Stadtlexikon Darmstadt

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Stadtbibliothek
Alt- und Neubau der Stadtbibliothek, Aufnahme 2003, Foto: Nikolaus Heiss, Darmstadt

Im Jahr 1879 eröffnete der Darmstädter Volksbildungsverein eine „Volksbibliothek verbunden mit Lesezimmer“. Die Nutzer waren in der Mehrzahl junge, noch unverheiratete Männer und Lehrlinge. Nur ein Drittel der Interessierten waren Frauen. Kindern war der Besuch nicht erlaubt. Jugendliche hatten erst nach Abschluss der Schulpflicht, also mit 14 - 15 Jahren, Zugang. Die Nachfrage war so stark, dass jeder Leser nur einmal in der Woche Bücher ausleihen durfte. 1897 zog die Bibliothek mit nun 4.200 Bänden in die Luisenstraße 20. Sie wurde in „Öffentliche Lese- und Bücherhalle“ umbenannt und 1901 von der Stadt DA übernommen. Der Leiter Karl Noack erhielt 1908 den Titel „Stadtbibliothekar“. Die Gründer der Bibliothek hatten – entsprechend dem Volksbildungsgedanken jener Zeit – fortschrittliche soziale und pädagogische Absichten: Auch dem einfachen Volk sollten Bücher zur Erbauung und Bildung bereitgestellt werden, um es von unnützem oder schädlichem Zeitvertreib wie Alkoholgenuss oder „Straßensteherei“ abzuhalten. Diese pädagogischen Ziele spiegelten sich – allerdings in reichlich autoritärer Ausprägung – in der Form der Schalterbibliothek wider: Die Leser standen vor einer holzverkleideten Wand mit einem offenen Schalterfenster, hinter dem der Bibliothekar stand. Der Leser trat vor den Schalter, nannte seinen Lesewunsch, und der Bibliothekar holte das passend scheinende Buch. Er traf meist die Auswahl! Die Ausleihe war auf einen Roman und ein belehrendes Buch pro Woche beschränkt, und das nicht nur wegen des zu kleinen Bestands, sondern weil die Bibliothekare andererseits „ungesunde Vielleserei“ verhindern wollten.

1924 zog die Bibliothek in die Pädagogstraße 1 um. Der Bestand war auf 28.000 Bände angewachsen. Die Schalterbibliothek wurde abgelöst von der Thekenbibliothek, die dem Leser zwar einen Blick auf die Regale erlaubte, den Zugang dorthin jedoch nach wie vor verstellte. Dieses Ausleihverfahren prägte für lange Zeit das Berufsbild der Bibliothekare: Zerberusse vor dem Bücherschatz, die dem eingeschüchterten Leser den Lesestoff zuteilten. Zu dieser Form der – wenn auch pädagogisch gemeinten – Bevormundung kam in Deutschland politische Einflussnahme in Bezug auf die Auswahl der Bestände. Das Bibliothekspersonal leistete hierbei häufig willfährige Dienste: Lange vor 1914 schafften Bibliotheken größere Bestände an kriegsverherrlichender Literatur an. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten stellten Bibliothekare der Darmstädter Stadtbibliothek in vorauseilendem Gehorsam bereits im März 1933 Listen der zu entfernenden Bücher zusammen, bevor die entsprechende Verordnung überhaupt erlassen wurde.

