Stadtlexikon Darmstadt

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Juden in Darmstadt
Einführung der neuen Thorarolle in der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, Juli 1990, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Wie in anderen Ländern des Heiligen Römischen Reichs standen auch die in DA ansässigen Juden unter dem Schutz des Landesherrn, hier also der Grafen von Katzenelnbogen und ab 1479 der Landgrafen von Hessen. Für das Mittelalter jedoch gibt es nur spärliche Hinweise. Für die katzenelnbogische Zeit ist namentlich nur ein für den Grafen tätiger Jude bekannt, der 1452 nach DA gerufene Arzt Jonas aus Wertheim, der aber wohl kaum länger in der Stadt wohnte. Erst ab 1529 – im gleichen Jahr, als der Jahrmarkt neu konstituiert wurde – sind einzelne Juden in DA nachgewiesen, ab 1536 auch in Arheilgen, ab 1571 in Eberstadt und ab 1574 in Bessungen. Sie unterstanden ab 1539 der Judenordnung Landgraf Philipps, die 1585 durch eine des Landgrafen Georg I. abgelöst wurde. Für ihren Aufenthalt hatten sie ausweislich des Salbuchs von 1571 ein jährliches Schutzgeld von 7 Goldgulden zu entrichten. Bis zum Dreißigjährigen Krieg kam es zu einem weiteren Zuzug von Juden nach DA, wobei die Nähe des Messeplatzes Frankfurt eine Rolle spielte. 1623 wurden allein in DA acht Schutzjuden gezählt, darunter ein Arzt („Judendoktor“), was unter Hinzurechnung der Familien und Dienstboten eine jüdische Bevölkerung der Stadt von zumindest 50 Köpfen ergibt. Sie genossen – auch wenn sie gelegentlich Anfeindungen ausgesetzt waren – einiges Ansehen, durften wie andere Bürger Waffen tragen und waren ihnen auch sonst weitgehend gleichgestellt, abgesehen davon, dass sie zusätzliche Abgaben zu entrichten hatten und natürlich keinen Anteil an der Stadtverwaltung hatten. Ihre Wohnungen lagen in Marktnähe, aber über die Stadtviertel verstreut.

Doch schon 1626 ließ der neue Landgraf Georg II. trotz eines vom kaiserlichen Fiskal am Reichskammergericht gegen ihn deswegen eröffneten Verfahrens die Juden aus der Stadt vertreiben, da die dortigen Zünfte die Konkurrenz fürchteten. Lediglich der „Pferdejude“ Lew konnte weiter in der Stadt Handel betreiben. Als der Kaiser von ihm die Zahlung einer Reichssteuer in Form des „Goldenen Opferpfennigs“ verlangte, verbot ihm der Landgraf die Zahlung. In Arheilgen, Eberstadt und Bessungen blieben insgesamt sieben jüdische Familien. Eine gewisse Bedeutung erlangten der nach Frankfurt gezogene Hofjude Manasse zum Goldenen Brunnen und der Jude David, dem der Landgraf in DA das von Kanzler Anton Wolff v. Todenwarth erbaute Gartenhaus (Achteckiges Haus) in der Alten Vorstadt zur Lagerhaltung überließ. Diese Hof- und Handelsjuden bildeten auch den Kern einer neuen Gemeinde, die durch landgräfliche Privilegien 1680 einen eigenen Friedhof (Jüdischer Friedhof) vor den Stadtmauern und 1695 ein Bethaus erhielt. Schon 1707 bestand die Gemeinde aus zwölf Familien, zu denen noch vier Familien in Eberstadt und drei Familien in Arheilgen hinzukamen. Der bekannteste unter den Darmstädter Juden dieser Zeit war der Hoffaktor Löw Isaak, der als Inhaber des Tabakmonopols zur Wirtschaftselite der Zeit aufstieg.

Aufklärung und Emanzipation

Obwohl sich die Situation der Darmstädter Judenschaft in der Aufklärungszeit weiter verbesserte und ein Gutachten des Oberappellationsrats Friedrich Jakob Schöndorf 1775 eine weitere Unterstützung der Juden forderte, um sie zu „nützlichen Bürgern“ zu machen, kamen Reformen nur sehr langsam voran. Unter dem „Judenkommissar“ Georg Konrad Stockhausen wurden die Juden der Stadt einer stärkeren administrativen Kontrolle unterworfen, in der Absicht, ihre bisherige Sonderstellung zu beseitigen. Doch erst die Aufhebung des Leibzolls 1805 brachte das Signal zur Emanzipation der Juden. Ab 1814 wurden vermögende Juden nach und nach in die Bürgerschaft aufgenommen. Weitere Verbesserungen bewirkten die Verfassung von 1820 und die 1824 verfügte Aufhebung aller Sonderbelastungen, bis die Revolution von 1848 auch in DA die rechtliche Gleichstellung mit der christlichen Bevölkerung erbrachte. Die anschließende Zeit der Repression brachte zwar nochmals Rückschläge; doch mit dem Eintritt des Großherzogtums Hessen in den Norddeutschen Bund und der dort beschlossenen Festlegung der rechtlichen Gleichstellung der Juden 1869 – 1871 vom Deutschen Reich übernommen – war die Emanzipation erreicht.

