Stadtlexikon Darmstadt

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Industrialisierung
Briefkopf der Kesselfabrik Göhrig & Leuchs, um 1890, Stadtarchiv Darmstadt

DA hatte um 1815 nur wenige „industrielle“ Betriebe aufzuweisen. Es gab drei Stärkefabriken, die fast ausschließlich für den Binnenmarkt produzierten, zwei Wachsbleichen bzw. Lichterfabriken sowie je eine Tabak- und Kutschenfabrik. Wie in vielen anderen Residenzstädten dominierten Handwerk und Detailhandel, die mit dem großherzoglichen Hof, dem Militär und der Beamtenschaft über einen vergleichsweise stabilen Absatzmarkt verfügten. 1815 zählte man in DA 850 Meister, die aber nur 802 Gesellen beschäftigten, was auf bescheidene Betriebsgrößen schließen lässt (Zünfte). Während sich in Offenbach mit der Tabak- und Lederindustrie schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Manufakturen angesiedelt hatten und Mainz Dank seiner verkehrsgünstigen Lage den Fernhandel des Großherzogtums dominierte, änderte sich an der Gewerbestruktur DAs bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur wenig – auch wenn in der Darmstädter Münze 1832 die erste Dampfmaschine im Großherzogtum zum Einsatz kam und in dieser Zeit bereits einige kleinere Fabriken (Hochstätters Tapetenfabrik, Hemdenfabrik Ch. Görtz, Link’s Chemische Fabrik) entstanden waren. Immerhin beschickten einige von ihnen die Londoner Weltausstellung 1851. Eine Betriebszählung von 1845 weist für die Residenzstadt bei ca. 26.000 Einwohnern 72 Fabrik- und 904 Handwerksbetriebe nach, wobei sich die Mehrzahl der Fabrikbetriebe sicherlich weniger durch ihren Umfang als durch das Fehlen zünftiger Beschränkungen von Handwerksbetrieben unterschied.

Die Industrialisierung manifestierte sich in DA zunächst im Eisenbahnbau (Eisenbahn, Bahnhöfe) und in der Schaffung moderner Versorgungsbetriebe. Mit der Eröffnung der Main-Neckar-Bahn am 01.08.1846 erhielt die Stadt Anschluss an das Eisenbahnnetz. Im August und im November 1858 folgte mit den von der Hessischen Ludwigsbahn-Gesellschaft errichteten Strecken Mainz-DA und DA-Aschaffenburg die Ost-West-Verbindung. 1868 erhielt die Ludwigsbahn-Gesellschaft auch die Konzession für die Odenwaldbahn. Am 15.05.1871 wurde die Strecke DA-Reinheim eröffnet; im gleichen Jahr erhielt die bisher eingleisige Strecke DA-Aschaffenburg ein zweites Gleis. DA wurde zum Knotenpunkt mit rund 500.000 Passagieren und ca. 85.000 Tonnen umgeschlagener Güter im Jahr 1862. Die Odenwaldbahn erschloss ab 1871 ein neues Absatz- und Arbeitskräfte-Reservoir für die Darmstädter Industrie. 1855 nahm das von einer privaten Aktiengesellschaft errichtete Darmstädter Gaswerk seinen Betrieb auf, das 1889 von der Stadt übernommen wurde (Gasversorgung). Im gleichen Jahr begann man nach den Plänen des Berliner Ingenieurs James Hobrecht (1825-1902) mit der Modernisierung der Wasserver- und entsorgung und dem Ausbau der Kanalisation (Wasserversorgung; Kläranlagen). 1885, nur vier Jahre nach dem ersten Fernsprechamt in Berlin, wurde in DA die erste öffentliche Fernsprechanlage eingerichtet, und am 12.09.1888 lieferte das Elektrizitätswerk in der Schuchardstraße erstmals elektrischen Strom für die Beleuchtung des Hoftheaters und der Innenstadtstraßen (Stromversorgung; Straßenbeleuchtung). Die Stadtverwaltung reagierte auf die neuen Anforderungen mit Differenzierung und Spezialisierung: 1886 wurde das Bauamt in Hoch- und Tiefbauamt geteilt, 1890 ein eigenes Vermessungsamt gegründet. Für Gas- und Elektrizitätswerk sowie für die Straßenbahn wurden jeweils eigene Verwaltungen geschaffen. Immer mehr Architekten, Ingenieure und Techniker arbeiteten jetzt bei der Stadt.

