ernst Christian Hesse in die Hofkapelle ein. Zu weiteren Studien schickte ihn Landgraf Ernst Ludwig nach Paris. Von dort kehrte er 1701 als Virtuose zurück und wurde 1706 zum Kapelldirektor ernannt. Bei seiner Rückkunft von einer Virtuosenreise 1710 war bereits Christoph Graupner als Vizekapellmeister unter Vertrag. Mit ihm begann eine Zeit musikalischer Kontinuität auf hohem Niveau. Der musikalisch gebildete und selbst komponierende Landgraf Ernst Ludwig hatte Graupner als Opernkomponisten nach DA verpflichtet, um hier eine stehende Oper einzurichten. Der hohen Kosten wegen währte das Unternehmen jedoch kaum zehn Jahre. Als Hofkapellmeister konzentrierte sich Graupner auf die höfische Musik in all ihren Spielarten. Die städtische und die bürgerliche Musik hingegen berührten sein Musikeramt offiziell nicht. Gleichwohl bestanden Verbindungen zwischen den Hofmusikern und den Musik liebenden Bürgern der Stadt. Neben den großen Komponisten seiner Zeit wie Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach oder Johann Friedrich Fasch stand er in hohem Ansehen bei seinen Zeitgenossen. Zusammen mit seinem Vizekapellmeister Gottfried Grünewald komponierte er bis 1754 die für den höfischen Gottesdienst benötigten Kirchenkantaten, vorwiegend auf Texte von Georg Christian Lehms und Johann Conrad Lichtenberg. Nach Grünewalds Tod übernahm Johann Samuel Endler die Stelle des Vizekapellmeisters, und nach Graupners Tod rückte er in die Stelle des Hofkapellmeisters auf. Der große Bedarf an höfischer Repräsentationsmusik aller Art führte zu einer umfänglichen Sammlung von Kompositionen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die bis heute erhalten ist. Die Hofmusik litt unter den desolaten finanziellen Verhältnissen des Hofs. Nach Schließung der Oper wanderte künstlerisches Personal ab. Graupner bewarb sich erfolgreich um das Kantorat an der Thomasschule in Leipzig, verhielt sich aber letztlich seinem Fürsten gegenüber loyal und blieb in DA. Die infolge ausgesetzter Honorarzahlungen wachsende Verschuldung unter den Musikern, verschlimmert durch die 1740 von Ludwig VIII. angeordneten Besoldungskürzungen, führten zur weiteren Schwächung der Hofkapelle. Neuverpflichtungen bedeutender Virtuosen wie der Geiger Wilhelm Gottfried Enderle, die Altistin Ludomilla Schetky oder der Violoncellist Christoph Schetky bildeten die Ausnahme. In Graupners letzten Lebensjahren, als einerseits durch die Musik liebende Erbprinzessin Karoline Henriette eine Verbindung zum Berliner Hof bestand und gleichzeitig die Mannheimer Musik aufblühte, erweiterte und wandelte sich das Repertoire der Hofkapelle um zahlreiche Werke der beginnenden Vorklassik.

