Stadtlexikon Darmstadt

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Sport in Darmstadt
Turnlehrer und Schulvorsteher Heinrich Schmitz (1797-1876), Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Die erste Form der organisierten Sportbewegung in DA war das Turnen in der Nachfolge des „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), das nicht nur eine sportliche, sondern eine zutiefst politische Bewegung war und einherging mit Forderungen nach einer Einheit des deutschen Vaterlands und nach politischen und gesellschaftlichen Reformen. Deshalb gerieten die Turnvereine schon bald in den Fokus staatlicher Überwachung. Im Frühjahr 1817 begann eine Gruppe von Darmstädter Gymnasiasten, Kaufleuten und Künstlern mit regelmäßigen Turnübungen auf einem Platz in der Gegend des heutigen Marienplatzes, auf dem Reck, Barren, Sprunggeräte, Schwebebaum und Klettergerüst zur Verfügung standen. Nach der Ermordung des russischen Staatsrats August von Kotzebue 1819 durch den Turner und Burschenschaftler Karl Ludwig Sand wurde 1820 jegliches Turnen als vermeintlicher Hort des Aufruhrs verboten. Nur das Schulturnen war weiterhin erlaubt. Der aus Gießen stammende Lehrer Heinrich Schmitz (1797-1876) bot in seiner Knabenschule, einer der angesehensten Darmstädter Privatschulen (Schulwesen), seit 1822 Turnunterricht an. Zu Beginn der Revolution 1848 wurde der aus Oberhessen stammende Adolf Spieß nach DA berufen, um das Schulturnen im Großherzogtum Hessen zu organisieren. Die nach einer Übereinkunft von Innenministerium und Stadtverwaltung errichtete Turnhalle mit daneben liegendem Turnplatz auf dem Gelände der Realschule an der Kapellstraße (eingeweiht 1852) war die erste derartige Einrichtung in Deutschland. Sie war für den Turnunterricht aller öffentlichen Darmstädter Schulen bestimmt. Bereits 1843 hatten Darmstädter Bürger einen Turnverein für Knaben gegründet, dessen Turnlehrer Franz Wilhelm Metz wurde, der seit Sommer 1842 auch eine private Turnschule für Knaben betrieb. Die erste Turnstunde fand am 02.07.1843 mit 244 anwesenden Turnschülern auf dem Turnplatz am alten Schießhaus (neben dem Alten Friedhof) statt. Ein Jahr später begann das Erwachsenenturnen. Bei den Feierlichkeiten zur Enthüllung des Ludwigsmonuments am 27.08.1844 stellte sich der Turnverein mit einem Fest- und Schauturnen auf dem Marktplatz, an dem auch auswärtige Turner teilnahmen, erstmals der Öffentlichkeit vor. Aus diesem Anlass schuf Johann Heinrich Felsing die Turnfahne mit dem vierfachen „F“ in Kreuzform, das den Wahlspruch von Turnvater Jahn „frisch, fromm, fröhlich, frei“ aufgriff und bis heute als „Turnerkreuz“ verwendet wird. Felsing war auch Gründungsvorsitzender der Turngemeinde DA (TSG Darmstadt 1846), des ersten Darmstädter Turnvereins, der aus politischen Gründen bereits ein Jahr später aufgelöst wurde, sich jedoch nach der Revolution 1848/49 neu gründete.