1904 wurde ein neues Sachgebiet „Wirtschaftsförderung“ eingerichtet. Bereits vorher hatte die am 01.06.1853 gegründete Bank für Handel und Industrie (Banken), die vornehmlich den Kreditbedarf der Industrie decken sollte und einen großen Teil ihres Kreditvolumens bei Darmstädter Firmen platzierte, die Expansion dieser Firmen in großem Rahmen erst ermöglicht. Die endgültige Aufhebung der Zunftschranken und die Einführung der Gewerbefreiheit im Jahr 1866 ( Zünfte) ermöglichte vielen Handwerksbetrieben die Umstellung auf industrielle Produktionsmethoden. Gefördert wurde dieser Prozess auch durch die 1862 gegründete Handelskammer (Industrie- und Handelskammer) und den bereits 1836 gegründeten „Gewerbeverein für das Großherzogtum Hessen“, dessen Aufgabe einerseits Gewerbeförderung und Gewerbeaufsicht war, der andererseits als oberste Behörde des gesamten gewerblichen Schulwesens (Berufliches Schulwesen) fungierte. Der Verein prüfte neue Erfindungen, veranstaltete Ausstellungen und Leistungsschauen, unterhielt eine Fachbibliothek mit angeschlossener Patentschriftensammlung und eine Schausammlung musterhafter Bauelemente und Aggregate, aus der sich das Gewerbemuseum entwickelte. Um die staatliche Funktion des Gewerbevereins stärker zu betonen, wurde er 1867 in die „Großherzogliche Zentralstelle für Gewerbe und Landesgewerbeverein“ umgewandelt. Die örtlichen Gewerbevereine, so auch der Darmstädter „Localgewerbeverein“, gründeten Handwerker- und Zeichenschulen, die erste Form der Fortbildungsschulen. Die Zentralstelle unterstützte die Ortsgewerbevereine auch bei der Abhaltung von Gesellenprüfungen. Im Jahr 1923 bestanden im Großherzogtum Hessen 125 Ortsgewerbevereine mit über 10.000 Mitgliedern.

 

Briefkopf der Darmstädter Möbelfabrik, 1907, Stadtarchiv Darmstadt

Unter diesen Voraussetzungen nahmen Erweiterung und Neugründung von Industrieunternehmen in DA seit Mitte der 1850er Jahre sprunghaft zu, wie man am Anstieg der Steinkohlelieferungen und an der Zahl der Dampfmaschinen erkennen kann, die zwischen 1854 und 1860 von 7 auf 30 anstieg. Der Schwerpunkt der industriellen Entwicklung in DA lag dabei auf dem Gebiet des Maschinen- und Kesselbaus (Maschinen- und Apparatebau), der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen rasanten Aufschwung erlebte und um 1900 in DA mit einem halben Dutzend überregional bedeutender sowie einer Reihe kleinerer Unternehmen vertreten war. An zweiter Stelle folgte, was die Zahl der Beschäftigten btriefft, die chemisch-pharmazeutische Industrie, die zunächst freilich nur durch ein einziges bedeutendes Unternehmen, die Firma Merck, repräsentiert wurde, zu der sich 1909 die zwei Jahre zuvor in Esslingen gegründete Firma Röhm & Haas (Evonik) hinzugesellte. Eine nicht unbedeutende Rolle spielten auch die Möbelindustrie und das Kunstgewerbe, die durch den Kunst liebenden und fördernden Großherzog Ernst Ludwig und die von ihm initiierte Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe zu Beginn des 20. Jahrhunderts wesentliche Impulse erhielt. Die Möbelfabriken von Philipp Bechtold, B.L. Trier und Ludwig Alter, die um 1870/80 gegründet worden waren, genossen vor dem Ersten Weltkrieg internationales Ansehen und galten als Stil prägend („Darmstädter Stil“). Als vierter wichtiger Industriezweig verdienen schließlich noch die 28 Druckereien Beachtung, die es im Jahr 1900 in DA gab. Die ersten Betriebe des Druckgewerbes siedelten sich hier schon im 17. und 18. Jahrhundert an. Bei den meisten handelte es sich um ausgesprochene Handwerksbetriebe mit einer Hand voll Beschäftigter, doch gab es unter ihnen auch einige (Wittich), die durchaus industriellen Zuschnitt erreichten.

1895 arbeiteten in Darmstädter Fabriken bereits 145 Kraftmaschinen, davon 70 mit Dampf, 58 mit Gas und 11 mit Strom. Die Zahl der Arbeiter bei der Maschinenfabrik Schenck stieg auf ca. 800 im Jahr 1912, bei Roeder auf 600 zur Jahrhundertwende (1890 waren es 80). Im neuen Industriegebiet im Nordwesten DAs lagen auch die beiden Hauptwerkstätten der seit 1896 vereinigten Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Eisenbahn, in denen rund 1.700 Arbeiter Waggons und Lokomotiven instandsetzten. Die Mitarbeiterzahl bei Merck stieg von ca. 100 im Jahr 1870 auf 746 im Jahr 1900 und ca. 1.500 im Jahr 1910. Die Expansion der Industriebetriebe und der Anstieg der Einwohnerzahl – die Bevölkerung DAs wuchs von 9.853 im Jahr 1800 auf 33.799 im Jahr 1871, 72.000 im Jahr 1900 und schließlich auf 87.000 im Jahr 1907 – zwang die Darmstädter Stadtverwaltung zu umfangreichen Bauplanungen. In wenigen Jahrzehnten entstanden neue Wohnviertel mit Mietwohnungen wie das ab 1871 erschlossene Johannesviertel und das Martinsviertel. Im Süden näherten sich die Bebauungsgrenzen DAs und des ebenfalls sprunghaft expandierenden Bessungens immer mehr an. Die unteren sozialen Schichten der Industriearbeiter und Tagelöhner lebten in den heruntergekommenen Häusern der Altstadt, die sich durch ihre verdichtete und verwinkelte Bebauung jeglicher Planung entzog und in diesen Jahren, vor allem in ihrem östlichen und südlichen Teil, endgültig zum sozialen Getto wurde. Für die ebenfalls steigende Zahl leitender Angestellter und Beamter in Unternehmen, Verwaltungen und der TH Darmstadt (TU Darmstadt), die für sich zu wenig adäquaten Wohnraum fanden, wurden um die Jahrhundertwende drei neue Wohnviertel erschlossen, die Mathildenhöhe (ab 1898), das Paulusviertel (ab 1901) und die Gartenvorstadt Hohler Weg (ab 1910), das heutige Komponistenviertel.

