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Kammermusik

Die Anfänge einer Kammermusikpflege in DA reichen zurück bis in die Zeit Ludewigs I., der selbst als Quartettspieler hervortrat. Er wurde begleitet von Georg Mangold, G. Schüler (1754-1814) und Jakob Karl Wagner. Dieses Zusammenspiel endete um 1804. Zwar verschwand das Quartettspiel nicht völlig, doch es geschah weniger öffentlich, überwiegend im privaten Raum. Öffentliche Quartettabende wurden hingegen von reisenden Virtuosen veranstaltet (L. Spohr, 1816; H. Vieuxtemps, 1845; A. Köckert, 1853; H. Wehrle, 1864) oder kurzfristig von Mitgliedern der Hofkapelle in wechselnder Besetzung. 1852 bildeten Wilhelm Niederhof (1806-1899), Julius Leidhecker, Heinrich Wack und Ferdinand Büchler für einige Zeit eine eigene Quartettvereinigung. Mit dem 1876 nach DA gekommenen Willem de Haan, wurde die Pflege der Kammermusik neu belebt. Er gründete zusammen mit Joseph Miroslaw Weber (1854-1906), Ferdinand Bauer (1819-1890), Wenzel Petr (1851-1914) und Emil Reitz jun. den so genannten Quartett-Verein. Um 1896 endete dessen Tätigkeit und seit Ende des Jahrhunderts fanden die damals bekannten Reisequartette den Weg nach DA (z. B. Konzerte im Richard-Wagner-Verein). In den Jahren von 1908 bis 1910 fanden unter der Schirmherrschaft Ernst Ludwigs drei Kammermusikfeste in DA statt, bei denen nicht nur Klassiker wie Haydn, Mozart und Beethoven, sondern auch Claude Debussy, Max Reger und Hans Pfitzner zur Aufführung kamen. Reger wirkte bei allen drei Festen persönlich mit, Hans Pfitzner beim dritten Kammermusikfest 1910.

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts gründeten sich Kammermusikvereinigungen von herausragender Bedeutung: Darmstädter Streich-Quartett (seit 1899): Fritz Mehmel (1861-1929), Gustav Spohr, Richard Senff, Albert Dietrich, Willy Volke, Fritz Brückmann, August Weyns, Emil Andrae. – Havemann-Quartett (1904, Fortsetzung des Quartett-Vereins, Kammermusik-Vereinigung): Gustav Havemann (1882-1960), Ernst Schmidt (1909), Adolf Schiering (1915), Otto Drumm (1918), Heinrich Bornemann, Georg Gims, Emil Delp, Bruno Oelsner, Fritz Brückmann, Emil Andrae, Willem de Haan. Havemann verließ 1909 DA und ging nach Hamburg. Seit 1909 trug das Quartett die Bezeichnung „Darmstädter Kammermusik-Vereinigung“. In Hamburg formierte sich das Havemann-Quartett neu (G. Havemann, Karl Grötzsch, Anton Grünsfelder, J. Sakom). – Drumm-Quartett (seit 1918, Fortsetzung der Kammermusik-Vereinigung): Otto Drumm (1888-1962), Max Buddenhagen, Oskar Scheidhauer, Heinrich Müller, Hermann Lahl, Rudolf Sprenger, Willy Horn, Hugo Andreae, Alfred Möbes. Das Quartett beschränkte sich zunächst auf Matineen, veranstaltete später aber auch Quartett-Abende im Theater. – Schnurrbusch-Quartett (1919 gegründet als „Neue Kammermusik-Vereinigung Darmstadt“): Paul Schnurrbusch (1884-1973), Karl Jäger, Alfred Fillsack, Willy Rasche, Willy Horn, Konrad Klammer, Hans Andrä. Das Quartett veranstaltete seine Konzerte zunächst im Traube-Saal, wechselte dann aber in das Theater über. Zusammen mit dem Drumm-Quartett veranstaltete es eigene Kammermusik-Reihen. – Adolf Busch Quartett (1922-1927 in DA ansässig): Adolf Busch (1891-1952), Gösta Andreasson, Karl Doktor, Paul Grümmer. – Trio-Vereinigung (um 1923): Joseph Rosenstock, Otto Drumm, Hugo Andreae. – Darmstädter Bläser-Quintett (um 1923): Martin Geißler, Flöte, Georg Kreß, Oboe, Julius Winkler, Klarinette, August Jaud, Horn, Emil Wischert, Fagott, Joseph Rosenstock, Klavier. – Dieffenbach-Quartett (seit 1930, öffentl. 1934-1965): Elisabeth Dieffenbach (1902-1993), Erika Netto, Anneliese Müller-Gündner, Hannemarie Spamer, Liesel Sievers.

Mit dem Zweiten Weltkrieg brach die Kammermusiktradition ab. Das von Hermann Heiß 1947 zusammengestellte Darmstädter Kammertrio mit Fritz Müller-Gündner, Violine, und Eleanor Day, Violoncello, hatte nur kurzen Bestand. Hingegen bilden die Darmstädter Kammermusikreihe und die vom Staatstheater DA veranstalteten Kammerkonzerte ebenso einen festen Bestandteil im Darmstädter Musikleben wie die 1971 von Karl Marguerre ins Leben gerufenen Kammerkonzerte im Schloss.

Lit.: Schweitzer, Philipp: Kammermusik in Darmstadt. In: Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für mittelrheinische Musikgeschichte Nr. 14, 1980; Kammermusik in Darmstadt. In: Musik in Darmstadt zwischen den beiden Weltkriegen. Mit Beiträgen von Oswald Bill, Philipp Schweitzer, Hans Martin Balz und Ludwig Nöll, hrsg. von Hubert Unverricht und Kurt Oehl, Mainz 1980 (Beiträge zur mittelrheinischen Musikgeschichte Nr. 18), S. 47-56.