Stadtlexikon Darmstadt

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Literaturszene
Theaterzettel zur Aufführung des „Dr. Faustus“ durch die Freie Literarisch-Künstlerische Gesellschaft, 09.10.1912, Stadtarchiv Darmstadt

Neben der im Vordergrund stehenden institutionellen Präsentation von Literatur in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Georg-Büchner-Preis, dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay, dem Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung, und der Förderung neuer Literatur durch den angegliederten Literaturfonds mit dem Kranichsteiner Literaturpreis und einer Lesereihe zusammen mit dem Staatstheater, neben dem Literarischen März mit dem Leonce-und-Lena-Preis, den Veranstaltungsreihen des Literaturhauses, dem Ricarda-Huch-Preis, dem P.E.N. und der von ihm verliehenen Hermann-Kesten-Medaille, dem Buch des Monats und den Lesungen der Literaturinitiative existiert in DA eine lebhafte literarische Szene. Am erfolgreichsten und darin alle anderen übertreffend ist die mehrere hundert Zuhörer und Zuhörerinnen anziehende, mehrmals jährlich stattfindende Dichterschlacht, bei der Oliver Gaußmann, Alex Dreppec (Träger des Wilhelm-Busch-Preises 2004) und Rainer Wenzel in der bundesweit größten Veranstaltung Slam Poetry vorstellen und auch literarisch Gekonntes unters Volk bringen. Kurt Drawert, der in DA lebende Lyriker, Erzähler, Essayist und Bühnenautor, veranstaltet eine Textwerkstatt, in der er mit Schreibenden an deren Texten arbeitet. Dazu hat er im Auftrag der Stadt ein „Zentrum junge Literatur“ begründet, das neben der Textwerkstatt auf einer im Literaturhaus regelmäßig stattfindenden Lesebühne Autoren und Autorinnen vorstellt. In den so genannten Drei-Mark-Lesungen gibt eine offene Bühne jungen Menschen die Möglichkeit, ihre Texte vorzutragen.

Vier Anthologien haben in Abständen von Jahren versucht, die Schreibenden aufzuspüren und vorzustellen: Lob der Provinz. Ein Darmstädter Lesebuch, hrsg. von Heinz Winfried Sabais und Renate Axt, DA 1967; Aufschlüsse, Begegnungen Darmstädter Autoren, hrsg. von Fritz Deppert und Wolfgang Weyrauch, Modautal-Neunkirchen, 1978; Kopflauf, Darmstädter Anthologie, hrsg. von Fritz Deppert, Klaus F. Schmidt-Mâcon und Rainer Witt (1943-2014), Frankfurt/Main 1990; Poesiebrücke, Lyrik aus Darmstadt und Płock, hrsg. von Malgorata Ploszewska und Fritz Deppert, DA-Płock 2001. Anhand dieser Anthologien kann man nachlesen, welche Fülle von Autoren und Autorinnen in DA geboren wurden, hier gelebt oder die Stadt verlassen haben oder noch hier leben und wirken.

Günter Grass bei einer Lesung aus seinem Roman „Hundejahre“ in der Buchhandlung Schroth (zur Megede), 1963/64, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Man kann für diesen Artikel nur Namen herausgreifen und die Übersehenen um Nachsicht bitten. Autoren wie Max Herchenröder, Carl Mumm und Hanns Ulbricht wurden bereits im Zusammenhang mit den Animalisten erwähnt. Die auf der Rosenhöhe lebenden Literaten der Neuen Künstlerkolonie sind weitgehend im lexikalischen Teil aufgeführt. Dort fehlen nur die Autorinnen, die sich unterhalb der notwendigen Altersgrenze, die ein Lexikon setzen muss, befinden. Sie seien deshalb hier genannt: Gabriele Wohmann (1932-2015), die erfolgreiche Romanautorin, aber auch Lyrikerin, Theater- und Rundfunkautorin, die mit zahlreichen Ehrungen bedacht wurde. Erwähnt seien hier nur der Bremer Literaturpreis (1971), die Johann-Heinrich-Merck-Ehrung (1982), der Stadtschreiber-Literaturpreis in Mainz (1985), der Hessische Kulturpreis (1988), die Silberne Verdienstplakette der Stadt DA (2002). Die jüngste Bewohnerin der Rosenhöhe, Katja Behrens (*1942), ist ebenfalls eine erfolgreiche Prosa- und Hörspielautorin und Verfasserin erfolgreicher Jugendbücher; auch sie wurde mehrfach ausgezeichnet, z. B. mit dem Stadtschreiber-Preis in Mainz (1992). Kurt Drawert (*1956) wurde bereits genannt, nachgetragen seien an dieser Stelle die erfolgreichen Uraufführungen seiner Theaterstücke am Staatstheater in DA und die wichtigsten Auszeichnungen wie der Leonce-und-Lena-Preis (1989), der Lyrikpreis Meran (1991) sowie der Ingeborg-Bachmann-Peis (1993). Ein Verzeichnis eines über mehrere Jahre hinweg unter der Leitung des Lyrikers Fritz Deppert und des Literaturjournalisten W. Christian Schmitt stattfindenden Literaturstammtischs listete 1987 54 Autoren und Autorinnen auf und nannte im Anhang weitere sechs Namen aus DA stammender und nicht mehr hier lebender Autoren, unter ihnen den Lyriker Richard Exner (1929-2008), den Verleger Heinz Friedrich (1922-2004), den Germanisten Volker Klotz (*1930). Hier wären noch viele Namen zu entdecken oder wieder zu entdecken wie z. B. der in Hamburg lebende und verstorbene Lyriker Paul Appel (1896-1971). Die Namen könnten ein eigenes Darmstädter Literaturlexikon füllen. Besondere Verdienste erworben hat sich für die Ausgrabung vergessener oder die Vorstellung von Texten lesenswerter Darmstädter Autoren die Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde.

Zuletzt sei es riskiert, im Lexikonteil nicht auftauchende Namen zu nennen, geordnet nach Geburtsjahrgang, die als Autoren und Autorinnen langfristig in DA leben oder gelebt und über DA hinaus wirken oder gewirkt haben: der Herausgeber christlicher Anthologien und Verfasser von Lyrik Johannes Jourdan (*1923); der Jugend- und Kinderbuchforscher und Verfasser des Standardwerks über Fabeln Klaus Doderer (* 1925); der mehrfach ausgezeichnete Jugendbuchautor Arnulf Zitelmann (*1929); der Philosoph und Verfasser gesellschaftskritischer Bücher, auch in spanischer Sprache, Heleno Saña (*1930); der Lyriker und langjährige Präsident der Autorenvereinigung „Die Kogge“ Fritz Deppert (*1932); die Kinderbuchautorin und Jugendbuchpreisträgerin (1980) Ursula Fuchs (*1933); die Lyrikerin, Theaterautorin und Verfasserin erfolgreicher Kinder- und Jugendbücher und Trägerin des Münster Literaturpreises (1981) Renate Axt (1934-2016); die Romanautorin und auch durch die Verfilmung des Romans „Mit fünfzig küssen Männer anders“ (1999) bekannt gewordene Dorit Zinn (*1940).