Stadtlexikon Darmstadt

Logo Darmstadt
Wohlfahrtspflege
Diensträume der städtischen Jugendberatungsstelle mit Jugendheim, Landgraf-Philipps-Anlage 7, 1927, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Von einer organisierten Wohlfahrtspflege kann man in DA erst seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert sprechen. Damals versuchte man, das Betteln der Armen, die man in Hausarme, d. h. in der Stadt lebende bedürftige Personen, und auswärtige Bettler unterschied, erstmals zu reglementieren. Vorher hatte man die Versorgung Notleidender privater Wohltätigkeit oder Stiftungen überlassen. Bis zur ihrer Auflösung im 19. Jahrhundert sorgten die Zünfte für die Unterstützung Not leidender Mitglieder. Ähnlich halfen sich die Mitglieder der Bruderschaften (Ratsherrnbrüderschaft) gegenseitig. Ende des 16. Jahrhunderts wurde ein „gemeiner Kasten“ eingerichtet, eine Armenkasse, in die Spenden, Vermächtnisse und sonstige Beträge zugunsten wohltätiger Zwecke fließen sollten, um sie gerecht an die Armen verteilen zu können. Die Stadtverwaltung ließ regelmäßig Haussammlungen durchführen, um die Armenkasse zu füllen, die von der Kirche verwaltet wurde. Im Gegenzug wurde das ungeordnete Betteln untersagt. Der von der Stadt besoldete Bettelvogt hatte dies zu überwachen. Nur an bestimmten Tagen war es noch erlaubt, unter Führung des Bettelvogts durch die Straßen zu ziehen und zu betteln. Dieses Gassenbetteln führte jedoch zu solchen Belästigungen und Beschwerden der Bevölkerung, dass man es ganz zu unterbinden versuchte. 1716 wurde erstmals eine Armenordnung erlassen, welche die Errichtung der städtischen Armenkasse festschrieb, aus der den Bedürftigen Geld- und Naturralleistungen gewährt werden sollten. Finanziert wurde die Kasse durch wöchentliche Haussammlungen, Zuschüsse aus städtischen und staatlichen Kassen sowie Kirchenkollekten. Die Unterstützungsberechtigten, die in Armenlisten geführt wurden, holten sich das ihnen zustehende Geld jeden Donnerstag ab. Von den Bürgern wurden regelmäßige Spenden erwartet. Dafür wurde ein absolutes Bettelverbot erlassen, das vier Armenvögte überwachen sollten.

Ebenfalls im späten 16. Jahrhundert entstanden Einrichtungen für arme Kinder. Landgraf Georg I. gründete kurz nach 1590 eine erste, vom Hof finanzierte Armenschule, in der Arme und verwaiste Kinder unterrichtet wurden, eine Vorstufe der späteren Waisenhausschule. Sie ging bereits 1611 wieder ein. Nachfolgeschulen erhielt sie erst 1685 mit der an das alte Hospital angeschlossenen Hospitalschule, die auf eine fromme Stiftung der Landgräfin Elisabeth Dorothea zurückging, und der 1697 begründeten Waisenhausschule, die bis zur Aufhebung des Waisenhauses 1831 bestand. In beiden Schulen wurde Wert auf die religiöse Erziehung der Knaben und Mädchen gelegt und darüber hinaus den Kindern nur das Nötigste beigebracht. Im Jahr 1764 wurde die Hospitalschule aufgelöst und in die von der Stadt eingerichteten Freischulen überführt, die ohne Schulgeld besucht werden konnten, aber auch entsprechend schlecht ausgestattet waren. Erst 1874 wurde die allgemeine Schulgeldfreiheit eingeführt (Schulwesen).

Spendenaufruf des NS-Winterhilfswerks 1935/36, Stadtarchiv Darmstadt

Das 1611 begründete Hospital (Klinikum DA) ging ebenfalls auf eine private Stiftung zurück. Es diente weniger der Krankenpflege, sondern vor allem als Alten- und Armenhaus. Aufgenommen wurden arme gebrechliche Bürger und hilflose kranke Dienstboten, die aus der Armenkasse unterhalten wurden. Man konnte sich, wenn man sich nicht mehr selbst versorgen konnte, auch in das Hospital einkaufen, wurde zum „Pfründner“ und lebenslang versorgt. Auch als das Hospital 1808 in neue Räumlichkeiten an der Grafenstraße verlegt wurde, blieb die Verbindung mit dem Armen- und Pfründnerhaus zunächst bestehen. Erst 1829 wurden Armenhaus und Krankenhaus durch einen Neubau des Krankentrakts getrennt. Armen Waisenkindern nahm sich der pietistisch geprägte Stadtprediger Eberhard Zühl an, der 1697 das erste Darmstädter Waisenhaus in der Schulzengasse gründete. Dort wurde 1704 eine Tuchfabrik eingerichtet, in der die Kinder etwas zu ihrem Lebensunterhalt verdienen sollten. Die Fabrik war jedoch nicht rentabel und produzierte bald nur noch für den Eigenbedarf. Die katastrophalen hygienischen Verhältnisse im Waisenhaus führten 1748 bis 1750 zum Bau eines neuen größeren Hauses vor dem Bessunger Tor (Stadttore). 1831 wurde das Waisenhaus dem Gymnasium (Ludwig-Georgs-Gymnasium) als Schulgebäude übergeben, die Waisen von nun an bei Pflegefamilien untergebracht.