Das gesellschaftliche Selbstverständnis der Turner und ihre Nähe zu militärischen Verbänden äußerten sich darin, dass sie verschiedene Aufgaben abseits der sportlichen Betätigung übernahmen. Eine Turnerkompanie war Mitglied der Darmstädter Bürgerwehr, die in der Zeit der Revolution für Ruhe in der Stadt sorgte. 1849 bildete sich die Turner-Feuerwehr, die den Brandschutz für die gesamte Stadt DA gewährleistete, bis sie 1883 in die Freiwillige Feuerwehr DA überführt wurde (Feuerwehr). Das Sanitäterkorps der Turngemeinde transportierte 1866 verwundete hessische Soldaten vom Schlachtfeld der Schlacht bei Aschaffenburg nach DA, um sie im Lazarett unter Leitung von Ludwig Büchner zu pflegen. Die Mitglieder der 1865 gegründeten TG Bessungen leisteten im Krieg 1870/71 freiwilligen Sanitätsdienst an verwundeten Franzosen im Lazarett in der Orangerie. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten die Turnvereine neben den Musikvereinen zu den Säulen des bürgerlich-geselligen Lebens. Sie gründeten Theatergruppen und später Karnevalsabteilungen, veranstalteten Bälle und Abendunterhaltungen. Daneben fanden die in Abständen organisierten Turnfeste überregionalen Zuspruch. Das erste Turnfest in DA wurde am 11.08.1861 aus Anlass der 50. Wiederkehr der Eröffnung des ersten Turnplatzes in Berlin durch Turnvater Jahn veranstaltet. 1.300 Turner nahmen am Festzug und den Vorführungen auf dem Exerzierplatz vor 3.000 Zuschauern teil. Noch besser besucht waren die „Mittelrheinischen Turnfeste“, veranstaltet vom 1859 gegründeten Turnkreis Mittelrhein, die in den Jahren 1865, 1875 und 1893 in DA stattfanden. Das Turnfest 1865 zog neben 2.000 Aktiven etwa 50.000 Besucher an, die sich zahlreiche Turnwettkämpfe, den Festzug und Vorführungen der Turner-Feuerwehr am Pädagog ansahen und die gebotenen Volksbelustigungen genossen. Der 1872 gegründete Turngau Main-Rhein, dem die TG Bessungen beitrat, veranstaltete sein erstes Turnfest ebenfalls in DA. Zum Turnfest 1893 wurde die neue, für Großveranstaltungen errichtete Festhalle auf dem Exerzierplatz in Betrieb genommen. Auch das 33. Mittelrheinische Turnfest vereinte vom 28.07.-07.08.1927 noch einmal tausende von Turnern in DA zu sportlichem Wettkampf, Festzug und geselligen Veranstaltungen.

Gymnastikvorführungen auf dem Exerzierplatz beim 33. Mittelrheinischen Kreisturnfest 1927, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Differenzierung der Sportarten

Bis zum späten 19. Jahrhundert war das Turnen der einzige ausgeübte Sport in DA, wobei das wesentlich ältere Schießen noch nicht als sportliche Betätigung im engeren Sinne angesehen wurde (Schützenwesen). Auch um 1900 gründeten sich noch weitere Turnvereine: Akademischer Turnerbund Alemannia (1894), Freie Turngemeinde Darmstadt 1898, Ghibellinia Akademische Turnverbindung 1905. 1894 hatte sich der erste Damenturnverein gegründet, da die bisherigen Vereine nur Männern vorbehalten waren. Ab 1897 ermöglichte auch die TSG 1846 Frauen das Turnen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten „Nicht-Turnvereine“. Den Anfang machte 1883 der Radfahrverein „Darmstädter Bicycle-Club“. Bereits am 14.09.1884 wurde auf dem Marienplatz das erste Radrennen (auf Hochrädern) ausgetragen. Seit 1892 verfügte der Bicycle-Club über eine eigene „Velociped-Wettfahrbahn“ am Karlshof (333,3 Meter). Da sich die neue Fortbewegungsart großer Beliebtheit erfreute, erfolgten weitere Vereinsgründungen: Radfahrerverein und Arbeiter-Radfahrer-Union (beide 1885), Velocipedclub (1899), Radsport-Klub (1919) u. a. 1909 gab es in DA nicht weniger als acht Radfahrvereine. Im Mai 1894 eröffnete die Arbeiter-Radfahrer-Union ihre Radrennbahn an der Windmühle. Zwei Monate später weihte der Radfahrerverein die heute noch bestehende Radrennbahn (500 Meter) an der Heidelberger Straße ein. Neben Bahnrennen wurden vor 1900 bereits die ersten Straßenrennen rund um DA ausgetragen. Die ersten Radrennen für Frauen fanden 1921 bis 1923 „Rund um die Ludwigshöhe“ statt. Auch Kunstradfahren (seit Beginn des 20. Jahrhunderts) und Radball (seit den 1930er Jahren) wurden betrieben.