Mit der rechtlichen Gleichstellung der Darmstädter Juden – nun zumeist „Israeliten“ genannt – begann zugleich ihr sozialer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aufstieg innerhalb des städtischen Bürgertums. Der erste Darmstädter Fabrikant überhaupt, Michael Kaulla, Schwiegersohn des Hofagenten Hirsch Raphael, erhielt schon 1803 die Konzession zur Errichtung einer Wachslichterfabrik. Als Tabakfabrikanten folgten David Linz und dessen Schwager Aron Mannheimer. Juden waren es auch, die in der Nachfolge der älteren Hoffaktoren Bankhäuser gründeten, wie Heyum und Moritz Wolfskehl. Doch blieb der Handel, in dem die Juden schon in älterer Zeit eine wichtige Rolle spielten, weiterhin die eigentliche Domäne der Darmstädter Juden. Innerhalb dieses Wirtschaftszweigs erschlossen sie nach und nach neue Sparten, wie das Möbelgeschäft, den Eisenhandel, den Handel mit Konfektionswaren, Wein, Holz und Kohle. Sie gehörten zu den ersten, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts Warenhäuser begründeten, wie namentlich die Gebrüder Elias und Sigmund Rothschild mit dem heutigen Kaufhaus Henschel.

Zugleich nahm die jüdische Bevölkerung in DA explosionsartig zu. Waren es um 1815 noch etwa 400 jüdische Einwohner, so hatte sich diese Zahl ein halbes Jahrhundert später mehr als verdoppelt, um in der Reichsgründungszeit die Grenze von 1.000 zu überschreiten. Um 1910 gab es schon 2.000 Juden unter den Einwohnern. Auffallend ist, dass der jüdische Bevölkerungsteil im Stadtgebiet schneller stieg als der christliche: Der anfängliche Anteil von gut zwei Prozent konnte sich im Laufe des Jahrhunderts fast verdoppeln. Obwohl es eine Schicht der Betteljuden in DA seit dem Ende des Alten Reichs nicht mehr gab, waren doch sehr deutliche soziale Differenzierungen geblieben. Mehr als 40 Prozent der Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zählten ausweislich von Steuerlisten der sechziger Jahre zu den vier untersten Steuerklassen mit weniger als 2.000 Gulden Kapital, während die großen Vermögen über 14.000 Gulden auf nur ganz wenige Bankiersfamilien verteilt waren.

 

Spaltung der Darmstädter Gemeinde

 

Spannungen in der Gemeinde, die von den führenden Bankiers- und Kaufmannsfamilien wie der Wolfskehl, Trier und Neustadt geleitet wurde, verursachten vor allem die Zuwanderung ländlicher Juden, da damit die bisherigen städtisch-bürgerlichen Traditionen in Frage gestellt wurden. Wie an vielen anderen Orten kam es zugleich zu einer religiösen Spaltung der Gemeinde, die durch liberale Reformen provoziert wurde. 1861 separierte sich eine orthodoxe Gruppe unter dem Namen „Religionsgesellschaft“, die neben der alten Synagoge in der Kleinen Ochsengasse einen eigenen Gottesdienstraum bezog – ab 1872/73 ersetzt durch eine eigene Synagoge, die wiederum 1905/06 durch einen repräsentativen Neubau Georg Wickops in der Bleichstraße abgelöst wurde. Mit der Erlangung von eigenen Korporationsrechten schied diese Gruppe 1878 (nach Inkrafttreten des hessischen „Austrittsgesetzes“) rechtlich aus der alten Gemeinde aus, die sich ihrerseits als liberale „Religionsgemeinde“ mit einer 1875/76 in der Friedrichstraße errichteten Synagoge konstituieren konnte.

 

Antisemitismus und Judenverfolgung

 

