Stadtlexikon Darmstadt

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Erster Weltkrieg
Zum Ausrücken bereite Darmstädter Truppen vor dem Alten Hauptgebäude der TH Darmstadt in der Hochschulstraße, Anfang August 1914, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

In den ersten Tagen des August 1914 herrschte in DA wie in anderen Städten des Reichs Aufbruchsstimmung. Die Soldaten, die nach der am 2. August beginnenden „Mobilmachung“ mit Musik durch die Straßen marschierten, wurden von tausenden Zivilisten geleitet und begrüßt. Allerdings berichten die Zeitungen auch von weinenden Frauen und bedrückter Stimmung. Oberschüler und Studenten meldeten sich in großer Zahl freiwillig, motiviert durch die Direktoren der Oberschulen, die ihre Schüler insgesamt auch zu freiwilligen Dienstleitungen aufriefen. Ernst und Zweifel, die noch die von SPD und Gewerkschaften durchgeführte Anti-Kriegskundgebung vom 30. Juli bestimmt hatten, äußerten sich jetzt  vorwiegend privat. Doch bald wurde der Krieg zum Alltag, etwa in den täglichen Gefallenenmeldungen in den Zeitungen. Verwundetentransporte machten die Realität des Krieges sichtbar. Die im März/April 1915 im Griesheimer Weg nahe dem Hauptbahnhof angelegten Schau-Schützengräben sollten die Zivilbevölkerung von den Sicherungsmaßnahmen für die deutschen Soldaten überzeugen; aber die im Stadtarchiv überlieferten Feldpostbriefe an Angehörige lassen, auch wenn vieles nur angedeutet wird, die brutale Kriegsrealität deutlich werden.

Stadtarchiv Darmstadt

Lazarette, u.a. im Saalbau (Festhallen), und Gefangenenlager (Baracken auf dem Griesheimer Truppenübungsplatz) wurden eingerichtet, die Darmstädter Fabriken stellten auf Kriegsproduktion um (Firma Merck: Feldapotheken; Firma Goebel: Flugzeugmotoren; Firma Roeder: Feldküchen). Auf dem Darmstädter Flugplatz (Flugplätze) wurden Bombenflugzeuge gebaut und von dort aus seit 1915 Luftschiff-Angriffe auf Paris und London geflogen. Im Gegenzug griffen französische Flugzeuge DA an, dabei starben im Sommer 1918 vier Menschen aus dem Woogsviertel. Schon im ersten Kriegsjahr wurden Versorgungsmängel spürbar: ab Frühjahr 1915 mussten Brotkarten ausgegeben werden; die Tagesration betrug – nicht immer erreichte – 200 g Mehl, das mit Kartoffeln gestreckt wurde. Seit 1916 waren nahezu alle Lebensmittel sowie Kleidungsstücke, seit 1917 auch Schuhe nur noch auf Bezugsscheinen erhältlich. Der Rückgang an männlichen Arbeitskräften erforderte, dass Frauen u.a. als Straßenbahnschaffnerinnen und Briefträgerinnen arbeiten mussten. Für bis zu 1.000 unversorgte oder unterernährte Kinder bot die Stadt Kinderspeisung an. Seit Ende 1916 konnten ärmere Bürger an zehn öffentlichen Küchen Mahlzeiten erhalten. Von dieser Alltagsmisere konnte auch die im Darmstädter Residenzschloss 1916 gezeigte „Deutsche Kriegsausstellung“ kaum ablenken, die vor allem durch feindliche Beutestücke beeindrucken wollte; der Besuch blieb hinter den Erwartungen zurück. Dass das neue Darmstädter Stadtwappen mit der von Großherzog Ernst Ludwig aus Anlass seines 25-jährigen Regierungsjubiläums 1917 zugefügten Krone von der Stadtverwaltung zuerst bei Notgeldscheinen eingesetzt wurde, war wieder ein Hinweis auf den Ernst der Lage. Die revolutionären Ereignisse im November 1918 wurden als Beendigung des Krieges erleichtert begrüßt (Volksstaat Hessen).

Das mit Holzbrettern abgedeckte Hallenbad diente 1915-18 als Arbeitsstätte für die Kriegsproduktion, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Insgesamt acht Denkmäler wurden nach 1918 zur Erinnerung an die 2.121 Darmstädter Weltkriegstoten errichtet (Kriegerdenkmäler; Leibgardistendenkmal, Jüdischer Friedhof). Auf dem Waldfriedhof (Friedhöfe) sind 397 deutsche sowie 762 russische, englische, italienische und amerikanische Soldaten begraben, die ihren Verwundungen in Darmstädter Gefangenschaft erlagen. Für die ebenfalls dort bestatteten 240 französischen Toten wurde 1917 ein Denkmal errichtet. 1922 ließ die französische Regierung diese Toten in einen Sammelfriedhof nach Saarlouis überführen.

Lit.: Stöcker, Michael: „Augusterlebnis 1914“ in Darmstadt. Legende und Wirklichkeit. Darmstadt 1994; Briefe und Lebenszeugnisse Darmstädter Soldaten und ihrer Angehörigen. Ein Datenbankprojekt zum Ersten Weltkrieg von Schülern der Bertolt-Brecht-Schule, in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv und dem Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt: www.digada.de/wk1/uebersichtwk1.htm; Lange, Thomas / Schneider, Ute (Hrsg.): Kriegsalltage. Darmstadt und die Technische Hochschule im Ersten Weltkrieg, Darmstadt 2003 (TUD Schriftenreihe Wissenschaft und Technik Bd. 83).