Durch den Tod Graupners (1760) und Endlers (1762) erfolgte in der Tradition der Hofkapelle ein bedeutsamer Einschnitt. Der Tod des Landgrafen Ludwig VIII. (1768) und die faktische Verlegung der Residenz unter Ludwig IX. nach Pirmasens, wo Militär- aber keine Konzertmusik benötigt wurde, sowie eine einschneidende Personalreduzierung auch bei der Hofkapelle bewirkten den unausweichlichen Niedergang der höfischen Musik. Mit einem Minimum an Musikern mussten die sonntäglichen Kantatenaufführungen bestritten werden. Erst nach Rückkehr des Erbprinzen Ludwig X. (Ludewig I.) nach DA erwachte unter seiner Initiative ein neues, nun aber auf seine Person bezogenes Musikleben, das sich nicht nur auf den Hof beschränkte, sondern auch musikalisch gebildete Bürger mit einbezog. Von 1780 an veranstaltete er Konzerte, ohne indes auf die Traditionen seiner Vorfahren zurückzugreifen. Ein Aufschwung der bürgerlichen Musikpflege hingegen spiegelte sich vor allem in der geregelten musikalischen Erziehung der Pädagogschüler und in der Mitwirkung des Schülerchors bei den sonntäglichen Kirchenmusiken in der Stadtkirche. Unter dem 1718 zum Stadtkantor bestellten Georg Philipp Zahn erlangte die Pädagogmusik eine herausragende Bedeutung, und es entstand unter seiner Amtsführung 1721 eine die Angelegenheiten des Chors und der Instrumentalisten bis ins Einzelne regelnde Darmstädter Singordnung. Die solchermaßen gestärkte Musik am Pädagog und an der Stadtkirche zerfiel unter dem seit 1768 eingesetzten Johann Gottlieb Portmann, da eine Trennung von Kantorat und Schulamt angestrebt wurde. Der ausgedehnte Musikunterricht wurde als störend für den Schulbetrieb empfunden. Ebenso begannen die städtischen Türmer um ihre Einnahmen zu bangen, weil sich zum Aufspielen bei Hochzeiten, Kirchweihfesten und sonstigen Anlässen oftmals auswärtige Spielleute oder Angehörige des Militärs einfanden. Die Einrichtung der Türmer musste immer wieder durch Instruktionen abgesichert werden. Auf diese Weise blieb der hohe Stand ihrer Musizierkunst erhalten. Nicht wenige namhafte Musiker, darunter der zum Oboisten bestellte Johann Wilhelm Mangold, der Stammvater einer bedeutenden Musikerfamilie in DA, gingen aus dem städtischen Musikamt hervor. Dass in den Jahren 1792 bis 1794 mit Heinrich Philipp Bossler ein genialer Musikdrucker in DA sein Geschäft betrieb, blieb weitgehend unbemerkt.

Eintrittskarte für das Erste Mittelrheinische Musikfest in Darmstadt 1856, Stadtarchiv Darmstadt

19. Jahrhundert

Die weitere Entwicklung der Musikpflege in DA war eng mit der Person des Landgrafen Ludwig X., des späteren Großherzogs Ludewig I., verbunden. Musik blieb fortan kein Privileg des Hofs und der Adelsschichten mehr, auch das Bürgertum konnte an den Konzerten bei Hof Anteil nehmen. Theater und Konzertveranstaltungen wurden neu belebt und Kontakte zu bedeutenden Musikern gepflegt mit dem Ziel, sie nach DA zu holen. Durchreisende Virtuosen erhielten eine Chance, in den Zwischenakten der Theateraufführungen ihr Können zu zeigen. Die musikalische Leitung, sei es bei Proben oder bei Konzerten, behielt sich der Großherzog vor. Ihm assistierten die von ihm eingesetzten Musikdirektoren, die wie Georg Kaspar Sartorius aus dem Orchester aufgestiegen sein konnten oder von außerhalb berufen wurden. Mit Georg Joseph Vogler zog Ludewig 1807 eine ebenso geniale wie schillernde Persönlichkeit an seinen Hof. Der diesen Künstler umgebende Ruf ließ Musiker wie Carl Maria von Weber, Jean-Baptist Gänsbacher oder Giacomo Meyerbeer nach DA ziehen, um Voglers Unterricht zu genießen. Kurz zuvor war Johann Christian Heinrich Rinck als Stadtorganist und Pädagoglehrer nach DA gekommen, wo er 1813 zum Hoforganisten an der Schlosskirche ernannt und später als Kammermusiker Mitglied der Hofkapelle wurde. Durch ihn entwickelte sich DA zu einem Zentrum der Orgelkunst. Als es schließlich 1818 den Juristen, Musiktheoretiker und Komponisten Gottfried Weber nach DA zog, konzentrierten sich in der Hessischen Residenz bedeutende musikalische Kräfte, die freilich unter der letztendlichen Entscheidungsbefugnis des Großherzogs nicht immer voll zur Geltung kamen.

