Stadtlexikon Darmstadt

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Kirchengeschichte Darmstadts
Sechste Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Vereins in der Stadtkirche, 1847, Stadtarchiv Darmstadt

(s.a. Kirchengeschichte Eberstadts) Die Kirchengeschichte des heutigen Darmstädter Stadtgebiets ist durch eine Mehrzahl von grundherrschaftlichen Bezügen bestimmt. Ein großer Teil desselben (Arheilgen, Bessungen, Wixhausen) kam im 11. Jahrhundert in hochstiftisch-würzburgischen Besitz. Bis 1369 war die inmitten eines Friedhofs gelegene Darmstädter Marienkapelle Filial der Johanneskirche von Bessungen, eine 1002 erstmals genannte königliche Gründung. Politisch fiel Bessungen 1007 an das Bistum Bamberg und 1013 an das Bistum Würzburg, von dem die Grafen von Katzenelnbogen 1319 auch DA und Bessungen zu Lehen erhielten. Waren gegen Ende des 13. Jahrhunderts die Katzenelnbogener stärkste Kraft im Darmstädter Raum, so behielt Eberstadt als bis 1662 zur Herrschaft der Frankensteiner gehörig eine Sonderstellung. Die erstmalige Nutzung DAs als Residenz für Gräfin Else von Hanau (ab 1360) ließ den Bau einer angemessenen Stadtpfarrkirche dringlich erscheinen. Auf Veranlassung Graf Wilhelms II. von Katzenelnbogen löste der Mainzer Erzbischof Gerlach 1369 die Darmstädter Kapelle von der Mutterkirche in Bessungen und erhob sie zur Pfarrkirche. Altarstiftungen der Folgezeit (der Liebfrauen[Hoch]altar, die Altäre zu Ehren des Hl. Kreuzes, St. Katharinas, der drei Könige, der Märtyrer Felix und Audax, auch St. Goars, Sebastians, Martins, der 10.000 Ritter und Märtyrer) und ein 1380 erteilter Ablassbrief des Kardinals Pileus setzen den ersten Bau der Stadtkirche „Unserer lieben Frauen“ bzw. die Erweiterung der alten Kapelle bis 1380 voraus; schon 1377 wird hier ein Pfarrer Hartlieb erwähnt. Die an den sieben Altären amtierenden Altaristen wurden zu einem Halbstift (gemeinsame Gottesdienste, Chorgebet und Wohngemeinschaft) zusammengefasst. Landgraf Philipp der Großmütige beschloss auf dem Homberger Landtag vom 26.10.1526 die Einführung der Reformation in Hessen. Schon am 21.08.1526 ernannte er den aus Worms stammenden, aus Weißenburg vertriebenen Anhänger Luthers Nikolaus Maurus zum Pfarrer der Darmstädter Stadtkirche, 1527 führte Heinrich Moter die Reformation in Arheilgen ein. Bessungen, das im 15. Jahrhundert Darmstädter Filial war, wurde in der Reformationszeit wieder Pfarrei (erster ev. Pfarrer vermutlich der frühere Darmstädter Altarist Johann von Sörgenloch, gen. Gensfleisch; nach Wilhelm Diehl Konrad Appelmann 1535). Wixhausen war seit 1394 Pfarrort; Wilhelm Diehl nennt Adolph Frey aus Arheilgen, gen. Wallach, als ersten ev. Pfarrer (1557). Das nach der Niederlage des protestantischen Schmalkaldischen Bunds 1548 von Kaiser Karl V. erlassene „Augsburger Interim“ betraf im Darmstädter Raum unmittelbar nur Eberstadt, das bis 1553 wieder einen kath. Pfarrer hatte.