1884 gründeten sechs Eisläufer den Darmstädter Schlittschuhclub, der seit dem 01.01.1887 eine Eisbahn (eine unter Wasser gesetzte Wiese) am Ende der Wendelstadtstraße (Wilhelm-Leuschner-Straße) betrieb, die dank elektrischer Beleuchtung auch abends genutzt werden konnte. Nachdem das Gelände 1893 wegen der geplanten Bebauung geräumt werden musste, wurde 1894 eine neue Bahn am Eschollbrücker Weg eröffnet, die seit 1897 im Sommer auch als Tennisplatz genutzt wurde. Der Tennissport kam ebenfalls in den 1880er Jahren nach DA, vermutlich durch englische Studenten und die Verbindungen des Darmstädter Hofs nach England. 1906 zog der stark vergrößerte Verein auf ein neues Gelände an der Nieder-Ramstädter Straße und legte dort eine wesentlich größere Eisbahn und 16 Tennisplätze an. Im selben Jahr erfolgte die Vereinigung mit der 1900 gegründeten Lawn-Tennis-Vereinigung zum „Schlittschuhclub und Sportverein Darmstadt“, der sich 1919 in „Tennis- und Eisclub Darmstadt“ (TEC) umbenannte. Nach der Auflösung (1935) des 1910 gegründeten Darmstädter Golf-Clubs, der einen Golfplatz zwischen dem Kirchweg (heute Traisaer Straße) und dem Böllenfalltorweg errichtete, übernahm der TEC Teile des Geländes und das 1912 errichtete Clubheim der Golfer. Für die 4. Internationalen Meisterschaften der Studenten wurden die heutigen Plätze 1 und 2 und die Tribüne vor dem Clubhaus angelegt. Während der Schlittschuhsport beim TEC aufgrund technischer Schwierigkeiten bei der Eisbereitung noch vor dem Zweiten Weltkrieg eingestellt wurde, ist die 1947 gegründete Hockeyabteilung heute neben dem Tennis das zweite Standbein des Clubs.

Neben dem Schlittschuhlaufen hielt in DA um die Jahrhundertwende als weitere Wintersportart auch der Skisport Einzug. Am 07.12.1902 wurde der Skiclub DA-Odenwald (SCDO) gegründet, der drittälteste Skiverein Deutschlands. Die ersten Skilehrer des Vereins waren norwegische Studenten an der TH Darmstadt. Skikurse wurden im Odenwald und im Schwarzwald abgehalten. Zusammen mit dem Schwimmclub „Jung-Deutschland“ (DSW 1912) errichtete der SCDO 1924 bis 1926 eine Skihütte im Schwarzwald, die bis heute genutzte Darmstädter Hütte. Der 1922 an die TH berufene Ernst Söllinger führte das Skilaufen als feste Einrichtung in den Hochschulsport ein. Regelmäßige studentische Skikurse wurden im Kleinwalsertal durchgeführt, wo die TH seit 1929 mit dem Waldemar-Petersen-Haus in Hirschegg - seit Juni 2015 umbenannt in "Darmstädter Haus" - über eine eigene Skihütte verfügte. An der Ludwigshöhe gab es seit dem frühen 20. Jahrhundert eine Bob- und Rodelbahn. 1936 wurden unterhalb des Turms mit Hilfe des Reichsarbeitsdienstes zwei nebeneinander liegende Sprungschanzen errichtet, die bis 1965 genutzt wurden. Von 1980 bis 2005 spurte die Stadt DA bei entsprechender Witterung eine Langlaufloipe am Bessunger Forsthaus und in der Heimstättensiedlung. Eine 1983 im Hochschulstadion errichtete Kunststoffloipe ist heute nicht mehr in Betrieb.

