Stadtlexikon Darmstadt

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Meisterbauten
Kinderhort „Kinderwelt“ im Hohlen Weg, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

DA war nach Kriegsende ein Trümmerfeld. Nicht nur zahlreiche Häuser und Wohnungen waren den Bombenangriffen zum Opfer gefallen, sondern auch öffentliche Bauten wie Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser. Beim Wiederaufbau dieser dringend benötigten Gebäude beschritt DA einen außergewöhnlichen Weg. Anstatt so schnell wie möglich in Eigenregie zu bauen, wurden elf renommierte Meisterarchitekten gebeten, für elf Kommunalbauten vorbildhafte Entwürfe auszuarbeiten.

Der Karlsruher Architekt Otto Ernst Schweizer (1890-1956), bekannter Städtebauer, der sich mit großen Sportstadien in Nürnberg (1927) und Wien (1926) hervorgetan hatte, wurde aufgefordert, eine Volksschulneubau für Eberstadt zu entwerfen. 1958/59 wurde die Ludwig-Schwamb-Schule in veränderter Form nach Schweizers Plänen unter der Regie des städtischen Hochbauamts realisiert (Schulwesen).
Rudolf Schwarz (1897-1961), Kölner Architekt und Städteplaner, hatte sich besonders als Architekt des kath. Kirchenbaus einen Namen gemacht. In DA plante er für das Gelände zwischen Kapellplatz und Schulstraße eine Hallenschule, in der sowohl die Städtische Mädchenberufs- als auch die Frauenfachschule einziehen sollten. Das zerstörte Pädagog plante er wieder aufzubauen und in seinen Entwurf zu integrieren. Anstelle des Schwarz’schen Meisterbaus entstand bis 1955 auf den Grundmauern des zerstörten Alten Realgymnasiums die Alice-Eleonorenschule (Berufliches Schulwesen).
Der Wiener Architekt Franz Schuster (1892-1972) konnte auf umfangreiche Erfahrungen im Bau von Kindergärten verweisen. In Wien hatte er zusammen mit Pädagogen den ersten Montessori-Kindergarten eingerichtet. Für DA entwarf er die „Kinderwelt“ in der Kittlerstraße – ein kombiniertes Gebäude von Kinderkrippe, Kindergarten und Kinderhort. Der detailverliebte Entwurf wurde bis Oktober 1960 realisiert. Schuster war der einzige auswärtige Meisterarchitekt, der später nochmals für DA tätig wurde. Nach seinen Entwürfen wurde ab 1959 das Justus-Liebig-Haus gebaut.
Der Berliner Architekt Hans Scharoun (1893-1972) reichte den am meisten beachteten Entwurf ein. Der Architekt, der mit der Berliner Nationalbibliothek und der Philharmonie internationales Aufsehen erregt hatte, entwarf für DA eine Volksschule auf dem Gelände der heutigen Rudolf-Mueller-Anlage. Den intensiv durchdachten und in freien Formen umgesetzten Entwurf präsentierte Scharoun auf künstlerisch gestalteten Tafeln. Trotzdem gelang es ihm nicht, Unterstützung für seinen Meisterplan zu finden. Der Entwurf blieb in DA Makulatur, in Marl und Lünen konnte Scharoun ähnliche Entwürfe mit großem Erfolg umsetzen.
Der Düsseldorfer Architekt Hans Schwippert (1899-1973) reichte 1951 gleich zwei Entwürfe für ein Realgymnasium ein, die sich zumindest in ihrer geschlossenen Form ähnelten. 1958 bis 1960 konnte Schwippert einen völlig überarbeiteten Entwurf realisieren. Die weitläufige Architektur der Georg-Büchner-Schule zeigt die Kombination einer Flachbau-Pavillon-Anlage mit einem zweigeschossigen Riegelbau. Die Zusammenarbeit zwischen Schwippert und der Stadt DA gestaltete sich allerdings derart schwierig, dass die wiederholt vorgebrachte Hoffnung einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen freien Architekten und der Stadt DA als Bauherrin wiederholt in Frage gestellt wurde.
Der in DA tätige Ernst Neufert (1900-1986), weltweit als Verfasser der „Bauentwurfslehre“ bekannt, war von der Stadt aufgefordert worden, einen Meisterentwurf für ein Ledigenwohnheim auszuarbeiten. Als einziger Meisterarchitekt erhielt Neufert damit den Auftrag, sich mit dem dringendsten Problem der Nachkriegszeit, der Wohnungsnot, auseinander zu setzen. An städtebaulich exponierter Lage, am Zugang zur Mathildenhöhe, entstand 1954/55 das verklinkerte Ledigenwohnheim. 2000 bis 2002 wurde das Gebäude denkmalgerecht umgebaut und saniert.
Otto Bartning (1883-1959) war Hauptinitiator des Meisterbauprojekts. Der in DA lebende renommierte Kirchenarchitekt, der sich in den 1920er Jahren mit dem Sternkirchenmodell und in der Nachkriegszeit mit dem Notkirchenprogramm einen Namen gemacht hatte, übernahm die Planung der Frauenklinik (Klinikum DA). Schon 1926 hatte Bartning mit der Berliner Landhausklinik seine Kompetenz für diese Bauaufgabe bewiesen. Zwischen 1952 und 1954 wurde die Frauenklinik gebaut, 1955 brachte Bartning Teile seines Meisterentwurfs in den Bau des Frankfurter Markuskrankenhauses ein.
Der älteste Meisterarchitekt war der Stuttgarter Paul Bonatz (1877-1965), der 1951 bereits auf ein umfangreiches Lebenswerk zurückblicken konnte. Nicht nur der Stuttgarter Hauptbahnhof (1914-28) ist eng mit seinem Namen verbunden. 1947 baute Bonatz in Ankara (Türkei) die Staatsoper, Grund genug, ihm in DA den Entwurf einer Tonhalle zu übertragen. Bonatz entwarf auf dem Gelände des ausgebrannten Neuen Palais, dem Standort des heutigen Staatstheaters, eine Tonhalle in klassizistischen Formen, die kaum überzeugte. Zu wenig entsprach Bonatz’ Entwurf dem Anspruch, mit den Meisterentwürfen wegweisende zukunftsfähige Architektur zu zeigen.
Auch DAs amtierender Oberbaudirektor Peter Grund (1892-1966), der offiziell für das Meisterbauprojekt verantwortlich zeichnete, reihte sich in die Riege der Meisterarchitekten ein und entwarf ein Rathaus. Für die Südseite des Luisenplatzes, wo 1951 noch die Ruinen des Alten Palais standen, sah Grund einen bis zu zehn Stockwerke hohen Komplex auf y-förmigem Grundriss vor. Der Entwurf wurde lange diskutiert und erst in den 1970er Jahren mit Baubeginn des Luisencenters endgültig aufgegeben.
Neben dem Österreicher Franz Schuster war der Niederländer Willem Marinus Dudok (1893-1974) der einzige auswärtige Teilnehmer an dem wiederholt als international bezeichneten Meisterprojekt. Dudok konnte als Stadtarchitekt von Hilversum auf eine Reihe von Schulbauten verweisen, sodass er zu Recht als Fachmann auf diesem Gebiet galt. Er hatte die Aufgabe, eine Grundschule mit Kindergarten auf dem Gelände zwischen Eschollbrücker und Bessunger Straße zu entwerfen. Dudoks Entwurf wurde in Zusammenarbeit mit dem städtischen Hochbauamt 1953 bis 1956 realisiert, allerdings zeigt die fertige Wilhelm-Leuschner-Schule nur noch in Grundzügen Dudoks Handschrift.
Der Berliner Max Taut (1893-1967) übernahm als Meisterarchitekt die Planung für das humanistische Ludwig-Georgs-Gymnasium. Mit Bürobauten und als „Hofarchitekt“ des Deutschen Gewerkschaftsbunds hatte sich Taut bekannt gemacht, aber auch seine Kompetenz als Schularchitekt hatte er unter Beweis gestellt. Den von ihm favorisierten Typ der Freiluftschule vermochte Taut auf dem begrenzten Darmstädter Innenstadtgelände an der Nieder-Ramstädter Straße nicht unterzubringen. So entwarf er ein mehrgeschossiges Schulgebäude in Form der 1920er Jahre, in das er Freiluftklassen integrierte. Ab 1952 arbeitete Taut an der Umsetzung seines Entwurfs, 1955 konnte das Gymnasium bezogen werden. Besondere Sorgfalt legte Taut auf die Auswahl der Künstler, die im Rahmen des staatlichen Kunst am Bau-Programms für die künstlerische Gestaltung der Schule zu sorgen hatten. An Bernhard Heiligers „Figuren in Beziehung“ entzündete sich kurz nach der Aufstellung der Darmstädter Kunststreit.