Die rechtliche Gleichstellung der Darmstädter Juden mit der christlichen Bevölkerung stieß in Teilen der Einwohnerschaft von Anfang an auf Widerspruch. Die alte Judenfeindschaft kehrte in DA – wie andernorts im Raum Franken – schon 1819 in den sogenannten Hepp-Hepp Krawallen wieder, antijüdischen Ausschreitungen, die nur mit militärischer Gewalt zurückgedrängt werden konnten. Nach der Gründerkrise des Reichs ab 1873 formierte sich in der Stadt eine antisemitische Stimmung, der sich allerdings OB Albrecht Ohly und die Stadtverordnetenversammlung energisch entgegen stellten. Die von Oberhessen ausgehende antisemitische Bewegung Otto Böckels konnte in der Stadt nicht Fuß fassen. Seit den 1890er Jahren formierte sich jedoch unter der Führung des Samenhändlers Adolf Theiß eine judenfeindlich eingestellte Gruppierung (der „Deutsche Reformverein Darmstadt“), die über Agitationen des vormaligen Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker stärkeren Anklang unter den städtischen Einwohnern fand. Bei den Kommunalwahlen dieser Zeit blieben sie noch erfolglos, konnten jedoch bei Reichstags- und Landtagswahlen einige wenige Sitze gewinnen. Die vom Reformverein herausgegebene Monatsschrift „Hessische Reform“ reihte sich mit ihren Hetzartikeln gegen die Juden nahtlos in die Reihe einschlägiger Publikationsorgane antisemitischen Zuschnitts ein. Die Anzahl der politischen Mandatsträger der Antisemiten blieb in DA auch über die Jahrhundertwende hinaus begrenzt, und auch am großherzoglichen Hof konnte die Bewegung nicht Fuß fassen.

Trotz ihrer patriotischen Einstellung, die sich etwa im Fronteinsatz jüdischer Freiwilliger im Ersten Weltkrieg zeigte, und trotz der publizistischen Tätigkeit angesehener Darmstädter Juden – wie des Rabbiners Bruno Italiener, der als „Feldrabbiner“ am Frankreichfeldzug teilgenommen hatte –  konnte sich auch in DA in der Zeit der Weimarer Republik (Volksstaat Hessen) ein militanter Antisemitismus deutschvölkischer Gruppierungen durchsetzen. Die Juden der Stadt gerieten unter größeren Druck und konnten sich gegen die nationalsozialistischen Verfolgungen, wenn überhaupt, nur noch durch Auswanderung retten; mehr als ein Drittel der ca. 1.650 in DA lebenden Juden hatten bereits mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 die Stadt verlassen. Wenige Jahre später wurden auf Betreiben der SA-Brigade Starkenburg in der Pogromnacht vom November 1938 die beiden Darmstädter Synagogen ebenso wie diejenige in Eberstadt zerstört. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss die Umbenennung der nach Juden (Heinrich Blumenthal, Alfred Messel, Otto Wolfskehl) benannten Straßen. Mit den ab März 1942 in DA einsetzenden Deportationen wurden ca. 600 Juden der Stadt in den Tod getrieben, während der verbliebene Rest noch auswandern konnte. Damit hatten die beiden Gemeinden aufgehört zu bestehen (Nationalsozialismus).

 

Jüdisches Leben nach 1945


Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sich nur zögernd eine neue Gemeinde entwickeln. Auf Initiative des zurückgekehrten Darmstädter Juden Alexander Haas und des aus Polen gekommenen Josef Fränkel wurde 1945/46 eine Jüdische Gemeinde neu gegründet. Sie wollte vor allem den Überlebenden aus den Konzentrationslagern und anderen „Gestrandeten“ – den „Displaced Persons“ nach der Terminologie der Besatzungsmacht – eine vorübergehende Heimat bieten. Die erste Geschäftsstelle befand sich in der Wilhelm-Leuschner-Straße 5, ab Herbst 1949 befand sich das Gemeindezentrum im wieder aufgebauten Haus Osannstraße 11 und konnte 1988 durch eine neue Synagoge und ein Gemeindezentrum in der Wilhelm-Glässing-Straße ersetzt werden, nachdem sich die ursprünglich „auf gepackten Koffern“ stehende Gemeinde mit ihren über 100 Mitgliedern stabilisiert hatte. Die seit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ ermöglichte Zuwanderung von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern aus der ehemaligen Sowjetunion seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts führte zu einer Verzehnfachung der Gemeindegröße, aber auch zu einer Zunahme des nicht mehr gemeindegebundenen „säkularen“ Judentums in der Stadt. Trotz der Sprachbarrieren gelang im Laufe der Jahre die Integration der neuen Gemeindeglieder, die zugleich der Gemeinde selbst ein neues Gesicht verliehen. Antisemitische Anfeindungen blieben – nicht zuletzt aufgrund der Aufklärungsarbeit der Stadt und von Organisationen wie der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit – eine Randerscheinung, auch wenn es immer wieder Grabschändungen und antijüdische Schmierereien an öffentlichen Plätzen gab. Mit der Verlegung zahlreicher sogenannter „Stolpersteine“ in den Straßen der Stadt wird die Erinnerung an die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden wachgehalten (Mahnmale).

 

Lit.: Franz, Eckhart G. (Hrsg.): Juden als Darmstädter Bürge, Darmstadt 1984; Frenzel, Martin (Hrsg.): „Eine Zierde unserer Stadt“. Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Liberalen Synagoge Darmstadt, Darmstadt 2008; Reuss, Jutta/Hoppe, Dorothee (Hrsg.): Stolpersteine in Darmstadt, Darmstadt 2013.