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Selver, David
Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Rabbiner, Philosoph
* 24.02.1856 Chajowa (ca. 15 km südöstl. von Blaszki/ehem. „Kongreß-Polen“)
† 12.05.1926 Darmstadt
Über David Selvers (urspr.: Zelwer) Herkunft ist wenig bekannt. Er selbst berichtete, dass er teils privat und teils an einem Gymnasium erzogen worden sei, sich vornehmlich aber mit religiösen Themen beschäftigt habe. Er studierte ohne Reifezeugnis („kleiner Matrikel“) in München und Berlin Philosophie, Philologie und orientalische Sprachen, und seit Ostern 1878 jüdische Theologie an der Berliner Hochschule für die „Wissenschaft des Judenthums“ (HWJ). Nach der Promotion an der Universität Leipzig 1885, mit einer Arbeit über Gottfried Wilhelm Leibniz, ging er für einige Zeit nach Schweden, bevor er 1889 an der HWJ das Rabbinats-Examen ablegte.

Im Dezember 1889 begann David Selver in DA als Leiter der Religionsschule und wurde als Rabbinats-Kandidat Stellvertreter des Rabbiners Julius Landsberger. Bereits 1890 wurde er dessen Nachfolger, allerdings ohne offizielle Bestallung durch Großherzog Ernst Ludwig. Diese erfolgte erst im März 1897 und war verbunden mit der vom Innenministerium verfügten Aufteilung des Rabbinats DA in zwei Rabbinate für die Gemeinden der liberalen und der orthodoxen Richtung. Zum Rabbiner des liberalen „Rabbinats Darmstadt I“ wurde David Selver bestellt, für das orthodoxe „Rabbinat Darmstadt II“ Lehmann Marx (s.a. Juden in DA).

Bereits 1891 hatte Selver Amalie Neustein (27.08.1867 Nürnberg – 17.05.1948 Rugby/Warwickshire) geheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: der am 10.01.1893 geborene Paul Friedrich, gefallen im Ersten Weltkrieg, und die Tochter Elisabeth (1895-1991), später verheiratete Paul. Die junge Familie wohnte zunächst mit unterschiedlichen Darmstädter Adressen zur Miete, bevor sie ab 1908 eine Wohnung in dem von ihr erbauten und heute noch bestehenden Haus in der Landwehrstraße 12 bezog. Die Selvers waren als kulturell assimilierte Juden bestens in die Darmstädter Stadtgesellschaft integriert. Zu ihrem engeren Bekanntenkreis zählten die Familien Otto und Karl Wolfskehl, Sigmund Gundelfinger und Friedrich Gundolf sowie Wilhelm de Haan und Heinrich Blumenthal.

Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof in Darmstadt. Foto: Bernd Wältz

Aus orthodox-jüdischen Kreisen hatte es bereits 1893 Kritik an David Selvers Arbeit gegeben. Diese wurde lauter nach der Aufteilung des Rabbinats und dem danach sich verstärkenden Aufschwung der orthodoxen Gemeinde unter Lehmann Marx und dessen Sohn Moses, der als Rabbinats-Assessor bzw. stellvertretender Rabbiner fungierte. 1902/03 wandte sich auch der Vorstand der liberalen Gemeinde gegen Selver und sprach diesem die Kündigung aus. Das rief die großherzogliche Administration auf den Plan, die der Gemeinde das Recht absprach, Selver zu entlassen. Der daraus entstandene Konflikt („Kompetenzkonflikt“) führte dazu, dass Selver zeitweise nur unter Polizeischutz die Synagoge betreten konnte und die Gemeinde ihm die Gehaltszahlung verweigerte. Letztlich aber bekam David Selver, vertreten durch seinen Anwalt Friedrich (Fritz) Mainzer, Recht. Der „Großherzogliche Verwaltungs-Gerichtshof“ entschied, dass der Gemeinde weder ein Klagerecht noch die Befugnis zustand, dem Rabbiner zu kündigen. Selver blieb damit formal im Amt, wurde aber am 25.07.1906 vom Großherzog in den Ruhestand versetzt. Damit hatte die Gemeinde zwar ihr Ziel erreicht, doch musste sie Selver großzügig bemessene Ruhestandsbezüge gewähren, die nach seinem Tod auch seiner Witwe zugute kamen. Sein Nachfolger wurde Bruno Italiener.

David Selver starb 1926, seine Frau Amalie konnte, wie ihre Tochter, nach England emigrieren und lebte dort mit ihr zusammen. Für die ihrer Mutter nach der Auswanderung 1937 nicht mehr gezahlte Witwenpension hatte Elisabeth Paul nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfolgreich eine Wiedergutmachung erstritten. Elisabeth und Amalie Selver war es zudem gelungen, David Selvers Bibliothek 1937 dem Archiv des „Warburg Institutes“ in London zu überstellen, zu dessen Bestand sie bis heute gehört. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof.

Lit.: Hertha Luise Busemann: Der Schulleiter – Heinrich Selver, in: Hertha Luise Busemann / Michael Daxner / Werner Fölling: Insel der Geborgenheit. Die Private Waldschule Kaliski 1932 bis 1939, Stuttgart / Weimar 1992; David Selver, in: Michael Brocke / Julius Carlebach (Hrsg.): Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871-1945, Berlin 2009; Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, G 21 A, 1831/12: Lösung des Vertragsverhältnisses zwischen der israelitischen Religionsgemeinschaft zu Darmstadt einerseits und dem Rabbiner Dr. David Selver andererseits; Texte zur Geschichte der Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinde in Darmstadt auf: http://www.alemannia-judaica.de/darmstadt_rabbinat.htm