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Hessisches Landesmuseum Darmstadt (HLMD)
Hessisches Landesmuseum Darmstadt, 2005, Foto: Wolfgang Fuhrmannek, Copyright Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Im Gegensatz zu den Landgrafen von Hessen-Kassel hatten die Vettern in Hessen-Darmstadt weder die finanziellen Mittel noch den Willen, umfangreiche Sammlungen in ihrer Residenz anzulegen. Erst nach der Mitte des 18. Jahrhunderts sind Ansätze greifbar, die über Schlossausstattungen und Porträtaufträge an die Darmstädter Hofmaler hinausgehen. Landgräfin Karoline legte ein Mineralienkabinett an, das 1774 als Erbe in den Besitz des Erbprinzen Ludwig (Ludewig I.) kam. Diesem war die Vorstellung der von Paris geprägten Spätaufklärung geläufig, dass museale Sammlungen in den vier Hauptbereichen des Wissens Antike, Technik, Natur und Kunst zur Belehrung der Bevölkerung dienen sollten. Bereits als Erbprinz begann Ludwig systematisch Objekte aus diesen Bereichen zu sammeln, mit dem Ziel, in seiner Residenz DA ein Museum aufzubauen. 1778 wurden die ersten Grafiken und Gemälde über die Kunsthandlung Artaria in Mannheim erworben, kurze Zeit später Modelle der antiken Bauten Roms in Kork bei Antonio Chichi bestellt. Seit 1793 waren Hofphysiker in DA in Stellung, um entsprechende Apparate für das Kabinett zu fertigen. Seit 1779 maßgeblich durch den Kabinettssekretär Ernst Christian Schleiermacher unterstützt und unter Einsatz erheblicher finanzieller Mittel wuchsen seit dem Regierungsantritt Ludwigs 1790 die Sammlungen schnell und wurden im Residenzschloss (Schloss) aufgestellt.

Mit dem Erbe der Sammlung Hüpsch 1805 erhielten die Sammlungen einen Zuwachs, der ihnen quantitativ und qualitativ überregionale Bedeutung sicherte. Der konsequente Erwerb ganzer Sammlungen (Reber 1809, Dalberg 1812, Graf Truchseß 1813) und bestimmter Einzelstücke, die Ankaufstätigkeit von Agenten sowie der Erwerb bedeutender Zeugnisse der Geschichte und Kunst des Landes ließen es notwendig werden, dem ersten Direktor, Ernst Christian Schleiermacher, weiteres Personal (Georg Balthasar Bekker, Ludwig Johann Schleiermacher, Franz Hubert Müller) an die Seite zu stellen. Die ursprüngliche Konzeption entwickelte sich durch die Politik des Erwerbs des Verfügbaren immer stärker zur Idee eines Universalmuseums, das von Zeitgenossen wie Johann Wolfgang von Goethe lobend beachtet wurde. 1820 übertrug Großherzog Ludewig I. seine Sammlungen dem Staat, damit diese „zur Unterhaltung und Belehrung des Publikums“ dienen; 1830 nahmen die Landstände die Schenkung an. Von der Unterstützung des regierenden Hauses getragen, lag nunmehr die finanzielle Verantwortung für das Museum in den Händen des Staates. Bis 1892 blieb die Gesamtdirektion in den Händen der Erben Schleiermachers, 1892 bis 1933 übernahm der Vorstand des Großherzoglichen Kabinetts, Gustav von Römheld, die Oberleitung. Die inhaltliche Leitung lag bereits seit 1835 bei den Vorständen der einzelnen Sammlungen. Konsequenterweise wurde 1934 dem Direktor der Kunst- und historischen Sammlungen, August Feigel, auch die Gesamtdirektion übertragen.

