Stadtlexikon Darmstadt

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Waldgeschichte
Ohly-Eiche im Darmstädter Wald, Foto eines verlorenen Aquarells von Carl Beyer, 1894, Stadtarchiv Darmstadt

Der Darmstädter Wald befand sich innerhalb des fränkischen Bannforsts Dreieich, zugehörig zu den Kaiserpfalzen Worms, Trebur, Mainz und Frankfurt/Main. Der Sitz des kaiserlichen Vogts war Dreieichenhain. Das geschlossene Waldgebiet erstreckte sich von Bad Vilbel bis Eberstadt und vom Rhein bis Aschaffenburg. In den Dorfschaften innerhalb des Waldes bildeten sich Markgenossenschaften, die gemeinsame Nutzungsrechte an Wäldern und Feldern ausübten. Zur Viehhaltung waren Wälder unentbehrliche Weidegründe; die Waldstreu wurde in die Ställe verbracht und mit den Eicheln die Schweine gefüttert. Bau- und Brennholz zum Handel und Eigenbedarf nutzten die Markgenossen. Durch schleichende Aneignung und List brachten die Landesherren Zug um Zug die Markwälder in ihren Besitz. So verloren 1516 Arheilgen und Wixhausen ihre gesamten Waldnutzungsrechte und 1565 traten die Darmstädter und Bessunger die Hälfte ihrer Nutzungsrechte an Philipp den Großmütigen ab. Nur Eberstadt konnte seine Besitzrechte aus der Märkerzeit erhalten. Seit 1576 entstanden in mehreren Schüben Neuaufforstungen. So wurden westlich von DA Teile des Niederfelds und Teile des Hofguts Gehaborn zu Wald. Ferner verbot Landgraf Georg I. die Waldweide für sieben Jahre in den Hegwäldern (Bessunger Laubwald). Um 1690 wurden zur Verbesserung der Jagd in Arheilgen die Leonhardstanne, etwas später die Täubcheshöhle, 1715 nördlich des Griesheimer Wegs und 1753 der Krumme Berg zwischen DA und Eberstadt zu neuen Wäldern. Der 300 Jahre währende Streit um die Nutzungsrechte der Altmärker in DA endete erst nach 1848. Die großen Stadtwaldkomplexe südlich der Dieburger Straße bis zum Grenzweg und die westlich gelegenen Gebiete der Darmstädter und Eberstädter Tanne (Kiefernforste) wurden vertraglich der Stadt übereignet. Der Rest wurde zu großherzoglichem Domanialwald mit allen Nutzungsrechten einschließlich der Jagd. Die übertriebene Wildhege in der Barockzeit zehrte den Wald immer mehr aus, ohne dass Neuanpflanzungen entstanden. Die Jäger hatten das Sagen.

Darmbach am Schnampelweg, Sturmschäden 1980, Foto: Roland Koch, Stadtarchiv Darmstadt

Nach dem Verbot der Parforcejagd und den kameralistischen Bemühungen um die Abwendung des Staatsbankrotts unter Ludwig IX. (1768-90) durch die Gebrüder Moser, führte man in DA die nachhaltige Forstwirtschaft, eine neue Forstgesetzgebung und die Zwangsbeförsterung der Privat- und Gemeindewälder ein. Seither besitzt DA eine vorbildliche Forstgesetzgebung (organische Forstorganisation). Unter Ludwig III. (1848-77) entstand der Plan, das gesamte Areal zwischen der Herrschaft Isenburg bis an die Badische Grenze als riesigen Landschaftserholungspark zu gestalten. Aus dieser Zeit stammen der Wiederaufbau der Dianaburg, die berühmte Walderholungskarte von Johannes Hieronymus Zamminer und die Namensbaum-Paten-Tradition (Bemerkenswerte Bäume). Zwei wichtige Darmstädter Markenzeichen aus der Zeit vor 1900 sind heute noch zu erleben: Der Biologische Vogelschutz nach von Berlepsch und die Waldästhetik nach von Salisch. Unter dem Oberforstdirektor Ludwig Wilhelm Wilbrand wurde der gesamte Wald um DA naturnah und nach den Zielen der Forstästhetik betreut, das Buch „Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Hessen-Darmstadt“ 1904 herausgegeben und der Wald-Feld-Bau vorangetrieben. Nach den Reparationshieben der beiden Weltkriege wurden größere Nadelholzkomplexe aufgeforstet, die aber allesamt dem Orkan Wiebke (1990) zum Opfer fielen und mit Eiche wieder aufgeforstet werden konnten. Mit 29 Prozent Eiche, 39 Prozent Buche gilt der Darmstädter Wald als sehr charakteristischer naturnaher Laubwald. Die 30 Prozent Nadelholz, vornehmlich Kiefer, stehen auf den Flugsanddünen im Westen. Der Darmstädter Wald mit seinen 5.800 Hektar steht zu 100 Prozent unter Landschaftsschutz. Wegen der vielen Charakterarten sind rund die Hälfte nach der Europäischen Richtlinie Natura 2000 geschützt, davon 600 Hektar Naturschutzgebiet (Natur- und Landschaftsschutz). Die Immissionsschäden sind in diesem wichtigen Waldgebiet extrem hoch. Im Westen ist der Wald seit 1960 großflächig durch übermäßige Grundwasserförderung geschädigt.

Lit.: Schneider, Carlo: Bemerkenswerte Bäume in den Wäldern um Darmstadt, 1986; Andres, Wilhelm: Aus Darmstadts Waldvergangenheit. Mit einem Ausblick von Arnulf Rosenstock, Darmstadt 1988; Forstamt Darmstadt: „Walderlebnis Darmstadt“, 2003 und „100 Jahre Namensbäume“, Darmstadt 2004.