Stadtlexikon Darmstadt

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Waldkolonie
Oberer Illigweg, von der Rabenaustraße aus gesehen, um 1925, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Der Stadtteil im Westen DAs entstand seit Beginn des 20. Jahrhunderts in mehreren Phasen aus unterschiedlichen Wurzeln und wuchs erst in der Nachkriegszeit zu einem geschlossenen Stadtteil zusammen. Im Zuge der Errichtung des neuen Hauptbahnhofs erbaute die Stadt DA 1907 bis 1909 ein neues Elektrizitätswerk, das einen Großteil seiner Leistung für den Bahnhof und das am 01.07.1909 in Betrieb genommene Lokomotiv-Ausbesserungswerk produzierte. Für ihre Bediensteten errichtete die Bahn im Jahr 1911 36 Wohnungen nördlich des Dornheimer Wegs. 1914 und 1915 wurde, wohl im Zusammenhang mit dem Neubau der Luftschiffer- und Funkerkaserne, der Dornheimer Weg auf seiner ganzen Länge befestigt. Zugleich stellte die Stadt die Befestigung der Wixhäuser Hausschneise zwischen Dornheimer Weg und Weiterstädter Straße fertig und legte damit den Verlauf der späteren Michaelisstraße fest. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs herrschte in DA akute Wohnungsnot. Durch heimkehrende Soldaten und durch Vertriebene aus Elsass-Lothringen und aus den französisch besetzten Gebieten stieg die Bevölkerung rasch an. Der Wohnungsnot begegnete die Stadtverwaltung u. a. durch Planung einer Siedlung am Dornheimer Weg, wo in einfacher normierter Bauweise und mit wesentlichen Eigenleistungen der künftigen Bewohner eine Reihe preiswerter Wohnhäuser entstehen sollte. Als Bauträger kamen nur Baugenossenschaften oder Bauvereine infrage, die aus öffentlichen Mitteln bezuschusst wurden, wenn die öffentliche Hand nicht selbst als Bauträger auftrat.

Die Gemeinnützige Heimstätten-Baugesellschaft und die Eisenbahner-Baugenossenschaft erhielten von der Stadt zwei nebeneinander liegende Grundstücke südlich des Dornheimer Wegs zur Bebauung. Die Stadt übernahm die Erschließung. Zur Errichtung ihres Teils der neuen Siedlung westlich der Rabenaustraße ließ die Heimstätten-Baugesellschaft nach den Plänen der Architekten Heinrich Stumpf und Karl Osterrath am Dornheimer Weg und in der Rabenaustraße um die Jahreswende 1919/20 vier Probehäuser in gleichem Grundriss, aber mit verschiedenen Materialien errichten. Alle hatten eine bebaute Fläche von 53,3 qm, 4 Zimmer, Wohnküche und im Keller Waschküche und Stall. Die Baukosten schwankten zwischen 33.800 und 36.500 Mark, wobei das unter Verwendung des relativ neuen Baustoffs Beton erstellte Haus das billigste war. Die Baugesellschaft begann noch 1920 mit dem Bau weiterer 17 Häuser. Insgesamt wurden in den nächsten Jahren 67 Wohneinheiten fertig gestellt. Mannigfache Probleme der Frühzeit konnten nur mit Mühe bewältigt werden. Die rasante Geldentwertung trieb die Heimstätten-Baugesellschaft in den Konkurs; in ihre Rechte trat die Stadt DA ein. Ein weiteres schwer wiegendes Hemmnis ergab sich aus der Besetzung der Darmstädter Eisenbahnwerkstätten und des Elektrizitätswerks und damit der gesamten Waldkolonie durch französische Truppen. Zwischen März 1923 und November 1924 war die Waldkolonie von der Innenstadt abgeschnitten. Das Passieren der Militärposten an der Eisenbahnbrücke war nur mit Passierscheinen möglich.