Das Fechten hatte in DA ebenfalls eine lange Tradition, die sich wie beim Schützenwesen aus einer ursprünglich militärischen Übung herleitete. Seit 1860 gab es in DA die „Hessische Offiziersfechtschule“. Daneben wurde in den Burschenschaften der Darmstädter Hochschule (seit 1877 TH), regelmäßig gefochten. Am 19.05.1890 gründeten sieben Darmstädter Bürger den „Darmstädter Fechtclub“ (DFC). Zehn Jahre später fand mit dem 21. Gauverbandsfest mittelrheinischer Fechtclubs (07.-09.07.1900) die erste größere Fechtveranstaltung in DA statt. Bester Fechter des DFC zu dieser Zeit war Brauereibesitzer Louis Hess (Hannibal). Der Verein, dessen Mitgliederzahl bis 1913 auf 106 anstieg, hielt seine Übungsstunden in der Turnhalle der Viktoriaschule, später in der des Ludwig-Georgs-Gymnasium ab. Auch bei der TSG Darmstadt 1846 gab es zeitweise eine Fechtabteilung. Seit 1890 gab es in DA einen Zweigverband der „Deutschen Reichsfechtschule“, eines Fechtverbands, der seine Tätigkeit auf die Hilfe für Waisenkinder ausrichtete. Die Tätigkeit dieses Verbands ging später auf den Hessischen Fechtverein Waisenschutz über, dessen Zweigverein DA 1896 gegründet wurde und der neben Fechtveranstaltungen regelmäßig Wohltätigkeitsfeste veranstaltete. 1895 hielt mit der Gründung des Athletensportvereins auch der Ringer- und Kraftsport in DA Einzug. 15 Jahre später folgte der Kraftsportverein DA. Sportarten waren Ringen, Gewichtheben und Tauziehen, daneben wurden auch die leichtathletischen Disziplinen Kugelstoßen und Hammerwurf betrieben. 1931 gründeten Athletiksportverein 1895, Kraftsportverein 1910 sowie „Rot-Weiß“ und Polizeisportverein die Interessengemeinschaft Kraftsport zur Durchführung des Verbandsfestes des deutschen Athletiksportverbands in DA (1932). 1933 wurde der Verband bereits wieder aufgelöst, die Mitgliedsvereine in den Reichsbund für Leibesübungen überführt. Nach 1945 wurde nur der Kraftsportverein 1910 wieder gegründet. Hinzu kam 1959 der Athletik-Club Siegfried.

Der Rollschuhsport wurde nicht durch eine Vereinsgründung, sondern durch Großherzogin Alice aus ihrem Heimatland England nach DA gebracht. Auf ihren Wunsch ließ Großherzog Ludwig IV. einen „Skating Ring“ anlegen, der im August 1887 in Betrieb genommen wurde, das spätere Orpheum. Nach dem Tod von Alice schlief die Begeisterung für den Rollschuhsport in DA zunächst wieder ein. Erst 1936 gründeten eislaufbegeisterte Mitglieder der TSG 1846 eine Abteilung für Eis- und Rollsport. Am 18.06.1937 fanden in der Festhalle die deutschen Rollkunstlauf-Meisterschaften und ein Rollhockey-Länderkampf zwischen Deutschland und Belgien statt. Neben der Rollschuhbahn der TSG 1846 und der Halle des RSC am Orpheum befindet sich seit 1977 auch das Landesleistungszentrum des Hessischen Rollsport- und Inline-Verbands (HRIV) in DA (Kranichsteiner Straße).

Stadtarchiv Darmstadt
Gaumeisterschaften im Rollhockey auf der Rollschuhbahn der TSG 1846 am Großen Woog, 1937, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Auch der Fußball verdankt seine Einführung in Darmstadt der dynastischen Verbindungen nach England. Ein englischer Offizier betrieb seit 1876 in der Heinrichstraße eine Militärvorbereitungsschule und spielte samstags mit seinen Zöglingen, von der Darmstädter Jugend bewundert, von den Eltern verboten, Fußball auf dem Exerzierplatz. 1897 gründeten Darmstädter Studenten den ersten Fußballverein, den „Darmstädter Fußballclub“ (aufgelöst 1906). Nur ein Jahr später folgte der von Darmstädter Gymnasiasten gegründete Fußballklub Olympia. In den kommenden Jahren entstanden weitere Fußballvereine, u. a. Viktoria (1900), Kickers (1901), Germania (1903) und SC Hassia (1908). 1905 schlossen sich Viktoria und Germania zum Darmstädter Sportclub 1905 (DSC) zusammen. Als Spielplätze wurden zunächst einfache Grünflächen genutzt. Später hat man auf dem Exerzierplatz Spielfelder abgesteckt. Der DSC hatte ein Gelände an der Windmühle, später neben dem Alten Friedhof. Der FK Olympia spielte ab 1908 auf der Radrennbahn. Die Fußballabteilung der TSG 1846 bestritt ihre Spiele auf dem 1919 eingeweihten Sportgelände an der Teichhausstraße (heute Altbau des Finanzamts). Ebenfalls 1919 schlossen sich der FK Olympia und DSC 1905 zum SV Darmstadt 1898 zusammen. Mehrere Fußballvereine gründeten auch Abteilungen für Leichtathletik, die zunächst als Ausgleichssport zum Fußball betrieben wurde. Am 19.09.1909 fand das erste Leichtathletik-Sportfest in DA statt. Ab 1911 gab es auf der Radrennbahn an der Heidelberger Straße jährlich leichtathletische Wettkämpfe. Der erste Verein mit dem Schwergewicht auf der Leichtathletik wurde 1921 mit dem ASC Darmstadt gegründet. Der SV Darmstadt 98 führte durch die Gründung einer Handballabteilung 1920 den noch relativ jungen Feldhandballsport in DA ein, der mit 11 Spielern auf einem Fußballfeld gespielt wurde. 1925 gewannen die Handballer die erste süddeutsche Meisterschaft, 1931 wurden sie deutscher Vizemeister. Die zweite Darmstädter Handballmannschaft etablierte der 1924 gegründete Polizeisportverein. Sie wurde 1934 deutscher Meister im Feldhandball. Drei Spieler dieses Vereins gewannen mit der Handball-Nationalmannschaft die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1936. Zwei Länderspiele fanden 1930 (5:6 gegen Österreich) und 1934 (14:3 gegen Ungarn) in DA statt. Seit 1930 machte der Hallenhandball dem Feldhandball Konkurrenz und verdrängte ihn nach 1945 immer mehr. Das letzte Feldhandballspiel in DA fand 1973 statt.

