Stadtlexikon Darmstadt

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Realschule
Portal des 1879 eröffneten Alten Realgymnasiums am Kapellplatz, Aufnahme 1940, Foto: Ernst Luckow, Stadtarchiv Darmstadt

Das höhere Darmstädter Schulwesen hat seine Wurzeln in zwei Einrichtungen, die ihre heutige Ausrichtung im Wesentlichen zu Beginn des 19. Jahrhunderts erhielten: das Pädagog, aus dem das heutige Ludwig-Georgs-Gymnasium entstand, und die Realschule, aus deren Institution im Verlauf einer komplexen Entwicklung drei heutige Gymnasien und die TU Darmstadt hervorgingen. Aufgrund der zunehmenden Schülerzahl des Pädagogs wies dessen Rektor Johann Georg Zimmermann bereits 1816 auf die Notwendigkeit hin, eine Realanstalt zu errichten, in der diejenigen Schüler lernen sollten, die nicht für ein Studium bestimmt waren. Deshalb sollte in der Realschule der Schwerpunkt auf den „Realien“ liegen, den Fächern, die zu einer bürgerlichen, d. h. kaufmännischen oder ökonomischen Berufsausbildung oder zu einer Tätigkeit im öffentlichen Dienst führen sollten: Mathematik, Naturkunde, Geografie, Schön- und Briefschreiben sowie Physik. Im Januar 1822 nahm die Großherzogliche Realschule mit 40 Schülern den Unterricht auf. 1826 wurde die Schule, teils aus finanziellen, teils aus pädagogischen Gesichtspunkten, neu organisiert und in eine Realschule als Bürgerschule und in eine technische Nebenschule oder Handwerkerschule unterteilt. Die neue Realschule begann mit 103 Schülern in zwei Klassen. 1835 waren es bereits vier Klassen. Von ihrer Konzeption her war die Realschule als mittlere Schule zwischen Gymnasium und Stadtschulen angesiedelt. Der seit 1834 amtierende Direktor Theodor Schacht setzte sich jedoch bereits vehement für einen zweiten Bildungsweg ein, der dem gymnasialen gleichgestellt sein sollte, und geriet dadurch in einen langjährigen Streit mit Pädagogrektor Julius Friedrich Karl Dilthey. Schachts Einsatz für den Ausbau der Schule folgte eine Zunahme der Schülerzahl und schließlich die Aufwertung der Abteilung „Technische Schule“ zur „Höheren Gewerbeschule“ mit mathematisch-naturwissenschaftlicher Schule im Jahr 1836. 1844 konnte nach 20-jährigem Provisorium an der Kirchstraße ein neues Schulhaus am Kapellplatz eingeweiht werden. 1863 wurde die Realschule von der höheren Gewerbeschule getrennt, die sich zur „Technischen Hochschule“ (TU Darmstadt) weiterentwickelte.

Die Schülerzahl der Realschule stieg weiter an und nahm zwischen 1868 und 1873 fast um die Hälfte zu. 1873 entschied man sich deshalb, die Schule in eine Realschule I. und II. Ordnung zu gliedern, wobei die Schule I. Ordnung Latein unterrichtete und ihr die Maturitätsprüfung übertragen wurde, die erstmals 1875 durchgeführt wurde. Darauf hin erhielt die Realschule I. Ordnung 1893 den Namen „Realgymnasium“, die Realschule II. Ordnung blieb unter der alten Bezeichnung bestehen. Das Realgymnasium erhielt 1879 einen Neubau am Kapellplatz und entwickelte sich fortan eigenständig. 1898 wurde ein Pädagogisches Seminar zur Lehrerausbildung angegliedert, 1905 wurden erstmals Mädchen aufgenommen. Nach der Umbenennung in „Horst-Wessel-Schule“ 1937, Kriegszerstörung 1944 und langjähriger Unterbringung in der Justus-Liebig-Schule bezog das nunmehr „Alte Realgymnasium“ 1960 einen Neubau unter Umbenennung in Georg-Büchner-Schule. Die im Altbau am Kapellplatz verbliebene Realschule wurde 1898 zur Oberrealschule erhoben, die jetzt ebenfalls Abiturprüfungen abnehmen konnte. Die steigende Schülerzahl führte 1911 zu einer erneuten Teilung. Ein Teil der Lehrer und Schüler bezog die neue Liebigs-Oberrealschule (Justus-Liebig-Schule), die alte Schule erhielt den Namen Ludwigs-Oberrealschule und lebt nach Kriegszerstörung und Neubau in der heutigen Lichtenbergschule fort. Als Vorläufer der heutigen Realschulen, die in der jetzigen Form erst mit der Schulreform Mitte der 1960er Jahre begründet wurden, sind die alten Mittelschulen anzusehen (Schulwesen).

Lit.: Fleck, Peter: „Darmstädter Realismus“ im Vormärz. Realschulwesen, Berufsbildungsfrage und höhere technische Bildung im Großherzogtum Hessen, Darmstadt und Marburg 1999 (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte, Bd. 119).