Stadtlexikon Darmstadt

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Herrngarten
Herrngarten-Café kurz nach der Eröffnung 1927, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Mitten in der Stadt, wenige hundert Meter vom Residenzschloss entfernt, liegt DAs größter und ältester Park. Seine Geschichte lässt sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen: Entstanden aus drei großen und mehreren kleinen Gärten, bildete den Kern des Herrngartens der „herrschaftliche Hof- und Küchengarten“. 1567 legte Landgraf Georg I. neben dem an das Schloss angrenzenden Nutzgarten, dem so genannten „Birngarten“, einen Lustgarten außerhalb der Befestigungsanlage nordöstlich des Schlosses an, wo 1572 ein „Lusthaus“ entstand (1696 entfernt). Einen Aufschwung erlebte der Garten 1648, als die Hofhaltung größer und anspruchsvoller wurde und damit einen Ausbau des Nutzgartens erforderlich machte. Während der Regentschaft von Landgräfin Elisabeth Dorothea (1678-1688) hatte der Garten eine beträchtliche Ausdehnung erreicht. Sie ließ eine Mauer um den Garten errichten, die noch heute teilweise vorhanden ist. Der Park wurde nach französischem Vorbild als barocker Lustgarten eingerichtet. Die nördliche Hälfte blieb jedoch als Nutzgarten bestehen.

1766 hatte Landgräfin Karoline damit begonnen, den Garten nach englischem Vorbild umzugestalten. So ließ sie u. a. eine Eremitage errichten, in die sie sich zurückzog und das Gefühl der Einsamkeit genoss. An ihrem Lieblingsplatz in jenem „Boskett englischer Art“ hatte sich die Große Landgräfin schon zu Lebzeiten ihre Grabstätte gewählt. Friedrich II. von Preußen stiftete ihr nach ihrem Tod eine Urne aus weißem Marmor, die noch heute auf ihrem schlichten, von Efeu bewachsenen Grabhügel steht. Die lateinische Inschrift lautet übersetzt: „Hier ruht Henriette Christine Caroline Louise Hessens Fürstin, dem Geschlecht nach ein Weib – an Geisteskraft ein Mann (…) Möge ihr die Erde leicht sein.“

Nach dem Ankauf weiterer Gärten und der Verlegung der „Landstraße nach Frankfurt“ nach Westen, die bislang durch den Park verlief, war Anfang des 19. Jahrhunderts ein großzügiger Landschaftsgarten mit malerischen Baumgruppen, einem Teich, offenen Wiesen und kunstvoll gewundenen Wegen entstanden, der bis heute das Erscheinungsbild des Herrngartens prägt. Durch die Errichtung verschiedener Gebäude rückte der Park jedoch immer weiter vom Schloss weg in Richtung Norden, sodass er schließlich ganz von der Schlossanlage abgeschnitten war: Den ersten Keil schlug Landgraf Ludwig IX., der 1771 am Südrand des Herrngartens ein riesiges Exerzierhaus erbaute, das größte der damals bekannten Welt. An seiner Stelle steht heute das Hessische Landesmuseum (1906), flankiert vom alten Hoftheater (1819), dem heutigen Haus der Geschichte. Die seit 1895 errichteten Gebäude für die TH Darmstadt entfernten den Park noch weiter vom Schloss und verkleinerten die Gartenfläche. Für die Bevölkerung wurde der Herrngarten 1802 geöffnet, allerdings nur tagsüber und dann bewacht von einem patrouillierenden Herrngarten-Schutzmann. Versteckt unter Bäumen steht in der Nähe des Eingangs am Karolinenplatz der Gedenkstein für Prinzessin Elisabeth (1895-1903), den Darmstädter Kinder am 25.10.1906 stifteten. Ludwig Habich schuf das Medaillonbild des kleinen Prinzesschens und das Relief des von sieben Zwergen bewachten Schneewittchens im gläsernen Sarg.

Herrngartenteich um 1936, Foto: Ernst Luckow, Stadtarchiv Darmstadt

Nach Gründung des Volksstaats Hessen ging der Herrngarten in den Besitz des Landes Hessen über. 1925 übernahm die Stadt den Park und zahlte dafür einen symbolischen Pachtzins von einer Mark pro Jahr. Seit 2000 gehört der Herrngarten offiziell der Stadt. In den 1920er Jahren wurde unter Leitung von Stadtbaumeister August Buxbaum das Rondell mit Springbrunnen am südlichen Ausgang angelegt und im Süden und Norden entstand je ein Kinderspielplatz. Davon zeugen heute noch die Trinkbrünnchen. Außerdem ließ er das ehemalige Gärtnerhaus zum Café umbauen, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Aus dem einst fürstlichen Schlossgarten ist ein Volkspark geworden. Hier treffen sich die Darmstädter zu Serenadenkonzerten am Musikpavillon der 1950er Jahre, hier wird gefeiert, gespielt, flaniert, und seit 2001 kann auch wieder im Herrngartencafé diniert werden.

Lit.: Denkmäler in Darmstadt: Der Herrngarten, Faltblatt, hrsg. Kulturamt – Denkmalschutz – Darmstadt 2002.