Entwicklung nach 1945

Nach der Zerstörung in der Brandnacht nahm die Stadtbibliothek 1945 mit einem Startbestand von 1.200 Bänden ihren Betrieb in der Goetheschule als traditionelle Thekenbibliothek wieder auf. Erst 1964 wurde sie mit der Eröffnung der neuen Zentrale im Justus-Liebig-Haus nach angelsächsischem Vorbild in eine Freihandbibliothek mit frei zugänglichen Regalen umgewandelt. In der Kinder- und Jugendbibliothek und in den neuen Stadtteilbibliotheken Arheilgen, Bessungen, Eberstadt und Heimstättensiedlung konnten die Leserinnen und Leser von Beginn an sich ihre Lektüre selber aus den Regalen nehmen. Die veränderte Organisationsform der Ausleihe signalisierte ein neues Selbstverständnis der öffentlichen Bibliotheken: An die Stelle der gut gemeinten erzieherischen Bevormundung trat die möglichst umfassende Bereitstellung von Informationen und Medien für die mündigen Leser. 1975 konnte eine Fahrbibliothek in Betrieb genommen werden. Die Zweigstelle in der Heimstättensiedlung wurde aufgelöst und zusammen mit anderen Stadtteilen durch den Bibliotheksbus versorgt. Dafür kam 2003 in Kranichstein die vierte Stadtteilbibliothek hinzu.

1979 erfolgte die Umbenennung der früheren „Öffentlichen Lese- und Bücherhalle“ in „Stadtbibliothek“. Sie hatte nun einen Bestand von 129.500 Medien und war ein Publikumsmagnet. Die hohe Nutzung und der wachsende Bestand machten einen Erweiterungsbau dringend notwendig. Am 29.10.1994 wurde der Neubau mit der dreifach vergrößerten Publikumsfläche eingeweiht. 2004 feierte die Stadtbibliothek ihr 125-jähriges Bestehen. Mit dem Gesamtbestand von 219.000 Medien erzielte sie rund 1.278.000 Ausleihen und verzeichnete 428.500 Besuche. Mehr als 50.000 Einwohner, davon ein Drittel aus dem Umland, besaßen einen Bibliothekausweis. Das Medienangebot umfasste neben Büchern auch CDs, Videos, DVDs, CD-ROMs, Hörbücher, Zeitungen, Zeitschriften und Gesellschaftsspiele. Die Hauptstelle und die Stadtteilbibliothek Kranichstein boten bereits Internetplätze an. Im Dezember 2004 wurde der Stadtbibliothek „für ihr Gesamtkonzept, das insbesondere eine Stärkung der dezentralen Einrichtungen in den Stadtteilen beinhaltet“ der „Hessische Bibliothekspreis 2004“ verliehen.

In den folgenden Jahren veränderten sich die Bedingungen für öffentliche Bibliotheken, begründet durch gesellschaftliche Umwälzungen, rasante technische Entwicklungen, die Veränderungen im Medienmarkt und das daraus resultierende Nutzungsverhalten: Internet, digitale Medien und die zunehmende Verbreitung mobiler Endlesegeräte veränderten Nutzungs- und Lesegewohnheiten. In der demographischen Entwicklung kehrte sich die Alterspyramide um: geringer werdende Geburtenraten stehen einer zunehmenden Zahl älterer Menschen gegenüber. Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund muss ebenso berücksichtigt werden wie die zurück gehende Lesefähigkeit der Kinder. Berufliche Entwicklung und längere Lebens-Arbeitszeit erfordern lebenslanges Lernen und ständige Neuorientierung. 2008 war die Stadtbibliothek DA die erste öffentliche Bibliothek in Hessen, die einen digitalen Bestand und die Möglichkeit des Downloads von zu Hause aus, die so genannte „e_Ausleihe“, anbieten konte. Die Nutzung entwickelte sich in den folgenden Jahren mit der zunehmenden Verbreitung mobiler Endlesegeräte immer stärker.

Die Auswirkungen der Finanzkrise 2010 überschatteten die finanziellen Möglichkeiten vieler Kommunen und deren Bibliotheken. 2013 mussten aus Gründen der Haushaltskonsolidierung die Zweigstellen in Arheilgen und Bessungen mit der Stadtteilbibliothek Kranichstein und der Hauptstelle im Justus-Liebig-Haus zusammengelegt werden. Der Bibliotheksbus übernimmt seitdem mit neuen Haltepunkten die Literaturversorgung der beiden Stadtteile. Im kommunalen Bibliotheksvergleich aller deutschen Bibliotheken belegt die Stadtbibliothek Darmstadt weiter einen Rang im oberen Drittel.