Einige Jahre nach dem Start des ersten künstlichen Satelliten Sputnik 1957 durch die Sowjetunion sah Europa die Notwendigkeit zu vereintem Handeln, um den technologischen Vorsprung von Amerikanern und Russen einzuholen, und gründete zwei zwischenstaatliche Weltraumorganisationen, ELDO und ESRO, welche die Entwicklung von Startraketen sowie von wissenschaftlichen und Anwendungssatelliten zum Ziel hatten. Diese beiden Organisationen wurden 1975 zur European Space Agency (ESA) mit Verwaltungssitz in Paris zusammengefasst, aber noch vorher wurden das technische Zentrum ESTEC in Noordwijk (Niederlande), das Forschungszentrum ESRIN in Frascati und 1963 das Datenzentrum ESDAC in DA eingerichtet. ESDAC fand seine Unterkunft zunächst in der Rheinstraße beim Deutschen Rechenzentrum (Fraunhofer-Institut SIT), wo es dessen damals einzigartigen Großrechner nutzte, und ein Jahr später in der Havelstraße. Bald jedoch wuchs das Satellitenprogramm in eine Größenordnung, die eine eigene Einrichtung notwendig machte. Da schon damals Computer eine wesentliche Rolle für die Satellitenkontrolle spielten, wurden die bisherigen Kontrolleinrichtungen von Noordwijk nach DA verlegt und mit ESDAC zum European Space Operations Centre (ESOC) verschmolzen. Das neue Zentrum wurde im Westwald zwischen Rheinstraße und Waldkolonie gebaut und konnte am 8. September 1967 mit 95 Beschäftigten in Betrieb genommen werden. Bis 2026 ist die Zahl auf über 800 Beschäftigte angestiegen.
ESOC ist das Kontrollzentrum der Europäischen Weltraumorganisation ESA – „Europas Tor zum Weltraum“ – und für den Betrieb der ESA-Satelliten, für die dazu notwendigen Bodenstationen und für das Kommunikationsnetzwerk verantwortlich. Die ESOC-Teams haben bislang über 90 Satelliten erfolgreich gestartet und betreut sowie zahlreiche Missionen anderer nationaler und internationaler Organisationen unterstützt. Aufgrund seiner hoch entwickelten Technik und seiner Spezialisten-Teams ist das ESOC in der Lage, gleichzeitig 15 Satelliten in Routine und weitere Satelliten in der Startphase LEOP („Launch and Early Orbit Phase“) zu kontrollieren bzw. weltweit renommierte Rettungsaktionen durchzuführen. Das Kontrollzentrum ist in ständigem Kontakt mit dem gesamten Bodenstationsnetz der ESA. Sobald der Satellit seine Routineflugbahn erreicht hat, wird die Kontrolle von einem speziellen Nebenkontrollraum („Dedicated Control Room“) übernommen. Trotz der enormen technischen Hilfe, die Computersysteme dabei bieten, ist es der Mensch, der letzten Endes den Satelliten steuert und damit den Erfolg eines Projekts sicherstellt. Die technischen Disziplinen, die im ESOC vertreten sind, umfassen Satellitensysteme, Elektronik, Hochfrequenzsysteme und Nachrichtentechnik, Informatik und Software, Mathematik, Himmelsmechanik, Astronomie und Kosmologie.
ESOC ist das Zentrum des weltweiten Netzes an ESA-Bodenstationen (ESTRACK), mit 9 eigenen ESA-Bodenstationen in Redu (Belgien), Kourou (Französisch-Guayana), Cebreros / Villafranca / Maspalomas (Spanien), Kiruna (Schweden), Malargüe (Argentinien) und New Norcia (Australien). Zusätzlich nutzt ESTRACK verschiedene externe Bodenstationen in Zusammenarbeit mit anderen Raumfahrtorganisationen. Als Teil der ESA pflegt ESOC vielfältige Beziehungen mit anderen Weltraumorganisationen, insbesondere mit Kontrollzentren in aller Welt. Für den Aufbau von Weltraumaktivitäten in Ländern ohne eine solche Tradition hat ESOC Beratungsdienste geleistet und Software zur Verfügung gestellt. ESOC ist am Betrieb neuer europäischer Weltraumprojekte wie dem im Aufbau befindlichen Galileo (Europäisches Navigationssatellitensystem) oder dem Copernicus-Programm beteiligt, das operationelle Geoinformationsdienste für Umweltüberwachung und zivile Sicherheit zur Verfügung stellt. Auch der Flug der Raumsonde „Rosetta“ zum Kometen Tschurjumow-Gerasimenko und die spektakuläre Landung der Landeinheit Philae auf dem Kometen im Jahr 2014 wurden vom ESOC aus gesteuert. 2016 startete der erste Teil der europäisch-russischen Mission ExoMars zum roten Planeten, die nach Spuren vergangenen oder aktuellen Lebens suchen soll. Zu den weiteren wichtigen Projekten des ESOC gehören die Umweltsatelliten-Programme Sentinel-1 und Sentinel-2, Solar Orbiter (Erforschung der Sonne, gestartet im Februar 2020) und die Sonde BepiColombo, die im Oktober 2018 gestartet wurde und Ende 2025 den Merkur erreichen soll.
Das 2020 im ESOC gegründete „Space Debris Office“ (Büro für Weltraumsicherheit) kümmert sich um das Problem des zunehmenden Weltraumschrotts. Im Umfeld des ESOC hat sich ein Informations- und Gründerzentrum für Satellitennavigation etabliert, das „Centrum für Satellitenanwendungen Hessen“ (Cesah). Es unterstützt Unternehmen bei der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen, die einen Bezug zur Satellitennavigation haben und hat bislang über 60 Start-ups hervorgebracht.
Der 2021 entdeckte Asteroid Nr. 810657 erhielt den Namen „ESOC“. Seit 2025 sind ein Neubau für das ESOC sowie ein Besucherzentrum in Planung. 2027 feiert das ESOC sein 60-jähriges Bestehen.
Lit.: Wissenschaftsstadt Darmstadt. Wissenschaft in Darmstadt, hrsg. von der TU Darmstadt, 3. Aufl., Darmstadt 2001, S. 28-31.