Stadtlexikon Darmstadt

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Paulusviertel
Paulusviertel von Süden, um 1933, im Hintergrund der Alte Friedhof und der Große Woog, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Ende des 19. Jahrhunderts plante die Stadt DA die Erschließung des noch weitgehend unbebauten Gebiets zwischen Bessungen und Altem Friedhof (Friedhöfe) und beauftragte den Architekten Friedrich Pützer mit der Erstellung eines Bebauungsplans. Dessen Entwurf für ein Villengebiet mit ländlichem bis kleinstädtischem Charakter, mit sanft geschwungenen, teilweise als Alleen angelegten Straßenzügen wurde 1900 genehmigt. Schon im Jahr darauf entstanden zwischen Roquetteweg, Schießhausstraße (heute Jahnstraße) und Im Geißensee die ersten Häuser des Paulusviertels, das von den Darmstädtern bald als Tintenviertel bezeichnet wurde, weil sich hier vorwiegend Akademiker und Höhere Beamte, also Vertreter der Schreibtischberufe, niederließen.
In einer ersten Bauphase bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde das Quartier bevorzugt mit Landhäusern im Stil des Traditionalismus bebaut, für den eine rustizierte Sockelzone, die Holzschindelverkleidung der Obergeschosse oder die Verzierung mit Fachwerk sowie ein tief heruntergezogenes Dach typisch sind. Das Zentrum des Viertels bildete der Paulusplatz mit der weithin sichtbaren, namengebenden Pauluskirche und der gegenüber liegenden Landes-Hypothekenbank (Landesbank). Während des Ersten Weltkriegs ruhte die Bautätigkeit im Paulusviertel. Seit den 1920er Jahren entstanden moderne, teilweise vom Internationalen Stil beeinflusste Villen, die u. a. von den Architekten Wilhelm Koban und Sixtus Grossmann geplant wurden. Wegen der anhaltenden Wohnungsnot rückte die Stadt von den strengen Vorgaben ab und ließ in der Hobrechtstraße den Bau von mehrgeschossigen Mietshäusern zu. Bis Mitte der 1930er Jahre war die Bebauung des Viertels abgeschlossen. Im Zweiten Weltkrieg wurden Teile des Paulusviertel bei Luftangriffen zerstört. Heute sind die Baulücken weitgehend geschlossen, einige Villen sind durch An- und Umbauten stark verändert. Trotzdem konnte sich der ursprüngliche Charakter des Viertels erhalten.

Lit.: Möbus, Walter: Bessunger Lesebuch, Darmstadt 1987, S. 127-130; Schmidt, Joachim: Paulusplatz-Geschichten. 100 Jahre im Tintenviertel, Darmstadt 2014; Gehrig, Gerlinde: Friedrich Pützer und das Paulusviertel in Darmstadt, Darmstadt und Marburg 2014 (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte Bd. 169).