Unter Ludwig II. wurde 1831 zwar der Theaterbetrieb stark eingeschränkt, doch es wurden weiterhin Konzertaufführungen angeboten. Erst mit der Wiederbelebung der Spielstätte konnte das Orchester unter Wilhelm Mangold seine Wirkung auch im Konzertbetrieb neu entfalten. Im Jahr 1832 gründete sich der Darmstädter Musikverein. Verschiedene Versuche, einen vom Hof unabhängigen musikalischen Verein ins Leben zu rufen, waren vorausgegangen. Der neue Verein strebte nicht nur die Aufführung klassischer Werke an, sondern wollte sich in besonderer Weise auch der Kirchenmusik annehmen. Sein bedeutendster Leiter der ersten Jahrzehnte war Carl Amand Mangold. Er machte DAs Publikum erstmals mit der großen Oratorienliteratur bekannt, so beispielsweise mit Händels „Messias“ auf dem ersten Mittelrheinischen Musikfest 1856. In kurzer Zeit entstanden weitere Vereine: 1834 die Liedertafel (Gesangvereine), 1842 der Sängerkranz (Gesangvereine) und 1843 schließlich der Mozartverein als reiner Männergesangverein. Eine nur kurze Lebenszeit war dem 1853 aus dem Musikverein hervorgegangenen Verein für Kirchenmusik beschieden. In seiner Zielsetzung, neben der geistlichen Konzertmusik auch die Musik im Gottesdienst zu fördern, griff er auch auf Werke früherer Jahrhunderte zurück. Die restaurativen Absichten waren offenkundig, doch die Zeit für eine musikalische Rückbesinnung war noch nicht gekommen. Erst 1874 wurde der Ev. Kirchengesangverein (Kirchenmusik) gegründet, der an der Stadtkirche angesiedelt war und die alten Ideale wieder aufgriff. Gleichfalls 1853 fand unter Louis Schindelmeisser das erste in der langen Reihe der Hofmusikkonzerte statt. Er war Freund und Anhänger Richard Wagners und brachte in DA erstmals dessen Bühnenwerke zur Aufführung. Die Hofmusikkonzerte blieben von da an Aufgabe des Theaterorchesters und wurden unter Joseph Nesvadba, Gustav Schmidt und Willem de Haan bis zum Ersten Weltkrieg fortgesetzt. Der Förderung des musikalischen Nachwuchses diente das 1851 von Philipp Schmitt ins Leben gerufene Konservatorium, das 1922 mit den Konservatorien von Wilhelm Süß und von Martin Vogel verbunden und als Akademie für Tonkunst weitergeführt wurde. Wohl die letzten großen bürgerlichen Zusammenschlüsse waren der 1883 als Dilettantenorchester gegründete Instrumentalverein und der 1889 entstandene Richard-Wagner-Verein.

Studio-Konzert unter der Leitung von Karlheinz Stockhausen (links auf dem Podest) bei den Internationalen Ferienkursen, 29.08.1967, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

20. Jahrhundert

Die politischen Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg brachten kaum Veränderungen in das musikalische Leben der Stadt im 20. Jahrhundert. Es wurden vielfach nur die Namen gewechselt, die Inhalte blieben gleich. Ernst Ludwig, der letzte regierende Großherzog, hatte die Kunst in all ihren Ausprägungen gefördert. Er hatte zu den Kammermusikfesten 1908 bis 1910 immer wieder Max Reger eingeladen und mit ihm die zeitgenössische Musik in DA etabliert. Diese Impulse wurden später durch die Freie Gesellschaft für Musik aufgegriffen. Nur waren deren Programme bewusst radikaler als vordem, erstmals erschienen hier die Namen von Wilhelm Petersen und Hans Simon. Die Sinfoniekonzerte des Theaters standen unter der Leitung der jeweiligen Generalmusikdirektoren. Noch während des Krieges wirkte hier Felix Weingartner, ihm folgten Michael Balling, der sich vor allem als Brucknerdirigent einen Namen gemacht hatte, danach Joseph Rosenstock, Karl Böhm, Hans Schmidt-Isserstedt, Karl Maria Zwißler, Karl Friderich und – bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinein – Fritz Mechlenburg.

