Stadtlexikon Darmstadt

Logo Darmstadt
Zünfte
Truhe der Darmstädter Schreinerzunft, 1767. Die Schreinerwerkzeuge Zirkel, Streichmaß, Winkel und Hobel werden von einem hessischen Löwenpaar gerahmt, Foto aus: Darmstadt in der Zeit des Klassizismus und der Romantik, Darmstadt 1978

Die seit dem 13. Jahrhundert in allen größeren deutschen Städten entstandenen Interessenvertretungen und Standesvereinigungen der Handwerker, die im 14. Jahrhundert auch in den größeren hessischen Städten (wie Alsfeld, Kassel, Wetzlar) auftraten, wurden in DA erst im ausgehenden 16. Jahrhundert gegründet, um unkontrollierte Konkurrenzkämpfe einzudämmen und obrigkeitlichen Ordnungsmaßnahmen Rechnung zu tragen. Zunftordnungen wurden ausschließlich von den Landesherren genehmigt. Den Anfang machten die Schneider und die Glaser, die sich 1594/95 bei der Regierung um Zunftordnungen bemühten. Noch 1595 erließ die landgräfliche Kanzlei Ordnungen für die Zünfte der Bäcker, Bender, Häfner, Glaser, Leineweber, Metzger, Schmiede und Schlosser, Schneider, Schreiner und Zimmerleute, Schuhmacher und Seiler, die jedoch für die gesamte Obergrafschaft Katzenelnbogen galten. Zur selben Zeit entstanden in DA aber auch die ersten lokalen Zünfte, in denen sich die Meister der größeren Handwerke (etwa Bäcker, Metzger, Glaser, Schneider) vereinigten. Kleinere Gewerbezweige wie die Häfner und Leineweber organisierten sich auf Landesebene oder schlossen sich in DA anderen Zünften an, wie die Huf- und Messerschmiede den Schlossern oder die Wixhäuser Bäcker der Darmstädter Bäckerzunft. Nicht in den Zünften organisiert waren die Hofhandwerker, die teilweise unter das Hofrecht fielen.

Zweck der Zunftorganisation war die Kontrolle der Zahl der Meister, die Fernhaltung nicht zünftiger Meister, die soziale Fürsorge für die Mitglieder, aber auch die Ausübung gewerbepolizeilicher Maßnahmen und Kontrollen. Daneben wuchs den Zünften auch eine politische Aufgabe zu: Sie beanspruchten Mitwirkung in den städtischen Entscheidungsgremien, sie bildeten ein Gegengewicht zum Gemeinderat, auch wenn einzelne Handwerkerfamilien selbst dem Rat angehörten. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war das Handwerksgefüge in DA außer Kontrolle geraten. Viele Handwerke, z. B. die Schneider und die Bierbrauer, beklagten eine Überbesetzung mit Meistern und großen Konkurrenzdruck. Mit den großen Hofbauprojekten nahm die Zahl der Bauhandwerker stark zu. Die Maurer- und Weißbinderzunft hatte 1719 über 30 Meister und wurde deshalb geteilt, Schumacher gab es in DA sogar 55, Schneider 49. Außerdem gab es 35 Metzger und 24 Bäcker, 31 Krämer und Fuhrleute, 22 Leineweber, 13 Schlosser, 14 Schmiede, 9 Sattler, 9 Strumpfstricker, 8 Hutmacher, 7 Zimmerleute, daneben Küfer und Bierbrauer, Säckler und Seiler, Bortenwirker und Posamentierer, Schwarz- und Schönfärber, Hosenstricker, Perückenmacher u. a. Die Regierung erteilte den meisten Zünften neue Zunftordnungen, in denen die Zunftaufnahme durch erhöhte Zunftgelder und Verlängerung der Pflichtjahre erschwert wurde, um die Zahl der Meister überschaubar zu halten. Durch diese Regelungen festigte sich die Position der Zünfte in DA wieder, und sie gewannen im Laufe des 18. Jahrhunderts mehr und mehr Einfluss auf die Stadtregierung. Waren sie ursprünglich ein Gegengewicht gegen den Rat gewesen, so besetzten ihre Vertreter seit der Jahrhundertmitte oft mehrere Ratsposten. Allerdings führte die starke Position der Zünfte zu großer Unzufriedenheit bei den Gesellen, denen die Aufnahme in eine Zunft sehr erschwert wurde. Das Gesellenwandern wurde von den Meistern zunehmend als Unruhe-Element und wirtschaftliche Belastung angesehen.

