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Botanischer Garten
Der botanische Garten um 1938, Foto: Ernst Luckow, Stadtarchiv Darmstadt

Der an der Schnittspahnstraße vom Darmbach durchflossene Botanische Garten ist eine Einrichtung der Technischen Universität DA und gehört als Lehr- und Forschungsgarten zum Fachbereich Biologie. Es ist nicht der erste Botanische Garten in DA: Der erste Garten lag im Schlossgraben und wurde auf die Initiative des damaligen Baurats Hess 1814 gegründet. Dieser Großherzogliche Botanische Garten wechselte mehrfach seinen Standort (Herrngarten, am ehemaligen Kleinen Woog, Georg-Büchner-Anlage, Bereich Schlossgartenstraße/Frankfurter Straße), bis er 1874 an den heutigen Platz verlegt wurde, wo sich die als Ausflugsziel beliebte Achensmühle befand. Eng verbunden mit dieser frühen Zeit des Gartens ist die Gärtnerdynastie der Schnittspahns, die den Garten und das angeschlossene Herbarium leiteten und auch den Botanikunterricht an der Höheren Gewerbeschule versahen. Unter den Direktoraten der Professoren Leopold Dippel und Heinrich Schenck sowie mit Joseph Anton Purpus als Garteninspektor erreichte der Garten dann ab etwa 1904 weltweite Berühmtheit. Tropische Orchideen und Farne sowie eine exzellente Sukkulentensammlung (besonders auch an winterharten Kakteen) waren derart wertvoll und attraktiv, dass während des Ersten Weltkriegs eine großzügige Neugestaltung und Erweiterung der Gewächshausanlagen durchgeführt wurde. Besondere Akzente setzte Wilhelm Kesselring (1876-1966, Inspektor von 1926-1947), auf den eine Reihe seltener asiatischer Stauden und Kleingehölze zurückgehen. Bemerkenswert ist eines der ältesten europäischen Exemplare des Urweltmammutbaums, der 1947/48, kurz nach der Entdeckung der Art in Zentralchina 1944, hier ausgesät und aufgepflanzt wurde. Aus dieser Zeit stammen vier Exemplare. Dies verdankt der Garten Franz Boerner (1897-1975, Inspektor von 1947-1966), einem seinerzeit weltbekannten Dendrologen.

Heute umfasst die Anlage etwa 4,5 ha Freiland- sowie 1.300 m² Unterglasfläche, auf denen weit über 8.000 Pflanzenarten kultiviert werden. Besondere Schwerpunkte sind die alte Gehölzsammlung, eine Reihe von über 100 Jahre alten Pflanzen aus Mexiko, die Carl Albert Purpus (1851-1941), der Bruder des Garteninspektors, gesammelt hatte, eine reiche und wissenschaftlich sehr bedeutende Sammlung von Clusien sowie eine reiche Kollektion an Sukkulenten, Orchideen und Kübelpflanzen. Eine kleine Düne mit seltenen Pflanzen der Sandgebiete der Darmstädter Gegend (Flugsanddünen) präsentiert seit einigen Jahren diesen stark bedrohten Lebensraum und dient auch der Erhaltung der Arten außerhalb ihres natürlichen Standorts (Ex-Situ-Erhaltung). Genutzt wird der Garten auch von der interessierten Öffentlichkeit sowie von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen; regelmäßig finden Führungen und Vorträge statt. Eine ausführliche und wechselnde Beschilderung sowie eigens ausgearbeitete Lehrpfade im Garten vermitteln botanisches und ökologisches Wissen, Ausstellungen zu Themen wie Evolution, Bionik oder Wasser ergänzen das Bildungsangebot, das auch von zahlreichen Schulklassen genutzt wird. Seit Sommer 2013 steht ein „Grünes Klassenzimmer“ zur Verfügung, dessen Einrichtung durch Spenden sowie den Förderverein finanziert wurde. Dieses ermöglicht eine Kombination von Vorweisung im Garten und eigenständiger Erarbeitung der Themen durch die Schüler. Ein 1995 gegründeter Förderverein unterstützt die Belange des Botanischen Gartens finanziell, ideell und durch tätige Mithilfe.

Lit.: Schneckenburger, Stefan: Führer durch den Botanischen Garten der Technischen Universität Darmstadt 1999; Ders.: Vom Urweltmammutbaum zur Parfümorchidee. 141 Informationsblätter aus dem Botanischen Garten, Darmstadt 2000; Ders.: Von Anemophilie bis Zamioculcas. 75 neue Informationsblätter aus dem Botanischen Garten, Darmstadt 2004; Ders.: Auf der Jagd nach dem „Grünen Gold“: Botanische Gärten in der Zeit des Kolonialismus. Biologie in unserer Zeit 40, Weinheim 2010, S. 411-419; Ders.: Die Ordnungen und Familien der Systematischen Abteilung des Botanischen Gartens der Technischen Universität Darmstadt, Darmstadt 2012; Lüttge, Ulrich / Fischer-Schliebs, Elke / Schneckenburger, Stefan (Hrsg.): Botanik an der TU Darmstadt 1814-1970. Forscher, Pflanzen und Gärtnerbotaniker, Darmstadt 2005 (TU Schriftenreihe Wissenschaft und Technik 90).