Stadtlexikon Darmstadt

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Dachstube

Die Entstehungsgeschichte des Darmstädter Expressionismus lässt sich sehr genau zurückverfolgen, sein Beginn hat ein konkretes Datum: Am 06.08.1915 gründeten fünf Schüler des Ludwig-Georgs-Gymnasium die Vereinigung „Die Dachstube“. Neben Joseph (Pepy) Würth, gehörten F. C. Lehr, Ludwig Breitwieser, Karl Roller und Ernst Müller zu den Gründungsmitgliedern. Bald erweiterte sich der Kreis um Carlo Mierendorff, Theodor Haubach, Leonhard Schüler, um Freunde aus der Jugendbewegung und Gleichgesinnte aus anderen Darmstädter Schulen. Als Treffpunkt diente eine Dachstube im elterlichen Wohnhaus Pepy Würths in der Hoffmannstraße 19, die der jugendlichen Bewegung ihren Namen gab.

Von 1915 bis 1918 erschien „Die Dachstube“ als Flugblatt, zunächst hektografiert, ab Blatt 45 im Januar 1917 von Würth handgesetzt und auf einer alten Kopierpresse gedruckt. Im Laufe des Jahres 1917 konnte durch Spenden auf eine Boston-Presse umgestellt werden. Damit erhöhte sich das drucktechnische Niveau. Die neue technische Ausrüstung stellte größere Anforderungen an die Mitarbeiter, vor allem an die bildenden Künstler, die originale Druckgrafik – Holzschnitt, Lithografie und Radierung – beisteuerten. Die Dachstube wurde zum Zentrum für junge Kunst und Literatur in DA. Bei den regelmäßigen Treffen lasen sich die jungen Lyriker und Schriftsteller ihre Gedichte und Prosa vor, und die Grafik der Mitglieder wurde begutachtet. Man las die wichtigsten Zeitschriften der Zeit – „Der Sturm“ und „Die Aktion“ – und diskutierte heftig. Innerhalb DAs und der Region wurden Kontakte zu Gleichgesinnten geknüpft, und der Kreis vergrößerte sich zu einer Gruppe mit einer erstaunlichen Konzentration lyrischer und künstlerischer Begabungen.

Die ersten Druckwerke, selbstständige Publikationen, die Text und Bild verbanden, erschienen im „Verlag der Dachstube“. Würth gab seinen Drucken eine eigenständige Form, die auch außerhalb von DA auffiel. In der „Frankfurter Zeitung“ war 1917 zu lesen: „Eine kleine Zeitschrift, die verblüfft, mit einem Sinn für Qualität, ein Verbinden des Ausreifens am Leben mit dem Rein-idealistisch-wollen der Jüngeren, ein Gefühl der Kameradschaft, eine in sich harmonisierende kleine Republik.“ Neben den Büchern der Dachstube erschien die Schriftenreihe „Die kleine Republik“. Carlo Mierendorff, Theodor Haubach, Fritz Usinger, Kasimir Edschmid, Wilhelm Merck, Hans Schiebelhuth, Heinar Schilling, Max Krell, Anton Schnack, Ernst Müller, Hendrik Goverts und Wolfgang Petzet z. B. veröffentlichten hier ihre Texte, und die Künstler der Dachstube schmückten die kleinen Druckwerke mit ihrer Grafik. Ludwig Breitwieser und Pepy Würth gestalteten die ersten Bücher, später übernahmen Carl Gunschmann, Herman Keil, Hermann Georgi, Aloys Wach, Paul Thesing, Walter O. Grimm, Jakob Kahn, Werner Heuser, Viktor Joseph Kuron, Julius Wolfgang Schülein, Josef Eberz und Erna Pinner die Illustrationen. Viele Mitglieder der Dachstube hatten sich zu Kriegsbeginn freiwillig zum Dienst an der Waffe gemeldet, sie verstanden den Krieg als Reinigungsprozess für eine geistig abgewirtschaftete Welt. Sehr schnell, nach grausamen Fronterlebnissen, war die Kriegsbegeisterung vorbei, und sie wurden zu erklärten Pazifisten.

Im letzten Blatt der Dachstube, im November 1918, schrieb Carlo Mierendorff: „Die Zeit fordert heraus! ... Nun dürfen wir nicht mehr still sein und uns von den Ereignissen rädern lassen. ... Wir wollen und dürfen nicht mehr schweigen: Wir warten auf Euch, Freunde, auf Euer heißestes Herz, auf Eure reinste Gesinnung! Springt ein und formt Euren Mut, sucht Richtung, Wege und Ziele: Unhemmbarer Wille zur Zukunft reiße uns hoch, sei unsere gläubigste Losung. Freunde, greift ein!“ Mit seinen kämpferisch-aktivistischen Worten lieferte Mierendorff einen Vorgeschmack auf die von ihm 1919 bis 1921 herausgegebene Zeitschrift „Das Tribunal. Hessische radikale Blätter“, die den literarisch-künstlerischen Schwerpunkt verlagerte und eindeutig politisch agierte. Die Autoren und Künstler des Dachstube-Kreises fanden sich alle wieder als Würth seinen Verlag – Darmstädter Verlag – Handpresse Joseph Würth – ab 1926 bis zu seinem Tod 1948 weiterführte. Der spätexpressionistische Kreis um „Die Dachstube“ und „Das Tribunal“ fand mit seiner besonderen Gründungsgeschichte große Beachtung. Es ist das letzte Mal in der Geistesgeschichte DAs, dass ein geschlossener Kreis von hoher künstlerischer und literarischer Eigenständigkeit, Intensität und Qualität, solch eine überregionale Bedeutung und Nachwirkung erlangte.

Lit.: Die Dachstube, Das Tribunal, (Agora, Heft 7/8), Darmstadt 1956; Ludwig Breitwieser, Fritz Usinger, Hermann Klippel. Die Dachstube. Das Werden des Freundeskreises und seiner Zeitschrift, Darmstadt 1976 (Darmstädter Schriften 38).