Stadtlexikon Darmstadt

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Altstadt
Die „Insel“, der Inbegriff der Altstadt, 1936, Foto: Ernst Luckow, Stadtarchiv Darmstadt

Die Bezeichnung „Altstadt“ taucht erst seit dem frühen 19. Jahrhundert auf und bezeichnet den alten Stadtkern DAs östlich des Schlosses und des Marktplatzes, wie er von der Stadtmauer seit dem 14. Jahrhundert begrenzt wurde. Seit dem Mittelalter wurde ausschließlich innerhalb der Mauern gebaut, wo sich anfangs noch viele Gärten und andere Freiflächen befanden. Die Bebauung bestand zum größten Teil aus einfachen Holz- oder Fachwerkhäusern. Steinbauten gab es kaum. Dieser alte Stadtkern wurde seit dem späten 16. Jahrhundert immer wieder erweitert, um der wachsenden Stadtbevölkerung Platz zu schaffen, zunächst durch die Alte Vorstadt, seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert durch die Neue Vorstadt im Westen und schließlich durch die daran anknüpfende Mollerstadt des 19. Jahrhunderts. Seit 1860 wurde die alte Stadtbegrenzung auch im Osten und im Süden Richtung Bessungen überwunden. Die Moller’sche Stadterweiterung stellte gleichzeitig den Beginn vom Ende der Altstadt dar. Durch ihre Erbauung rückte das Zentrum DAs an den neuen Luisenplatz. Schon damals wurde die nunmehrige Altstadt als eng, winklig und verbaut angesehen. Im ersten Stadtführer von 1815 heißt es: „Die Altstadt hat keine freundliche Ansicht, sie ist nach alter Art angelegt; die Straßen sind eng und kein Haus zeichnet sich durch Architektonik aus.“ Wer es sich leisten konnte, zog in die neuen Stadtviertel. Aus der noch 1820 eher als gutbürgerlich gekennzeichneten Altstadt entwickelte sich mit zunehmender Verdichtung und Verwahrlosung zunächst ein Viertel der kleinen Leute und schließlich der sozial Schwachen, die sich als Hilfsarbeiter, Tagelöhner u. Ä. durchschlugen. Dies führte zur allmählichen Verelendung des Altstadtbereichs, in dem viele kinderreiche Familien auf engstem Raum wohnten und die wenigen Höfe und Freiflächen allmählich vollständig überbauten. Die Stadtverwaltung versuchte durch Straßendurchbrüche und Häuserabrisse der Altstadt Luft zu verschaffen. Durch den Abriss eines Baublocks mit sechs Häusern entstand 1885/86 die Insel, der später bekannteste Platz und für viele der Inbegriff der Altstadt. 1902 schuf man an der Südostecke des Schlosses durch Hausabbrüche den Schillerplatz. Von hier aus wurde 1904/05 die Landgraf-Georg-Straße ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen mitten durch die Altstadt gebrochen. Sie konkurrierte von nun an mit der Großen Ochsengasse, der alten Hauptgeschäftsstraße und wichtigsten West-Ost-Verbindung durch die Altstadt. Den weiteren Verfall konnten diese Maßnahmen nicht aufhalten. Im Prinzip hatte man die Altstadt damals schon aufgegeben. Nach 1933 begann die Stadtverwaltung damit, frei werdende Häuser und Grundstücke aufzukaufen, ohne Zweifel, um sie abzureißen und den Altstadtbereich grundlegend neu zu gestalten. Dies besorgten dann innerhalb weniger Jahre die Bomben des Zweiten Weltkriegs, die die Altstadt dem Erdboden gleichmachten. Als einziges ehemaliges Altstadthaus steht heute noch die Krone. Ansonsten ist durch die Nachkriegsplanung mit der breiten Landgraf-Georg-Straße, den Gebäuden der TU Darmstadt und dem Justus-Liebig-Haus mit modernem Anbau für die Stadtbibliothek der geschlossene Charakter des ehemaligen Altstadtareals aufgebrochen worden und kaum noch zu erkennen.

Lit.: Deppert, Fritz / Häussler, Christian: Die Darmstädter Altstadt, Darmstadt 1992.