Mit der Übernahme des Museums in die Obhut des Staates 1830 verlangsamte sich das Wachstum der Sammlungen merklich. In den Folgejahren waren v. a. im Physikalischen Kabinett unter Ludwig Johann Schleiermacher und in den Naturhistorischen Sammlungen unter Johann Jakob Kaup (Leiter von 1830-73) Zuwächse zu verzeichnen. 1847 wurde von letzterer Sammlung die geologisch-mineralogische, seit 1893 auch paläontologische Abteilung getrennt. 1874 begann die Sammlung von Fossilien aus der Grube Messel (Messel-Sammlung). In den Kunst- und historischen Sammlungen wurden zwischen 1830 und 1879 über 80 Gemälde erworben, darunter Breughels „Elster auf dem Galgen“, zahlreiche Waffen, Zeichnungen, Zeugnisse der Antike, das Münzkabinett des Prinzen Alexander (1849) sowie als Geschenke Darmstädter Bürger Konvolute völkerkundlicher Gegenstände. In diesem Zeitraum wurden etwa 400.000 Mark für Erwerbungen aufgewandt. Da seit den 1870er Jahren die räumliche Enge der Aufstellung der Sammlungen im Schloss zunehmend kritisiert wurde, schrieb die Regierung 1891 einen Wettbewerb für einen Museumsneubau aus. Die vorgelegten Entwürfe fanden jedoch nicht die Zustimmung des 1892 zur Regierung gelangten Großherzogs Ernst Ludwig. Er beauftragte seinerseits den aus DA stammenden Architekten Alfred Messel mit dieser Aufgabe. Messel konzipierte ein modernes, funktionales Gebäude, das von den Bedürfnissen der Sammlung ausgehende Stilräume vorsah. Die Detailplanung geschah in enger Abstimmung mit dem Leiter der historischen Sammlungen Rudolf Adamy, dem Leiter der Kunstsammlungen Friedrich Back und dem Leiter der Zoologischen Sammlungen Gottlieb von Koch, dem die zukunftsweisenden Dioramen zu verdanken sind. 1897 bis 1902 entstand der Rohbau, am 27.11.1906 konnte das eingerichtete Museum der Öffentlichkeit übergeben werden.

Das Konzept war das eines Landesmuseums mit Betonung der Geschichte, der Volkskunst und der Malerei Hessens. Durch den Leiter der Graphischen Sammlung, Karl Freund (am HLMD 1910-33), wurde die künstlerische Avantgarde in das Museum eingeführt. 1919 im Volksstaat Hessen erhielt das Museum den Namen „Hessisches Landesmuseum“. Die ersten Jahre der Weimarer Republik waren durch den Versuch gekennzeichnet, die Besitzverhältnisse an einzelnen Kunstwerken zwischen dem Volksstaat und dem Haus Hessen zu ordnen. Extremer Geldmangel zwang das Museum, einzelne Bestände zu veräußern, so 1920 auf einer Auktion in Köln. 1933 wurde das Museum in die nationalsozialistische Kulturpolitik integriert. August Feigel konnte aufgrund seiner guten Beziehungen zur Großherzoglichen Familie Direktor bleiben, Karl Freund wurde jedoch als Jude entlassen und 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Die Bestände der verwaisten Graphischen Sammlung wurden durch den Kustos Heinz Merten (1896-1962, am HLMD 1929-45), der als Vertrauensmann der NSDAP das Museum weitgehend kontrollierte, zum Teil veräußert, um altdeutsche Kunst, v. a. Glasmalerei, zu erwerben. Ausstellungen und Veranstaltungen der NS-Verbände fanden im HLMD ebenso statt wie die Aktion „Entartete Kunst“ 1937, durch die zahlreiche Werke der Modernen Kunst dem Museum verloren gingen. 1940 begann August Feigel mit der Auslagerung der Bestände hauptsächlich in Schlösser auf dem Land. Der wichtigste Auslagerungsort war Schloss Rauhenzell bei Immenstadt im Allgäu. Von geringen Plünderungen und Zerstörungen abgesehen, konnten so die Bestände des HLMD den Krieg überstehen. Das Gebäude wurde in der Brandnacht 1944 zu einem großen Teil zerstört.