Mit dem Amt des Darmstädter Stadtpfarrers, der seit 1555 den Titel „Oberpfarrer“ führte, war seit 1527 das Amt des Superintendenten der Obergrafschaft verbunden, wodurch DA auch kirchlicher Mittelpunkt dieses Gebiets wurde. Als leitender Geistlicher konnte der Superintendent kraft seiner Visitationsbefugnisse in die kirchlichen und sozialen Verhältnisse seines Sprengels eingreifen. So erklärte Superintendent Johannes Angelus den Schulbesuch zur Voraussetzung der Konfirmation, was auf eine Art Schulpflicht hinauslief (Schulwesen). 1575 wurde wegen der Vergrößerung des Hofs eine Hofpredigerstelle eingeführt. Mit der hessischen Landesteilung von 1567 wurde aus der Provinzstadt DA die Residenz der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, wodurch auch die kirchliche Entwicklung der Stadt eng mit der des ganzen Landes verbunden wurde. Die Stadtkirche wurde zu einer Gedächtnis- und Begräbnisstätte für die landgräfliche Familie. Die (1662 und 1724 erweiterte, 1904 durch das Hessische Kirchenbuch abgelöste) hessische Kirchenagende von 1574 regelte Gottesdienst, Frömmigkeit und Kirchenzucht. Regelmäßiger Gottesdienstbesuch war Pflicht und wurde noch 1589 durch nachträgliches Abzählen auf dem Rathaus kontrolliert. Die 1663 vollendete Stadtkapelle auf dem Friedhof geht ursprünglich auf eine Stiftung des Zeltschneiders Bierlein zurück, der sich damit die Kirchenbuße wegen Ehebruchs ersparte. Anfang des 18. Jahrhunderts wurden Kegelspiel und Wirtshausbesuch während des Vormittagsgottesdienstes bei Strafe verboten. Landgraf Ludwig V. sorgte mit der Gründung der Universität Gießen 1607 für den lutherischen Pfarrer- und Beamtennachwuchs. Georg II. führte 1628 auch in der Obergrafschaft eine Generalkirchenvisitation durch. Ludwig VI. sorgte durch die Berufung Wolfgang Carl Briegels zum Hofkapellmeister (1671) auch für die Kirchenmusik (Darmstädter Cantional- oder Kirchengesangbuch von Briegel von 1687). Die vom Frankfurter luth. Senior Philipp Jakob Spener angestoßene Frömmigkeitsbewegung des Pietismus konnte zwar an der Gießener Universität Fuß fassen. In DA wehrte Superintendent Balthasar Mentzer die Versuche des Hofpredigers Johann Winckler und des Kammerrats W. C. Kriegsmann ab, Privatzusammenkünfte (collegia pietatis) einzuführen und so die Einheit der Landeskirche zu gefährden. Reformen waren nur innerhalb der von der Kirchenordnung festgelegten Grenzen möglich. Eine Frucht des Pietismus ist die Gründung des Darmstädter Waisenhauses (Wohlfahrtspflege) von 1697 durch Stadtprediger Eberhard Philipp Zühl nach dem Vorbild A. H. Franckes in Halle. Zühl war auch durch sein gesellschaftskritisches Engagement (vgl. seine Jagd- und Wildschadenspredigt) bekannt. 1700 wurde er Metropolitan in Groß-Gerau. Während Superintendent Friedrich Wilhelm Berchelmann (1679-1754) das Anliegen des Pietismus förderte, wurde es durch seine Kollegen Bilefeld und v. a. Johann Hektor Dietz diskreditiert. Andererseits förderte der Pietismus auch konfessionelle Toleranzbestrebungen. Landgraf Ernst Ludwig siedelte auf seinen herrschaftlichen Höfen in Wembach, Rohrbach und Hahn aus Frankreich vertriebene Waldenser an. 1714 gestattete er (bis 1727) mit Rücksicht auf eine in DA gastierende französische Komödientruppe die private Abhaltung kath. Gottesdienstes. 1695 wurde den Juden freie Religionsausübung gestattet (Juden in DA).

Evangelischer Männer- und Jünglingsverein, gegründet 1891, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Im Zeitalter der theologisch weniger an der Lehre als am praktischen Gottesdienst interessierten Aufklärung erhielten 1780 die Reformierten in DA Religionsfreiheit. Während Landgraf Ludwig IX. noch 1788 die Einführung eines kath. Gottesdienstes ablehnte, erließ Ludwig X. (Ludewig I.) am 01.12.1790 den so genannten „Freiheitsbrief“, der den Katholiken der Residenz zunächst in einem bestimmten, noch von der luth. Landeskirche vorgezeichneten Rahmen die Ausübung ihrer Religion förmlich gestattete (1804 Einrichtung einer kath. Schule, 1827 Einweihung der Kirche St. Ludwig). Insgesamt schwächte die Aufklärung die Kirchenordnung und kirchliche Sitte im Territorialstaat; staatliche Notwendigkeiten (z. B. die 1803, 1806 und 1816 erfolgten Eingliederungen bzw. Unterstellungen bisher selbstständiger Gebiete in das sich als paritätischer Staat verstehende Großherzogtum Hessen) bestimmten kirchliche Reformen. Die „Demokratisierung“ der staatlichen Verfassungsentwicklung schlug sich auch in dem Kampf um eine zeitgemäße Kirchenverfassung nieder. Der Darmstädter Bürgermeister Albrecht Ohly war Mitbegründer des liberalen Darmstädter Protestantenvereins und Vorkämpfer der neuen Synodalverfassung der hessischen Kirche von 1874. Eine Frucht der sog. „Erweckungsbewegung“ im 19. Jahrhundert in DA war die Förderung der Äußeren und Inneren Mission, z. B. Gründung des Diakonissenhauses Elisabethenstift 1858 und der Stadtmission 1888. 1833 wurde in DA (ohne Bessungen) die Vereinigung (Union) der luth. und reformierten Gemeinde vollzogen. Bis 1918 bestanden im alten DA (außer Bessungen) fünf ev. Gemeinden: die luth. Hofgemeinde, die unierte Militärgemeinde sowie die Stadtgemeinde, die Martinsgemeinde (seit 1885) und die Johannesgemeinde (seit 1895); letztere wurden zusammen – im Unterschied zur Militärgemeinde – als „vereinte (unierte) evangelische Zivilgemeinde“ bezeichnet. Aus ihnen gingen bis nach dem Zweiten Weltkrieg durch Ausgliederungen weitere Kirchengemeinden hervor, deren verwaltungsmäßige Zusammenfassung (z. B. Gesamtgemeinde, Ev. Dekanat) im Laufe der Zeit Veränderungen unterworfen wurde.

Lit.: Diehl, Wilhelm: Hassia Sacra, Bd. 1, Friedberg 1921; Knodt, Manfred: Das evangelische Darmstadt in Geschichte und Gegenwart, Darmstadt 1955; Darmstadts Geschichte. Fürstenresidenz und Bürgerstadt im Wandel der Jahrhunderte, von Friedrich Battenberg, Jürgen Rainer Wolf, Eckhart G. Franz, Fritz Deppert. Gesamtredaktion: Eckhart G. Franz, Darmstadt 1980; Dienst, Karl: Darmstadt und die evangelische Kirchengeschichte in Hessen, Darmstadt 2007.