Dem zunehmenden Elend der unteren Schichten der Bevölkerung im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert versuchte die bürgerliche Gesellschaft mit privater Wohltätigkeit zu begegnen. Im 19. Jahrhundert wurden viele private Stiftungen gegründet, z. B. die Fuhr-Stiftung für arme Lehrlinge, die Heidenreich-von-Siebold-Stiftung für arme Wöchnerinnen, die Ludwigs- und Luisenstiftung für elternlose ledige Töchter. Wohltätigkeitsvereine wurden gegründet wie der Verein der „Freunde in der Not“ (Schwab, Wilhelm) und der israelitische Frauenverein zur Unterstützung kranker israelitischer Mägde. Der 1864 gegründete Bauverein für Arbeiterwohnungen sollte den Arbeitern gesunde und preiswerte Wohnungen verschaffen. Der 1867 gegründete Alice-Frauenverein kümmerte sich um die bisher sehr vernachlässigte Bildung von Mädchen und Frauen. Auf ihn geht auch die Gründung der heutigen Alice-Eleonoren-Schule zurück (Berufliches Schulwesen). In Zeiten von Missernten, Teuerungen, etwa 1816/17 und 1847 bis 1849, aber auch in strengen Wintern, wurden Suppenanstalten eingerichtet, die mit Spenden Darmstädter Bürger täglich einfache Mahlzeiten an Bedürftige ausgaben.

1818 wurde eine wesentlich erweiterte „Armenordnung der Residenz Darmstadt“ erlassen, die jetzt nicht nur die Versorgung der Armen regelte, sondern auch Maßnahmen vorsah, der Armut entgegenzuwirken. Die Stadt wurde in Bezirke eingeteilt, für deren Arme jeweils ein Armenpfleger zuständig war, der die Armen betreute und überwachte, Anträge auf Unterstützung prüfte, die Unterstützung auszahlte und Beiträge zur Armenkasse entgegennahm. Die Leitung des gesamten Armenwesens lag bei einem neu geschaffenen Armenkolleg, das alle Maßnahmen überwachte und auch die Armenlisten auf ihre Richtigkeit zu überprüfen hatte. Arbeitsfähige Arme versuchte man, im Armenhaus zu beschäftigen, um einen Teil der Armenunterstützung wieder hereinzuholen. Kinder armer Eltern und Waisenkinder erhielten bis zum 15. Lebensjahr Unterricht in Industrieschulen (Knaben- und Mädchenarbeitsanstalt), in der sie Unterricht im Nähen, Stricken, Weben und Spinnen erhielten, gleichzeitig bestimmte Waren herstellten, die zugunsten der Armenverwaltung verkauft wurden. Kinder, deren Eltern nicht in der Lage waren, sie zu versorgen oder zu betreuen, wurden in Pflegefamilien untergebracht, die dafür einen Beitrag aus der Armenkasse erhielten. Alte Menschen, die sich nicht mehr selber versorgen konnten, wurden im Armenhaus oder in der Pfründneranstalt, der Vorgängereinrichtung der heutigen Alten- und Seniorenheime, untergebracht.

Nachdem das Armenwesen 1833 einer städtischen Armenkommission übertragen worden war, wurde 1876 eine städtische Armenverwaltung gegründet, die 1885 bereits 120 Mitarbeiter beschäftigte. Dies war die Geburtsstunde der städtischen Sozialverwaltung. Die Armenunterstützung war nunmehr von einer Gewährung freiwilliger Almosen zum Rechtsanspruch für die Armen geworden. Sie wurden nicht mehr als Kollektiv behandelt, sondern der Einzelfall geprüft. Die Armenpfleger hatten jeder nur eine bestimmte Zahl von Armen zu betreuen. 1906 wurde ein städtisches Pflegeamt errichtet, das seit 1913 die Bezeichnung „Städtisches Armen- und Fürsorgeamt“ trug. Zu seinen Aufgaben gehörte neben der Armenverwaltung die Aufsicht über Armen- und Altersheime, die Jugendfürsorge, Jugendgerichtshilfe und das Vormundschaftswesen. 1919 wurde, nachdem weitere Aufgaben der Wohlfahrtspflege hinzugekommen waren, das städtische Wohlfahrtsamt gegründet. Es umfasste auch das Wohnungsamt, das Arbeitsamt (Nachfolgeeinrichtungen der bereits 1893 gegründeten „Centralanstalt für Arbeits- und Wohnungsnachweis“) und die Gesundheitsfürsorge.

