Stadtlexikon Darmstadt

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Gasversorgung
Erstes Darmstädter Gaswerk an der Lagerhausstraße (heute Julius-Reiber-Straße), Aufnahme um 1904, Foto: Joseph Magnus, Stadtarchiv Darmstadt

1853 gründeten einige Darmstädter Bürger die „Darmstädter Actiengesellschaft für Gasbeleuchtung“ zur Errichtung eines großen Gaswerks auf der Niederwiese vor dem Maintor, d. h. auf dem Gelände der heutigen Eleonoren- und Justus-Liebig-Schule. Eröffnet wurde das Werk am 14.03.1855. Das aus Holz erzeugte Gas wurde über Rohrleitungen zu den Verbrauchern transportiert. Neben der Stadtverwaltung zählten vor allem Gasthöfe, Läden und Gesellschaften zu den Kunden des Gaswerks. Der Jahresabsatz stieg von 1855 bis 1905 von 231.000 auf 5,7 Millionen cbm. Das Rohrleitungsnetz hatte eine Länge von 114 km, 1.952 Gaslaternen (Straßenbeleuchtung) waren aufgestellt. Die Stadt DA, die das Gaswerk 1880 übernommen hatte (Entega), errichtete 1900 bis 1902 an der Frankfurter Straße ein neues Gaswerk, dessen Kapazität für 150.000 Einwohner ausgelegt war. Das alte Gaswerk wurde abgerissen. Ab 1908 führte man die Selbstzündung und Selbstlöschung der Straßenlaternen durch Gaswelle ein. Bei der Gaserzeugung und -reinigung fielen verschiedene Nebenprodukte an, vor allem Koks, Teer, Ammoniak und Benzol. Der Koks wurde zu Koch- und Heizzwecken an Haushalte und Gewerbebetriebe verkauft, andere Stoffe fanden ihre Abnehmer hauptsächlich in der chemischen Industrie, Benzol bei der Benzinherstellung.

Gaswerk Frankfurter Straße, um 1910, auf der Trasse der Odenwaldbahn im Vordergrund wird wenige Jahre später der Rhönring angelegt, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Der ursprüngliche Zweck der Gaserzeugung war die Herstellung von Leuchtgas zum Beleuchten von Straßen und Wohnungen gewesen. Zunehmend wuchs aber auch die Bedeutung der Gaserzeugung für Zwecke des Kochens und Heizens. 1904 betrieben die Darmstädter bereits 1.163 Gasheizöfen, 1.038 Gasbadeöfen, 5.185 Gasherde und insgesamt 3.006 Bügeleisen, Kaffeeröster, Brennscherenerhitzer, Lötgebläse, Bunsenbrenner u. a. technische Geräte. Auch in den 1920er und 1930er Jahren mussten die Anlagen zur Gaserzeugung mehrfach dem weiter steigenden Verbrauch angepasst werden. Grund war vor allem, dass das Darmstädter Gaswerk auch Gemeinden im Umland mit Gas versorgte. Nachdem Arheilgen bereits seit 1907 aus DA mit Gas beliefert wurde, begann die eigentliche Gasfernversorgung 1927 mit der Verlegung einer Gasleitung nach Pfungstadt. In den folgenden Jahren kamen Dieburg, Nieder- und Oberroden, Eppertshausen, Urberach, Seligenstadt, Lorsch, Groß-Gerau, Eberstadt, Griesheim u. a. hinzu. 1944 wurde das Gaswerk bei mehreren Bombenangriffen schwer beschädigt. Nach Kriegsende kam die Gasversorgung nur mühsam in Schwung, weil viele Rohrleitungsschäden zu beheben waren und die Kohlezuteilungen für das Gaswerk den Bedarf nicht decken konnten. Erst ab Ende 1947 konnte die Straßenbeleuchtung allmählich wieder in Betrieb genommen werden. Ein Großteil des Gases stammte von der Ruhrgas AG, mit der die Stadt DA 1948 einen Liefervertrag für Ferngas abgeschlossen hatte, um die Gasversorgung im wachsenden Versorgungsgebiet langfristig sicherzustellen. Das nunmehr von der Südhessischen Gas und Wasser AG betriebene Versorgungsnetz dehnte sich weiter aus. 1948 bis 1953 wurden Gaslieferverträge mit Langen, Bensheim, Hanau, Lampertheim, Biblis, Groß-Rohrheim, Büttelborn, Biebesheim und Egelsbach abgeschlossen. Das gesamte Versorgungsgebiet wurde jetzt im Regelfall mit Ferngas von der Ruhrgas AG beliefert. Im Dezember 1966 legte die Südhessische ihre Eigengaserzeugung still.

In den 1950er Jahren hatte sich das Gas dem Wettbewerbsdruck des Heizöls zu stellen, dessen Verbrauch immer weiter stieg. Das Ende der Gasversorgung schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. In der Konkurrenz zum Öl kam den Gasversorgern die Nutzbarmachung des fossilen Brennstoffs Erdgas zu Hilfe. Das Erdgas vereinte mehrere Vorteile gegenüber dem Kokereigas. Es war etwa 20 Prozent preiswerter, es produzierte keine Abgase bei der Herstellung und verbrannte fast rückstandsfrei. Dazu hatte es einen doppelt so hohen Heizwert wie Kokereigas. Man benötigte also weniger Gas zur Erreichung der gleichen Wärmeausbeute. Von April 1969 bis Juli 1971 stellte die Südhessische das gesamte Versorgungsgebiet auf die neue Energieform um. Wurden 1950 noch 13 Millionen cbm abgesetzt, überstieg die Gasliefermenge 1967 erstmals die Grenze von 100 Millionen cbm. 1970 beim Beginn der Erdgasversorgung waren es bereits 138 Millionen cbm und 1986 510 Millionen. In diesem Jahr hatte das Leitungsnetz eine Länge von 1.524 km erreicht und wuchs weiter auf gut 2.600 km im Jahr 2004 an. Das Versorgungsgebiet reicht heute von Hainburg im Norden bis Hirschhorn am Neckar im Süden und von Breuberg im Osten bis zum Rhein bei Stockstadt, Biebesheim und Biblis im Westen. 1994 feierte die Südhessische Gas und Wasser AG das Jubiläum „25 Jahre Erdgas“ mit einem großen Fest im Bürgerpark Nord. Zur selben Zeit wurde für das Erdgas eine neue zukunftsträchtige Nutzungsmöglichkeit erschlossen: als alternativer Treibstoff für Autos. 1994 nahm die Südhessische als erstes Unternehmen in der Region Erdgasautos in Betrieb. Die erste Erdgastankstelle wurde im September 1997 an der Frankfurter Straße in der Nähe des Nordbahnhofs eröffnet. In diesem Jahr unterhielt die Südhessische eine Flotte von 40 erdgasbetriebenen Fahrzeugen, 2000 waren es bereits 150.

Lit.: Engels, Peter: Festschrift zum Jubiläum 150 Jahre Gas- und 125 Jahre Wasserversorgung in Darmstadt und Umgebung, Darmstadt 2005.