Gauleiter Jakob Sprenger (2.v. l.) lässt sich das Modell des Darmstädter Sportfelds erklären, rechts mit Parteiabzeichen Ministerialrat Otto Löwer, Chef der Ortsgruppe Darmstadt des Deutschen Reichsbundes für Leibeserziehungen, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

1898 hielt mit der Gründung des „Ersten Darmstädter Schwimmvereins“ auch der Schwimmsport in DA Einzug. Vereinszweck waren die Förderung der Gesundheit, die Pflege des Schwimmsports und die Ausbildung von Rettungsschwimmern. Die Schwimmübungen erfolgten im Großen Woog, der seit 1828 als öffentlicher Badesee genutzt wurde. Mit der Eröffnung des Zentralbades ging die 1909 erfolgte Gründung der Schwimmabteilung der TSG Darmstadt 1846 einher. Drei Jahre später wurde der Schwimmclub Jung-Deutschland, der heutige DSW 1912, gegründet. Weitere Schwimmabteilungen und -vereine gründeten sich in den 1920er Jahren. Sie fielen alle der nationalsozialistischen Gleichschaltung nach 1933 zum Opfer. Mit der Etablierung des Schwimmsports wuchs der Wunsch nach einer wettkampfgerechten Schwimmbahn. 1919 wurde entlang der Westseite des Woogs eine 100-Meter-Bahn angelegt, auf der 1920 die deutschen Meisterschaften im Schwimmen ausgetragen wurden, wobei mehrere deutsche und sogar Weltrekorde aufgestellt wurden. 1930 fanden hier die Studentenweltmeisterschaften statt. Bereits 1926 hatte man eine Sprunganlage mit 10-Meter-Turm angelegt, die 1937 ausgebaut wurde. Der Länderkampf Deutschland-Ungarn 1942 war für viele Jahre die letzte Wettkampfveranstaltung im Großen Woog.

Die Tour de France durchquert Darmstadt, 28.06.1980, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Sport in Darmstadt nach 1945

Durch Krieg und Zerstörung kamen alle sportlichen Aktivitäten in DA zum Erliegen. Nach der Besetzung DAs im März 1945 verbot die Militärregierung zunächst alle Sportvereine. Die meisten Hallen wurden, soweit sie nicht zerstört waren, beschlagnahmt bzw. für andere Zwecke genutzt. Nur der SV 98 wurde zunächst im September 1945 wieder zugelassen. Seit 1947 fanden auf der Radrennbahn wieder Radrennen statt. Mit Hilfe der amerikanischen Soldaten wurde 1947 der Basketball-Club Darmstadt (BCD) gegründet und brachte damit eine neue Sportart in die Stadt. Später kamen als weitere amerikanische Sportarten Baseball und zuletzt American Football hinzu. Im November 1949 wurde das Amt für Leibesübungen, nunmehr unter dem Namen „Sportamt“, wieder eingerichtet und erfüllte zunächst als Ein-Mann-Amt eine außerordentlich wichtige Funktion: Im stark zerstörten DA war vorrangig Wiederaufbauarbeit zu leisten, auch im Sport. Dieser Aufbauarbeit folgte eine gezielte Sportförderung, die gleichermaßen die vorausschauende Planung von Sportstätten wie auch eine bedarfsgerechte finanzielle Förderung der Sportvereine einschloss und in Sportförderrichtlinien ständig fortgeschrieben wird. Mit dem Neubau, dem Wiederaufbau und den Erweiterungen von städtischen Anlagen und Vereinssportanlagen erweiterte sich das Aufgabengebiet im Sportamt um den Bereich des Sportstättenmanagements. 1976 wurden als weiteres Aufgabengebiet die städtischen Bäder und ihre Verwaltung zugeordnet. Heute wird die städtische Bäderlandschaft als kommunaler „Eigenbetrieb“ geführt. Eine weitere Aufgabe wurde dem Sportamt 1988 mit der Schaffung einer Beratungsstelle für den Sport (d. h. für alle interessierten Einwohner, für die Sportvereine und für sonstige Institutionen) zugewiesen (Sportberatung).