Die hier skizzierte industrielle Struktur DAs blieb bis etwa 1960/1970 in ihren Grundzügen weitgehend unverändert – sieht man einmal von dem zunehmenden Gewicht der chemischen Industrie, dem in den 1920er Jahren zu beobachtenden Bedeutungsverlust der Möbelindustrie und Verschiebungen innerhalb der Branchen ab. Eines der Ziele des wirtschaftlichen Wiederaufbaus nach der Kriegszerstörung war die Ansiedlung der so genannten „Rauchlosen Industrie“ auf dem Gelände des ehemaligen Exerzierplatzes im Westen DAs, die hauptsächlich mit Hilfe der von dem Architekten Kurt Jahn geleiteten Wiederaufbau GmbH entstand. Viele Unternehmen, deren Eigentümer in der sowjetisch besetzten Zone enteignet worden waren, vornehmlich Verlage, Druckereien, aber auch Hersteller von Lebensmitteln und Textilien, siedelten sich hier – unter Ausnutzung der zum Teil erhaltenen Kasernenbauten (Kasernen) – an, fanden gute Ansiedlungsbedingungen vor und schätzten die Nähe zur Frankfurter Buchmesse (Verlage). Die erste Industrie- und Gewerbeausstellung der Nachkriegszeit, die vom 20.08.-05.09.1949 unter dem Titel „Das Schaffende Darmstadt“ auf der Mathildenhöhe gezeigt wurde, sollte die neue Bedeutung DAs als Industrie- und Handelsstadt herausstellen. Der seit etwa 1975 einsetzende Strukturwandel traf dann vor allem, wie überall in der Rhein-Main-Region, die Maschinenbauindustrie. Viele traditionsreiche Unternehmen fielen ihm in der Folge zum Opfer, und nur wenigen wie z. B. Schenck gelang es, sich mit ihren Produkten auf dem Markt zu behaupten. Auch die Druckereiindustrie verlor, nach einem vorübergehenden Boom in den 1980er Jahren, gegenüber anderen Branchen etwas an Boden. Seit etwa 1990 gewinnen die so genannten neuen Technologien für DAs Wirtschaft immer mehr an Bedeutung. Insbesondere auf dem Gebiet der Informations- und Telekommunikationstechnik sowie in der Raumfahrttechnik gehört die Stadt inzwischen zu den führenden europäischen Regionen. Neben einer Vielzahl von Forschungseinrichtungen, die auf diesen Feldern arbeiten, haben einige bedeutende Unternehmen wie die ESA/ESOC und die Eumetsat oder die Deutsche Telekom ihren Forschungsschwerpunkt in DA.

Lit.: Technischer Fortschritt und wirtschaftliche Entwicklung. Beiträge zur Geschichte des Industriestandortes Frankfurt-Darmstadt. Hrsg.: Verein Deutscher Ingenieure, Bezirksverein Frankfurt-Darmstadt, Frankfurt 1995; Uecker: Industrialisierung; Wirtschaftsraum Starkenburg. Hrsg. in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer Darmstadt, Oldenburg (2) 1999; Lange, Thomas: „…ein reger Eifer zum Fortschreiten“. Industrialisierung in Darmstadt und Südhessen. Dokumente 1853-1914, Darmstadt 2000 (Geschichte im Archiv. Darmstädter Archivdokumente für den Unterricht 6); Rauchende Schlote. Die Industriealisierung Südhessens im Spiegel historischer Briefköpfe. Ausstellungskatalog, Darmstadt 2012 (Beiträge zur hessischen Wirtschaftsgeschichte Bd. 7); Maaß, Rainer: Die Frühindustrialisierung in Darmstadt und der Provinz Starkenburg (1806-1871). In: Ulrich Eisenbach (Hrsg.): Von den Anfängen der Industrialisierung zur Engineering Region. 150 Jahre IHK Darmstadt Rhein Main Neckar, Darmstadt 2012, S. 43-70; Schott, Dieter: Die Provinz Starkenburg im Zeitalter der Hochindustrialisierung (1871-1914). In: Ulrich Eisenbach (Hrsg.): Von den Anfängen der Industrialisierung zur Engineering Region. 150 Jahre IHK Darmstadt Rhein Main Neckar, Darmstadt 2012, S. 71-102.