Stadtlexikon Darmstadt

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Landestheater in der Orangerie
Sophokles, König Ödipus, Spielzeit 1952/53 in der Orangerie, Inszenierung Rudolf Sellner, Bühnenbild Friedrich Mertz, Foto: Pit Ludwig, Stadtarchiv Darmstadt

Mit der Zerstörung DAs durch den verheerenden Bombenangriff am 11.09.1944 wurden auch beide Häuser des Hessischen Landestheaters vernichtet. Als einzig mögliche Spielstätte blieb das Gebäude der Orangerie erhalten. Es wurde als provisorisches Theater hergerichtet und am 15.12.1945 mit Goethes „Iphigenie auf Tauris“ in der Inszenierung von Karl Heinz Stroux (1908-1985) eröffnet. Der Spielbetrieb konnte in den ersten Nachkriegsjahren unter den Intendanten Wilhelm Henrich (1889-1955), Walter Jockisch (1907-1970) und Siegmund Skraup (1901-1963) oft nur unter großen Schwierigkeiten aufrechterhalten werden. Mit der Intendanz 1951-1961 von Gustav Rudolf Sellner wurde DA wieder zu einem Zentrum des deutschen Theaterlebens. Am Erfolg seines Regietheaters der „abstrahierenden Stilisierung“ hatte der Bühnenbildner Franz Mertz mit seinen schwebenden Raumteilen wesentlichen Anteil. Die Zusammenarbeit der beiden Künstler fand ihre konsequenteste Ausprägung in den Inszenierungen antiker Tragödien. Dazu ein starkes Schauspielensemble, dem u. a. der hervorragende Charakterdarsteller Max Noack angehörte. Neben klassischen Autoren stellte Sellner nachdrücklich auch avantgardistische Dramen vor, gelegentlich von heftigen Protesten begleitet. Sellners „Darmstädter Stil“ fand eine Entsprechung in der Oper unter Harro Dicks, der durch Konzentrierung auf das Wesentliche ein Musiktheater eigener Prägung schuf. Auch unter Gerhard F. Hering (Intendant 1961-1971), einem der literarischen Tradition verpflichtetem Regisseur, wahrte DA seinen Ruf als Theaterstadt. Mit ihm kamen als Schauspielregisseur der geniale Hans Bauer und als künstlerischer Beirat Hans-Joachim Weitz. Die Gestaltung des Bühnenraums lag vornehmlich in den Händen von Ruodi Barth. Generalmusikdirektor wurde 1963 Hans Drewanz (*1929), der das Musikleben DAs über mehr als drei Jahrzehnte bestimmen und formen sollte. Regelmäßiger Spielort war neben Orangerie und Stadthalle jetzt auch, hauptsächlich als Experimentierbühne, das Theater im Schloss. Die Zeit der Behelfsbühnen endete 1972 mit Bezug des neu errichteten Theatergebäudes, das fortan als Staatstheater DA firmieren sollte.

Lit.: Kaiser, Hermann: Modernes Theater in Darmstadt 1910–1933. Ein Beitrag zur Stilgeschichte des deutschen Theaters zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 1955; ders.: Vom Zeittheater zur Sellner-Bühne, Darmstadt 1961.