Die Darmstädter Sportlandschaft

Die Darmstädter Sportlandschaft wird heute in erster Linie durch etwa 100 verschiedene Sportvereine geprägt. Parallel dazu findet Schulsport statt, bieten einige kommerzielle Anbieter mit Organisationen wie Tanzschulen, Fitness-Studios oder Kampfsportgelegenheiten Alternativen zu den Angeboten der Sportvereine. Eine spezielle Rolle spielt der Hochschulsport an den beiden Hochschulen und an der TU Darmstadt, der spezielle Angebote für die Studierenden und Beschäftigten vorhält. Nicht zuletzt bietet DA auch durch die „Jedermann-Sportanlagen“ im Bürgerpark Nord sowie in erster Linie durch die waldreiche Umgebung den Joggern, Walkern, Wanderern, Radfahrern und Reitern Gelegenheit des selbst organisierten Sporttreibens. Geprägt wird die Darmstädter Sportlandschaft auch durch regelmäßig wiederkehrende traditionelle Sportveranstaltungen, zum Teil im überregionalen und internationalen Rahmen, und durch den Wettkampf und Spielbetrieb der Sportvereine. Die Liga- und Pokalspiele des SV Darmstadt 1898 finden, vor bis zu 17.000 Zuschauern statt. Bei Laufinsidern und Fachleuten der Sportorganisation bekannt ist DA für seine Lauftreffszene, an der Spitze der Darmstädter Lauftreff. Bereits seit 1978 veranstaltet der ASC Darmstadt als einer der ersten Initiatoren in Deutschland jedes Jahr Mitte Juni den Darmstädter Stadtlauf, eine beliebte Innenstadtveranstaltung. Waren zunächst nur Läufer aus Deutschland oder dem benachbarten Ausland am Start, hat sich der Lauf mittlerweile zu einem Wettkampf mit internationalem Starterfeld etabliert, der Profis wie Amateure anzieht. Ein besonderes Stück Gleichberechtigung bietet der ebenfalls vom ASC ausgeschriebene Frauenlauf am Muttertag im Herrngarten. Weitere Stadt(teil)läufe gibt es in Bessungen und Wixhausen. Mehrere große Triathlonveranstaltungen pro Jahr (Heinerman, Datterich Ultra, Mühlchentriathlon), eine intensive Vereinsarbeit, u. a. mit Bundesligamannschaften des DSW 1912, und die persönlichen Erfolge Darmstädter Triathleten wie Nicole und Lothar Leder, Susan Blatt und Horst Reichel, haben die Sportart Triathlon zu einem Schwerpunkt des Darmstädter Sportgeschehens gemacht. Zu den traditionellen Veranstaltungen gehören auch das Internationale Schwimmfest des DSW 1912, das Internationale Damentennisturnier und das Sport- und Spielfest im Herrngarten. Der Initiative von engagierten Personen in den Vereinen, in der Politik und in der Verwaltung hat DA es zu verdanken, dass regelmäßig auch internationale Sporthöhepunkte wie Länderspiele, Europa- und Weltmeisterschaften in den Darmstädter Sportstätten in unterschiedlichen Sportarten durchgeführt werden können.