Umzug der Metzger-Innung anlässlich der Einweihung des neuen Schlachthofs in der Karlstraße, Ecke Kapellstraße, 14.05.1893, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Die gefestigte Position der Zünfte wurde mit den Auswirkungen der Französischen Revolution Anfang der 1790er Jahre in Frage gestellt, als deren Ideen vor allem bei Gesellen Eingang fanden, welche die überkommene Organisation mit Meisterzwang infrage stellten und erstmals Forderungen nach Gewerbefreiheit aufstellten. Dies führte ebenso zu Abschottungstendenzen bei den Zunftmeistern wie die ersten Versuche, in DA Manufakturen zu errichten. Die Idee der Gewerbefreiheit, seit dem frühen 19. Jahrhundert auch von Stadt und Regierung als für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung unabdingbar gefordert, setzte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts allgemein durch. Im Hinblick auf den Ausbau der Residenzstadt wurde 1810 zunächst der Zunftzwang für Bauhandwerker aufgehoben. 1823 gab es in DA noch 44 Zünfte, viele davon nur mit einem oder zwei Meistern besetzt. Mit dem Gewerbesteuergesetz von 1827 wurde durch die Gewährung freier Auftragsannahme und Lieferfreiheit ein weiterer Schritt in Richtung Gewerbefreiheit unternommen. Für nicht zunftgebundene Gewerbe oder Manufakturen wurde der Zunftzwang durch die Gewerbeanmeldung ersetzt. Einige Zünfte (Müller und Krämer, Buchbinder, Uhrmacher, Seiler und Häfner) wurden landesweit aufgehoben, die anderen protestierten dagegen und konnten sich noch einige Jahrzehnte halten, bis 1866 durch die Verordnung über die „Aufhebung der in den Zunftbriefen enthaltenen Beschränkungen des freien Gewerbebetriebs“ auch die letzten 13 noch bestehenden Darmstädter Zünfte zur Auflösung gezwungen wurden. Ihre Aufgaben gingen auf neue, den Anforderungen der neuen gewerblich-industriellen Wirtschaft angepasste Institutionen über. Innungen als freiwillige Zusammenschlüsse stellten die neue Organisationsform des Handwerks dar. Die vom Reichstag 1881 beschlossene Novelle zur Gewerbeordnung erkannte die Innungen als öffentlich-rechtliche Organisationsform des Handwerks an, wies ihnen die Aufgabe der Lehrlingsausbildung zu und gestattete die Trägerschaft an sozialen Einrichtungen, z. B. Innungskrankenkassen und Fachschulen. Endgültig wurden Verfassung und Zuständigkeiten der Innungen im Handwerkergesetz vom 26.07.1897 geregelt, das zur „Vertretung der Interessen des Handwerks“ auch die Bildung von Handwerkskammern vorsah. Die für das Großherzogtum Hessen zuständige Darmstädter Kammer wurde im Jahre 1900 gegründet. Damit war der Wechsel von der alten Zunftverfassung zur modernen Organisationsform des Handwerks vollzogen.

Lit.: Darmstadts Geschichte. Fürstenresidenz und Bürgerstadt im Wandel der Jahrhunderte, von Friedrich Battenberg, Jürgen Rainer Wolf, Eckhart G. Franz, Fritz Deppert. Gesamtredaktion: Eckhart G. Franz, Darmstadt 1980, 2. Aufl. 1984, S. 104-106, 231-234, 283-286, 313-316, 366; Zünfte und Handwerk in Hessen. Begleitheft zur Ausstellung der hessischen Staatsarchive zum Hessentag 1985 in Alsfeld, bearb. von Jürgen Rainer Wolf, Darmstadt 1985.