Die Kirchenmusik hatte schon im 19. Jahrhundert bedeutende Impulse durch die liturgisch-restaurativen Bemühungen um den Kirchengesang empfangen. Von dem in DA 1874 gegründeten Kirchengesangverein ging eine Signalwirkung aus. Es entstanden Landesverbände und bereits 1883 der von einem Zentralausschuss geleitete Ev. Kirchengesangverein für Deutschland, dessen jeweilige Vorsitzende bis 1925 in DA wohnhaft waren: Ludwig Hallwachs, Heinrich Adolf Köstlin und Friedrich Flöring. Weitere Persönlichkeiten im Umfeld der kirchenmusikalischen Erneuerung waren Theophil Becker, Wilhelm Ewald und Theodor Goldmann. Auf deren gemeinsames Betreiben wurde in DA das Amt eines Kirchenmusikmeisters geschaffen und 1891 mit Arnold Mendelssohn erstmals besetzt. Es war ein überregionales Amt, und mit Mendelssohn, der gleichzeitig Gymnasiallehrer war, zentrierten sich in DA – nicht nur im kirchenmusikalischen Bereich – erneut wesentliche kulturelle Kräfte. Die fortschrittliche musikalische Richtung mit einer Musik, die politisch nicht gewollt war, selbst Experimente wie die von Jörg Mager, der mit auf elektrischem Weg erzeugten Klängen neue musikalische Möglichkeiten eröffnete, ging in der Zeit des Nationalsozialismus unter. Mit dem Zusammenbruch auch der musikalischen Werte war eine Neuorientierung erforderlich. Die hohen materiellen Verluste machten es den tragenden Konzertvereinen zunächst kaum möglich, wieder Fuß zu fassen. Zudem war der Anschluss an die allgemeine Musikentwicklung verloren gegangen. Versuchen, an die Vorkriegsjahre anzuknüpfen, standen Neuerer gegenüber, die vor allem der Neuen Musik eine Chance zu geben versuchten. In den musikarmen Nachkriegsjahren war es beispielsweise der aus der Singbewegung hervorgegangene Darmstädter Singkreis, der mit ersten Chorkonzerten an die Öffentlichkeit trat, oder die von Friedrich Noack geleitete Akademie für Tonkunst, die in ihren Konzerten eine eher konventionelle Richtung einschlug.

Einen radikalen Neuansatz versuchte hingegen seit 1946 Wolfgang Steinecke mit der Schaffung eines Forums, auf dem sich die deutsche und bald auch die internationale Avantgarde treffen und austauschen konnte: den Internationalen Ferienkursen für neue Musik (s.a. Internationales Musikinstitut DA). Der Darmstädter Komponist Hermann Heiss erforschte eine durch elektromagnetische Schwingungen hergestellte Tonerzeugung und schuf eine neue Kompositionsweise. Seine Ideen wurden später vom Kölner Institut für elektronische Musik übernommen und fortgeführt. Die Ansiedlung weiterer Institute – das Institut für neue Musik und Musikerziehung mit seinen Tagungen (1947), später das Jazz-Institut (1990, Jazz in DA), die Chopin-Gesellschaft oder die Wilhelm Petersen-Gesellschaft – verliehen DA den Ruf einer internationalen Musikstadt.

Lit.: Noack, Elisabeth: Musikgeschichte Darmstadts vom Mittelalter zur Goethezeit, Mainz 1967 (Beiträge zur mittelrheinischen Musikgeschichte Nr. 8); Schweitzer, Philipp: Darmstädter Musikleben im 19. Jahrhundert, Darmstadt 1975 (Darmstädter Schriften 37); Musik in Darmstadt zwischen den beiden Weltkriegen. Mit Beiträgen von Oswald Bill, Philipp Schweitzer, Hans Martin Balz und Ludwig Nöll, hrsg. von Hubert Unverricht und Kurt Oehl, Mainz 1980 (Beiträge zur mittelrheinischen Musikgeschichte Nr. 18).