Zur vielseitigen Sportlandschaft, zur „Sportstadt mit Herz“ wird DA aber erst durch ein seit vielen Jahren aufgebautes „Sportnetzwerk“, in dem das Sportwissenschaftliche Institut der TU Darmstadt mit dem Sport-Forum, der Universitäts- und Hochschulsport, der Sportkreis Darmstadt-Dieburg als lokale Dachorganisation der Sportvereine, die Darmstädter Sportstiftung, die Sportverwaltung mit dem Sportamt und der Sportberatung, der Ortsverein der Deutschen Olympischen Gesellschaft und Partner aus der Industrie und aus Darmstädter Unternehmen zusammenwirken. Gerade Partnerschaft und Patenschaft von Unternehmen in DA garantieren, dass neben der unbezahlbaren ehrenamtlichen Arbeit in den Vereinen und den unterstützenden öffentlichen Mitteln eine inzwischen notwendig gewordene dritte Säule die Rahmenbedingungen für den unverzichtbaren Erhalt und die Entwicklung des Sports schafft. Nicht mehr nur als „wichtigste Nebensache der Welt“ ist der Sport zu bezeichnen, sondern er hat für viele Menschen in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und wird inzwischen als wichtige Grundlage für das allgemeine Wohlbefinden und als Anreicherung von Lebensqualität verstanden, vielfach übernimmt der Sport in DA Aspekte kommunaler Daseinsfürsorge. Die Darmstädter Sportstiftung hilft in Not geratenen Sportlern und Vereinen und fördert soziale Projekte in der Sportlandschaft. Dem Stellenwert des Sports wird in der Darmstädter Lokalpolitik seit Jahrzehnten ein hoher Rang eingeräumt. Förderung des Sports, Bau und Unterhalt der Infrastruktur und seit 1988 auch individuelle und Organisationsberatung laufen im städtischen Sportamt zusammen. Mit einer „Sportentwicklungsstudie“ wurden 2007 Zukunftsperspektiven für den Darmstädter Sport beschrieben.

Bootshaus der TSG Darmstadt 1846 am Altrhein, 1937, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Sportstätten und Vereine

