Stadtlexikon Darmstadt

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St. Ludwig
Blick vom Ludwigsmonument über das Alte Palais und die Häuser der Wilhelminen- und Elisabethenstraße auf St. Ludwig, kolorierter Stahlstich, um 1850, Stadtarchiv Darmstadt

(Kath. Pfarrkirche, Wilhelminenplatz) Der erste kath. Kirchenbau in DA seit der Reformation steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem politischen Aufstieg der Landgrafschaft zum souveränen Großherzogtum und dem daraus resultierenden Ausbau der Residenzstadt. Die Einverleibung großer Teile des säkularisierten kurmainzischen Staats gebot religiöse Toleranz und demonstrative Integration, die 1822 ihren Ausdruck in der Stiftung eines aufwändigen kath. Kirchenbaus in zugleich aufgeklärter Formensprache fand. Dafür steht der von Georg Moller selbst geäußerte Verweis auf das Vorbild des römischen Pantheons. Für die Wahl des Zentralbaus an Stelle einer zunächst geplanten Basilika spielt allerdings auch das politische Vorbild Berlin und der Bau der St.-Hedwigs-Kathedrale am Forum Fridericianum eine große Rolle. Die exponierte Lage und der architektonische Anspruch der überkuppelten Rotunde – die Kuppel (ehemals eine Bohlenkuppel) mit einem Durchmesser von 33 Metern erhebt sich über einem Kranz aus 28 korinthischen, mit Stuckmarmor verkleideten Säulen – unterstreicht die Vermutung, dass Ludewig I., dessen Name als Stifter sich im Patrozinium des Hl. Ludwig IX. von Frankreich verbirgt, daran dachte, den seit 1818 vakanten Bischofssitz von Mainz nach DA zu verlegen. Der hohe Rang von St. Ludwig äußert sich auch darin, dass der zweite Pfarrer Johannes Conrad Dahl 1830 als Domkapitular und der dritte Pfarrer Petrus Leopold Kaiser 1835 als Bischof nach Mainz berufen wurden. Die Querachse im Umgang der Kirche markieren die Grabmäler der Großherzogin Mathilde (gest. 1862), als Tochter Ludwigs I. von Bayern und Gemahlin Ludwigs III. erste Katholikin im hessischen Herrscherhaus, und des Prinzen Friedrich von Hessen (gest. 1867). Die historisch bedeutendste, aus der Gemeinde stammende Persönlichkeit dürfte der spätere bayerische Ministerpräsident und Reichskanzler Georg Graf von Hertling gewesen sein.

Innenansicht, Foto: Godehard Lehwark

Die bis zur Zerstörung in der Brandnacht 1944 in ihrer Substanz erhaltene, in ihrem Erscheinungsbild nur wenig veränderte Kirche wurde 1954/55 wiederaufgebaut; gegenüber dem Vorkriegsbau wurden nach Plänen von Clemens Holzmeister (Wien) leichte Veränderungen vorgenommen: Attika-Aufsatz und Stahlkuppel im „Moller-Maß“, aber ohne Pultdach. Der sukzessiven mit der Kupfereindeckung der Kuppel beendeten Außensanierung (1993) folgten 2002 die Neugestaltung der Altarinsel (Elmar Hillebrand), die 2005 abgeschlossene farbige Fassung des Innenraums (Damaris und Vitus Wurmdobler) und der im selben Jahr durchgeführte Einbau einer Winterhalter-Orgel (Orgeln). In 2014 hatte die Gemeinde 5.270 Mitglieder.

Lit.: Preßler, Karsten: Die Ludwigskirche in Darmstadt. Zum denkmalpflegerischen Umgang mit einem kriegszerstörten Sakralbau. Baugeschichte und Wiederaufbau, Mainz 2000; Reber, Horst: Gedanken zur kirchlichen Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. In: Handbuch der Mainzer Kirchengeschichte 3.2, Würzburg 2002, S. 1533-1551, bes.: 1539-1542; Groblewski, Michael (Hrsg.): St. Ludwig in Darmstadt. Von der Pantheonidee zur Kirche am Berg, Regensburg 2005.