Das Arbeitsamt wurde am 01.10.1927 in die neu gegründete Reichsanstalt für Arbeit überführt. Eine besondere Bewährungsprobe stand der neuen Verwaltung, die jetzt verstärkt mit den Institutionen der freien Wohlfahrtspflege zusammenwirkte (Innere Mission und Hessischer Diakonieverein der ev. Kirche, Caritasverband der kath. Kirche, Alice-Frauenverein, Jüdische Wohlfahrtspflege, Deutsches Rotes Kreuz, Arbeiterwohlfahrt), bevor, als der Erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit mit Lebensmittelrationierung, katastrophalem Wohnungsmangel, Inflation und hoher Arbeitslosigkeit der Stadt soziale Probleme bisher nicht gekannten Ausmaßes bescherten. Die Zahl der Unterstützungsberechtigten stieg sprunghaft an. Fast ein Drittel der rund 21.000 Darmstädter Haushalte wurden während der Inflationszeit vom Wohlfahrtsamt unterstützt, in dieser Zeit hauptsächlich in Form von Naturalien. Etwa 5.000 der ca. 11.000 Darmstädter Schulkinder erhielten täglich die Quäker-Speisung. Viele Arbeitslose wurden zu Notstandsarbeiten herangezogen.

Nach 1933 blieb die städtische Wohlfahrtspflege bestehen, Teile ihrer Aufgaben und die Verbände der freien Wohlfahrtspflege wurden jedoch aufgelöst oder in die Parteigliederungen NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt), KdF (Kraft durch Freude) und weitere NS-Hilfswerke integriert, z. B. die NSV-Kindergärten und -horte, Kinder-, Mütter- und Jugenderholungsheime. Jeden Herbst wurde für das Winterhilfswerk gesammelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste in DA auch die Sozialverwaltung neu aufgebaut werden. Nicht nur die Verwaltungsstellen waren zerstört, die meisten Akten vernichtet, auch Alten-, Pflege- und Kinderheime, Kindergärten, Spielplätze und Krankenhäuser waren zerstört. Zu den vorrangigen Aufgaben gehörten die Versorgung von Kriegswaisen und Besatzungskindern, Kriegsheimkehrern, Wohnungslosen, Vertriebenen und Sowjetzonenflüchtlingen. Für die Sorge um die immer älter werdende Gesellschaft wurden schon in den 1950er und 1960er Jahren umfangreiche Maßnahmen ergriffen. Neben dem Bau neuer moderner Alten- und Seniorenheime gab es seit 1962 Erholungskuren für über 60-Jährige, an denen schon im ersten Jahr rund 300 Senioren teilnahmen. Ebenfalls 1962 wurde zur Koordinierung der städtischen Sozialarbeit und ihrer zunehmenden Aufgabengebiete eine Sozialhilfekommission gegründet.

Die amtliche wie die private soziale Fürsorge deckt heute in einem bisher nicht gekannten Maße die Nöte des menschlichen Lebens ab. Sozial- und Jugendfürsorge, Sozialstationen, Kindergärten und -horte, Spielplätze, Jugend- und Freizeitheime, Familienbildungs- und Erziehungsberatungsstellen, Altenwohn- und Pflegeheime, Altenbegegnungsstätten, Seniorenräte, Hauspflegedienste u. a. legen heute ein dichtes soziales Netz über die Bedürfnisse armer, behinderter und sonst unterstützungsbedürftiger Bürger. Dabei arbeiten freie oder kirchliche Träger wie Diakonisches Werk, Caritas, Arbeiterwohlfahrt, Deutsches Rotes Kreuz, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Arbeiter-Samariterbund, Ambulante Kranken- und Sozialpflege, Internationaler Bund für Sozialarbeit usw. mit städtischen und staatlichen Stellen zusammen. Durch immer neu auftretende Problemlagen bleibt Sozialplanung ein permanenter Prozess. Die sich in den letzten Jahren zeigenden Probleme sind vor allem die Zunahme der Armut und der Zahl der Hartz-IV-Empfänger sowie die zunehmende Überschuldung von Privathaushalten und die Bildung sozialer Brennpunkte und Ghettos. Auch die steigende Zahl bedürftiger älterer Menschen und das Problem der Flüchtlinge werden die sozialen Einrichtungen auch in Zukunft vor große Probleme stellen.

Lit.: Seffrin, Horst: Durchbruch zum sozialen Geist. Kleine Sozialgeschichte der Stadt Darmstadt, Darmstadt 1979.; Gemündt, Klaus: Das Armen- und Wohlfahrtswesen der Stadt Darmstadt, Diss. Gießen 1930; Wolters, Achim: Das Problem der Armut in deutschen Städten in der Neuzeit bis zur Gründung des Deutschen Reiches, unter besonderer Berücksichtigung der Stadt Darmstadt, Mag. Arb., Darmstadt 1992.

Krankentransportübung des Deutschen Roten Kreuzes vor dem Sitz des Kreisverbandes in der Hermannstraße, um 1950, Foto: Stadtarchiv Darmstadt