Betrachtet man die Sportlandschaft unter geografischen Gesichtspunkten, so ergibt sich in der Nord-Süd-Streckung der Stadtgeografie vom nördlichen Stadtteil Wixhausen bis zum südlichen Stadtteil Eberstadt eine flächendeckende Verteilung der ca. 100 Sportvereine. In Wixhausen sind die TSG Wixhausen 1882 sowie der Römer Tennisclub Wixhausen angesiedelt. Neben dem größten Darmstädter Sportverein, der SG Arheilgen 1876 mit umfangreichen Sportanlagen (u. a. Großsporthalle und mehrere kleinere Sporthallen, Bahnengolfanlagen, Gesundheitsstudio, Kegelbahnen, Fußball- und Tennisplätze) sind in diesem Stadtteil auch der 1. FCA 04 Darmstadt, der Reit- und Fahrverein Arheilgen und der CVJM Arheilgen beheimatet. Unmittelbar angrenzend haben, in einem Naturschutzgebiet gelegen, ORPLID Darmstadt und die Privilegierte Schützengesellschaft (Schützenwesen) ihre Vereinsanlagen. Im Stadtteil Kranichstein sind der – ehemalige Postsportverein – SV Blau-Gelb Darmstadt, der Darmstädter Reiterverein und das Karate Dojo Kranichstein zu Hause. In dieses Einzugsgebiet mit hinein wirken auch das Tanzsportzentrum Blau-Gold Casino, das eigene Sportstätten im Bürgerpark und in der Waldkolonie besitzt, genauso die DJK/SSG Darmstadt und die TG Darmstadt 1875. Der ASC Darmstadt, ein Leichtathletikverein, ist hauptsächlicher Nutzer des Leichtathletikleistungszentrums im Bürgerpark. Dort hat auch der DSW 1912 in unmittelbarer Nachbarschaft zum Nordbad sein vereinseigenes Schwimmzentrum (Freibäder) und der ESC Darmstadt spielt Eishockey in der ansonsten öffentlich genutzten Eissporthalle. In diesem Stadtbezirk ist auch noch das Orpheum im Alfred-Messel-Weg einzuordnen. Hier haben sich der Keglerverein Darmstadt, der Rollsportclub Darmstadt und der Basketballclub Darmstadt zusammengeschlossen, um gemeinsam Sportanlagen zu betreiben und zu nutzen. An der östlichen Peripherie DAs finden sich die Reitsportanlagen des Reitervereins an der TU Darmstadt, am Großen Woog hat ein weiterer großer traditioneller Sportverein, die Darmstädter TSG 1846, ihre Sportanlagen mit Tennisfeldern und -halle, Freianlagen, Sporthallen und Rollsportanlage. Im Innenstadtbereich und rund um den Herrngarten finden sich einige kleinere (Kampf-)Sportvereine: Karate-Centrum Shotokan (Saalbaustraße), Shindson-Hapkido (Liebigstraße), Karate Dojo Darmstadt (Kyritzschule). Im Westen DAs in der Waldkolonie lädt die Sportgemeinschaft Grün-Weiß Darmstadt zu ihren Angeboten ein. Im südwestlichen Stadtteil, in der Heimstättensiedlung, liegen die Sportanlagen von SKV Rot-Weiß Darmstadt, SG Eiche Darmstadt und dem Baseballclub Darmstadt Whippets. Außerdem ist in diesem Wohngebiet der 1. Tischtennisclub Darmstadt zuhause. Im Stadtteil Bessungen hält die TG Bessungen1865 ihre Angebote vor, liegt die Tennissportanlage des im Jahr 2000 aus der TG ausgegliederten Tennisclubs Bessungen sowie in unmittelbarer Nachbarschaft an der Heidelberger Straße die einzige Hessische Radrennbahn, hessisches Leistungszentrum, im Betrieb durch den Velocipedclub. National und auch international bekannt ist das Böllenfalltor, bekannt geworden durch den SV Darmstadt 1898, der hier die städtischen Anlagen nutzt und zu Hause ist. Angrenzend an das Stadiongelände haben in südlicher Ausrichtung der Tennis- und Eisclub Darmstadt seine Anlagen sowie die Polizeisportschützen (Schützenwesen) ihren Schießsportstand. Nach Norden schließen sich das denkmalgeschütze Hochschulstadion mit Nebenplätzen und Freibad sowie das Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins, Sektion Darmstadt-Starkenburg und ein kommerziell betriebener „Kletterwald“ an. Im größten Darmstädter Stadtteil Eberstadt haben zum einen drei annähernd gleich große Mehrspartenvereine, der TV Eberstadt 1876 (Am Eberstädter Marktplatz), die TG 07 Eberstadt (Schlossstraße) und die Sportvereinigung Eberstadt (Brandenburger Straße) ihre vereinseigenen Sportanlagen. Hinzu kommen die monostrukturierten Sportanlagen des Schützenvereins Frankenstein und des Fußballvereins VfR Eberstadt. Außerdem bietet hier in der Frankensteinschule seit über 25 Jahren der Verein Silat Weißer Kranich indonesisches Kung-Fu an. Zur Darmstädter Vereinslandschaft gehören auch noch einige Dependancen. Zum einen sind es die Luftsportler, die in Egelsbach und Heppenheim die Flugplätze zum Sport-, Modell- und Segelfliegen nutzen (Flugsport, Segelflug), zum anderen sind es Bootssport treibende Vereine oder Abteilungen am Altrhein (Ruderclub Neptun, Kanuclub Darmstadt, TSG 1846 und DSW 1912), die hier auch eigene Bootshäuser errichtet haben. Am weitesten entfernt ist schließlich die Darmstädter Hütte im Schwarzwald, die vom Alpenverein bewirtschaftet wird. Ohne eigene Sportanlagen betreiben im Jahr 2015 weitere rund 50 beim Landessportbund Hessen gemeldete Vereine ihren Sport und halten ihre Angebote für die Bevölkerung vor.

Lit.: Weis, Dennis: Die Sportgeschichte von Darmstadt. Versuch eines sporthistorischen Reiseführers, Diplomarbeit, Köln 2005, S. 45-120; Engels, Peter: Kleine Darmstädter Festgeschichte. Vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert, Darmstadt 2000; Franz, E. G.: Frisch, fromm, fröhlich, frei … Festrede zum 150. Jubiläum der Darmstädter Turn- und Sportgemeinde 1846. In: TSG 1846 Nachrichten, Heft 12, 1996, S. 3f., 13f.; Sportangebote der Vereine in Darmstadt, hrsg. von Christian Kirk in Zusammenarbeit mit dem Magistrat der Wissenschaftsstadt Darmstadt, Darmstadt 2003.