August Feigel blieb, da selbst unbelastet, bis 1950 Direktor, veranlasste die Rückführung der Bestände und leitete den Wiederaufbau in historischen Formen in die Wege. Die Wiedereröffnung des Museums erfolgte 1955 unter seinem Nachfolger Erich Wiese (1891-1979, Direktor 1950-59). Schon Wiese hatte der Modernen Kunst wieder einen wichtigen Stellenwert zugebilligt und den Sammler Karl Ströher (1890–1977) bei der Anlage seiner Sammlung moderner Kunst beraten, die als Leihgabe seit 1970 einen der Hauptanziehungspunkte des Museums bildete. Gerhard Bott (*1927, Direktor 1959-75) knüpfte an diesen Impuls an, indem er das Museum nach außen öffnete. Dazu gehörte die Einbeziehung neuer Medien wie Film, die Schaffung einer Museumspädagogik, der Aufbau einer Jugendstilsammlung (Sammlung Citroen), Ausstellungen moderner Künstler und ein einheitliches Erscheinungsbild im Innern. Trotz des großen Publikumserfolgs gelang es nicht, die Ströher-Sammlung in DA zu halten, da der Erweiterungsbau von Reinhold Kargel (fertig gestellt 1984) zur Aufnahme der Sammlung nicht vor dem Tod des Sammlers vollendet war, was die Auflage einer möglichen Stiftung war. Unter Botts Nachfolger, Wolfgang Beeh (1925-2013, Direktor 1975-90), wurde allerdings 1989 der wichtigste Teil der Sammlung, der Block Beuys, durch das Land für das Museum erworben. Die Kunst des Barocks war Schwerpunkt des Direktorats von Sybille Ebert-Schifferer (*1955, Direktorin 1990-97), die dringend notwendige Sanierung und Erweiterung des Museums konnte sie jedoch nicht durchsetzen. Ihrer Nachfolgerin Ina Busch (*1950, als Direktorin tätig 1998-2008) gelang es, die Landesregierung zur Festlegung eines Finanzrahmens und zur Ausschreibung eines Wettbewerbs für die Sanierung und einen Erweiterungsbau zu veranlassen. Den zweistufigen Wettbewerb gewann das Büro Kleffel, Köhnholdt, Papay, Warncke aus Hamburg 2004. Seit 1997 wurden gleichmäßig bedeutende Objekte für die naturgeschichtlichen und kunstgeschichtlichen Sammlungen erworben. Hierzu gehören die Messel-Sammlung Behnke und das Frühwerk Blinky Palermos. Mit der Schenkung der Sammlung moderner Skulpturen von Simon Spierer erhielt das HLMD 2004 den bedeutendsten Zuwachs der letzten 100 Jahre.

Das Hessische Landesmuseum wurde 2007 geschlossen und von Grund auf denkmalsgerecht saniert und renoviert. Seit 2013 war Theo Jülich (1956-2018) Direktor. Im September 2014 fand die Wiedereröffnung statt mit erweiterten Sammlungen, modernisierter Museumstechnik und neuen Serviceräumen. Seit Januar 2019 ist Martin Faass neuer Museumsdirektor.

Lit: Ebert-Schifferer, Sybille: Hessisches Landesmuseum Darmstadt (Museen Schlösser und Denkmäler in Deutschland, hrsg. Thomas W. Gaehtgens), Brüssel 1996; Jülich, Theo: Alfred Messel und sein Darmstädter Landesmuseum. Geschichte und Architektur, Regensburg 2014; Hessisches Landesmuseum Darmstadt. Museumsführer, Regensburg 2014; Haas, Mechthild (Red.): Ausstellungskatalog Zwischen Aufklärung und Romantik. Zeichnungen, Aquarelle und Ölstudien aus der Gründungszeit des Hessischen Landesmuseums Darmstadt, Heidelberg 2015.