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Darmstädter Kunststreit
Bernhard Heiliger, Figuren in Beziehung, im Hintergrund die im Wiederaufbau befindliche Gaststätte „Sitte“, 1955, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Der Darmstädter Kunststreit von 1955 reihte sich in eine breite öffentliche Diskussion über die Moderne Kunst ein, die bereits im 1. Darmstädter Gespräch von 1950 einen ersten Höhepunkt gefunden hatte. Als Kunst am Bau wurden 1955 die Figurengruppe „Zwei Figuren in Beziehung“ von dem Stettiner Künstler Bernhard Heiliger (1915-1995) und die Plastik „Der Sitzende“ von Helmut Brinckmann im Pausenhof des neu errichteten Ludwig-Georgs-Gymnasiums aufgestellt. Besonders die Betongussfiguren Heiligers, die von den Darmstädtern bald als „Nackte Neger“ bezeichnet wurden, trafen bei Teilen der Bevölkerung auf Ablehnung. Es entzündete sich ein Kunststreit, der in Form von polemischen Leserbriefen in der Lokalpresse ausgetragen wurde. Eltern sorgten sich um das Wohl ihrer Kinder, Kritiker der modernen, speziell der abstrakten Kunst zweifelten den künstlerischen Wert der Plastiken an, Vertreter der Künstlerschaft verteidigten die Freiheit der Künste und verwehrten sich gegen die Angriffe vermeintlich unwissender Laien. Auch der damalige OB Ludwig Engel meldete sich in einem Leserbrief schlichtend zu Wort. Als die Plastiken von Unbekannten mehrmals verunstaltet wurden, wandten sich prominente Darmstädter mit der Mahnung zur Vernunft an die Öffentlichkeit. Die im Magistrat diskutierte Versetzung der Plastiken auf die Rosenhöhe wurde nicht verwirklicht.

Lit.: Herbig, Bärbel: Die Ausstellung „Kunst am Bau“ und der Darmstädter Kunststreit 1955. In: Welsch, Sabine Wolbert, Klaus (Hrsg.): Die Darmstädter Sezession 1919-1997. Die Kunst des 20. Jahrhunderts im Spiegel einer Künstlervereinigung, Darmstadt 1997, S. 407-412; Kunst im öffentlichen Raum in Darmstadt 1641-1994. Hrsg. von Roland Dotzert und Klaus Wolbert. Bearb. von Emmy Hoch, Darmstadt 1994, S. 112 f.