Die elf Meisterentwürfe wurden im Sommer 1951 im Rahmen der Ausstellung „Mensch und Raum“ auf der Mathildenhöhe vorgestellt. Ein halbes Jahrhundert nach der ersten Jugendstilausstellung präsentierte DA erneut eine vielfach beachtete Architekturausstellung. Begleitend dazu fand das gleichnamige zweite Darmstädter Gespräch statt. Für die intellektuelle Herangehensweise an das schwierige Thema „Wiederaufbau“ erfuhr DA breite Anerkennung. Die grundsätzliche Forderung, den Menschen zum Mittelpunkt aller Planungen zu machen und den menschlichen Bedürfnissen Vorrang vor den grenzenlos scheinenden technischen Möglichkeiten zu geben, fand allgemeine Zustimmung. Die Realität sah anders aus. Im Wirtschaftsboom der kommenden Jahre verschwanden die nachdenklichen Töne, gebaut wurde, was finanziell und technisch möglich war. Die Meisterbauten erinnern daran, dass es zumindest zu Beginn der Wiederaufbauära Versuche gegeben hat, den Wiederaufbau Deutschlands auch intellektuell anzugehen.

Lit.: Herbig, Bärbel: Die Darmstädter Meisterbauten. Ein Beitrag zur Architektur der 50er Jahre, Darmstadt 2000 (Darmstädter Schriften 77); Architektur der fünfziger Jahre. Die Darmstädter Meisterbauten. Katalog, hrsg. von Michael Bender und Roland May, Stuttgart 1998.