Moldenhauerweg und Paul-Gerhardt-Haus, nach 1926, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Die Eisenbahner-Baugenossenschaft, deren Mitglieder in den nahe gelegenen Bahnwerkstätten arbeiteten, begann 1920 auf dem von ihr erworbenen Grundstück zwischen Rabenaustraße und Rodensteinweg mit der Errichtung von Kleinsiedlungshäusern mit Garten und Stall. Die Siedler mussten mindestens 25 Stunden in der Woche selbst Hand anlegen. Bis 1925 waren trotz der Hemmnisse durch Inflation und französische Besetzung alle Bauplätze bebaut. In den 1930er Jahren konnte das Baugebiet um einige Baublocks am Traubenweg erweitert werden. Insgesamt wurden von der Eisenbahner-Baugenossenschaft in der Waldkolonie über 100 Häuser fertig gestellt. Die Versorgung der Waldkolonie mit Lebensmitteln erfolgte zum großen Teil durch die Siedler selbst, die wichtige Grundnahrungsmittel wie Obst, Kartoffeln und Gemüse anbauten, andere Dinge des täglichen Bedarfs in den „Stubenläden“, den zu Ladengeschäften umgebauten Wohnstuben einiger Siedlerhäuser, kauften. Auch die kirchliche und schulische Versorgung folgte in den nächsten Jahren: Am 06.06.1926 konnte das ev. Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Gemeinde (Ev. Kirchengemeinden) eingeweiht werden. Auf eine eigene Kirche mussten die Bewohner der Waldkolonie jedoch noch 36 Jahre warten. Im Juni 1929 wurde die Lessingschule eingeweiht. Damit war die bauliche Entwicklung zu einem ersten Abschluss gekommen. Über 2.000 Menschen hatten bisher in der neuen Siedlung im Westen eine Wohnung gefunden.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde der Siedlungsbau unter anderen politischen Voraussetzungen fortgesetzt, das Siedlungswesen in das System der nationalsozialistischen Ideologie eingebunden. Die Siedlungshäuser der NS-Zeit waren einfacher gestaltet und stärker genormt als die Häuser der 1920er Jahre, waren dafür auch zu Preisen zwischen 5.000 und 6.000 RM herzustellen. Die Planung der Häuser wurde zentral vom Reichsheimstättenamt der Deutschen Arbeitsfront geleitet, die einzelnen Siedlungen von NS-Organisationen gebaut, im Falle der Siedlung Waldkolonie von der NSKOV, der „Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung“. Am 21.03.1934 erfolgte in Anwesenheit von Gauleiter Jakob Sprenger der erste Spatenstich zur „Frontkämpfersiedlung“ im Harras. Bereits am 17. Dezember konnte für die ersten 20 Siedlerstellen Richtfest gefeiert werden. Gleichzeitig begann der Bau des zweiten Abschnitts mit weiteren 30 Häusern. Diese Siedlung, die seit 1935 als „Waldkolonie“ bezeichnet wurde, weil sie mitten im Wald errichtet wurde, gab später dem ganzen Stadtteil den Namen.

Im Zweiten Weltkrieg kam die Bautätigkeit in der Waldkolonie zum Erliegen. Die Bombenangriffe der Jahre 1943 und 1944, die DA zum größten Teil zerstörten, überstand die abgelegene Kolonie vergleichsweise glimpflich. Ein Haus der Frontkämpfersiedlung und drei Doppelhäuser der Eisenbahnersiedlung wurden zerstört und konnten in den 1950er Jahren wieder aufgebaut werden. Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg brachten für die Waldkolonie eine Vielzahl bedeutsamer Änderungen. Aus einem abseits gelegenen beschaulichen Siedlungsgebiet im Westen DAs wurde ein verkehrsreicher Stadtteil, der heute durch stark befahrene Straßen in mehrere Richtungen erschlossen ist. Nachdem in den ersten 20 Jahren nach Kriegsende nur eine geringe Bautätigkeit zu verzeichnen war und im Wesentlichen zerstörte Häuser wieder aufgebaut und Notwohnungen errichtet wurden, hat man seit 1965 ein großes Wohngebiet im Norden (Michaelistraße/Akazienweg) erschlossen und bebaut. Die Einwohnerzahl stieg seit dieser Zeit auf rund 7.000 an. Wirtschaftsunternehmen, die Bundeswehr (Starkenburgkaserne), die Ev. Fachhochschule (Ev. Hochschule) siedelten sich an. Viele neue Bewohner zogen zu, die mit der Entstehung und dem besonderen Charakter der Vorkriegssiedlung nicht vertraut waren. Alte und neue Bewohner vermischten sich in den gemeinsam gegründeten Vereinen, dem Sportverein „Grün-Weiß“, dem Karnevalsverein, der Siedlergemeinschaft oder dem Bezirksverband Waldkolonie. Das Alte Schalthaus dient seit 1999 als gemeinsames Bürgerhaus. Die Waldkolonie hat sich von einem Kleinsiedlungsgebiet zu einem allgemeinen Wohngebiet gewandelt, das durch die Entwicklung der Weststadt in den letzten Jahren noch enger in das Stadtgebiet eingebunden worden ist.

Lit.: 75 Jahre Waldkolonie, hrsg. vom Bezirksverband Waldkolonie, Redaktion Friedel Gnad, Darmstadt 1996.