Stadtlexikon Darmstadt

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Puppentheater in Darmstadt
Ludwig Hildenbrands Kaspertheater auf dem Mercksplatz, 1928, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Das Theaterspiel mit Puppen ist eine uralte Volkskunst, die in fast allen Kulturkreisen beheimatet ist. Seine Ursprünge reichen bis in die Antike zurück, und ab dem 13. Jahrhundert finden wir in Deutschland erste Aufzeichnungen über so genannte „Tockenspieler“ (Tocken = Puppen). Sie gehörten zum fahrenden Volk, zu den Gauklern und Narren, die auf Märkten und Festen das Volk unterhielten. Auch in DA wurde Puppentheater über Jahrhunderte durch wandernde Puppenspieler in ihrem „Tockenkasten“ oder später dann „Borzenellekaste“ (Borzenelle = Pulcinella, lustige Figur der ital. Commedia dell’ Arte) vorgeführt. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wird ein Marionetten- und Handpuppenspiel in DA durch den ortsansässigen Schreiner Ludwig Hildenbrandt (1853-1930) gegründet. Seine handwerklichen Fähigkeiten, sich eine eigene Puppenbühne zu bauen und Holzköpfe selbst zu schnitzen sowie sein komödiantisches Talent waren der Grundstock für ein erfolgreiches Puppentheater. „Hildenbrandts Original Kaspertheater“ hatte 1886 seine erste Vorstellung auf dem Paradeplatz in DA. Seine Bühne wurde zum festen Bestandteil aller Darmstädter Feste und Messen; die selbst verfassten und oft auch frei improvisierten Stücke waren durch ihren lokalen und zeitgemäßen Witz eine komödiantische Attraktion. Bedauerlicherweise hatte er seine Stücke, wie viele andere Puppenspieler auch, nie niedergeschrieben, doch glücklicherweise erbte sein Sohn Hans (1901-1988) das väterliche Talent und konnte so die Bühne als Prinzipal und Puppenbauer erfolgreich weiterführen. Für viele Darmstädter Heinerbuben und Mädchen war der Kasper der Hildenbrandts nicht nur fast 100 Jahre lang ein treuer Freund, sondern er lebt noch heute in vielen Anekdoten und Erzählungen weiter. Nach Hans Hildenbrandts letztem Auftritt, beim Heinerfest 1973, wanderten die Puppen und der Fundus leider in die Ferne, in das Museum für Puppentheater nach Lübeck.

Spielpuppensammlung von Walter Wohmann, um 1960, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Auch das Puppentheater wurde, wie viele andere Kunstrichtungen, in den 1920er Jahren des letzten Jahrhunderts von einem neuen Zeitgeist ergriffen. Neben dem traditionellen Jahrmarktskaspertheater entwickelten sich das pädagogische und das literarisch-künstlerische Puppenspiel. Drei bedeutende Wegbereiter hierfür waren in DA zu Hause: Walter Röhler (1911-1974), Walter Wohmann (1892-1975) und Robert May (1896-1956). Alle drei spielten selbst Puppentheater und hatten eigene Bühnen. Röhler und Wohmann setzten sich aber auch wissenschaftlich mit dem Puppentheater auseinander und waren für ihre Sammelleidenschaft bekannt. Die Papiertheatersammlung von Walter Röhler ist eine der größten in Europa und befindet sich heute im Besitz der Stadt DA; Interessenten ist sie über die Leitung des Nachbarschaftsheims im Prinz-Emil-Garten in DA zugänglich. Besonders erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass unter Walter Wohmanns Federführung nach dem Zweiten Weltkrieg der „Verband der Puppenspieler“ als gesamtdeutsche Nachfolgeorganisation für den 1933 zerschlagenen „Deutschen Bund für Puppenspiel“ in DA gegründet wurde. Robert May kam zwar über einige berufliche Umwege zum Puppentheater, dennoch wurde er Puppenspieler mit Leib und Seele. Seit seiner ersten Aufführung 1924 begeisterte er unzählige Kinder vom Bodensee bis nach Berlin. Dass er zudem ein Puppenspieler mit neuen inhaltlichen Zielen war, zeigte sich nicht nur in seinen pädagogischen Stücken für die Jugend – auch für Erwachsene schrieb er eine Reihe von aktuellen Stücken mit sehr treffenden Zeittypen.

In den 1950er Jahren kam der in Frankfurt geborene Puppenspieler Rudolf Fischer (1920-1998) mit seiner Frau und Mitspielerin nach DA. Er hatte bei den, weit über die Grenzen Deutschlands bekannten, „Hohnsteiner Puppenspielen“ das Handwerk erlernt und 1947 in Königstein im Taunus die „Königsteiner Puppenspiele“ gegründet. Dem Vorschlag des damaligen Kulturdezernenten und späteren OB von DA, Heinz Winfried Sabais, seine Bühne in „Darmstädter Puppenspiele“ umzubenennen, kam er gerne nach. Mit Fischer begann nicht nur für DA, sondern für das gesamte deutsche Puppentheater eine neue Ära: das Aufleben des literarischen Puppenspiels. „Das alte Puppenspiel vom Doctor Faust“, Oscar Wildes „Gespenst von Canterville“, Charles Dickens’ „Weihnachtabend“, Georg Büchners „Leonce und Lena“, „Peter Schlemihl“ nach Adelbert von Chamisso – all diese Werke inszenierte er in seiner Puppenbühne. „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry wurde in einer eigens für ihn angefertigten Übersetzung noch vor dem offiziellen Erscheinen des Buchs in Deutschland als Puppen- und Menschenspiel von ihm uraufgeführt. Doch auch eigene zeitkritische und satirische Stücke wie „Das Haus der Zivilisation“, „Ein Narr erzählt“ oder „Die königliche Zeitverschwendung“ standen genauso auf seinem Programm wie witzige Puppenkomödien, in denen er einen Kasper belebte, der in seiner Spielart und Schlagfertigkeit einzigartig war. Rudolf Fischer hatte die wirklich große Gabe, leichten Humor und prosaische Weisheit gleichfalls bewegend darzustellen und zu übermitteln.

Ab den 1970er Jahren wandte sich Fischer mehr und mehr dem Puppenspiel in Film und Fernsehen zu und arbeitete hierbei nicht nur als Puppenspieler, sondern auch als Drehbuchautor und Regisseur. Sein „Spatz vom Wallrafplatz“, „Maxifant und Minifant“ oder die „Gutenachtgeschichten vom Sandmännchen“ wurden bundesweit bekannt. Nicht zu vergessen sei, dass es ihm aber auch stets ein großes Anliegen war, sein Wissen und Können weiterzugeben. Für viele Puppenspieler und Puppenspielerinnen bleibt er ein unvergessener Lehrmeister, so auch für den Gründer des Darmstädter Kikeriki Theaters, Roland Hotz. Er hat nicht nur als kleiner Junge das Puppenspiel Fischers mit leuchtenden Augen bestaunt, sondern in ihm einen späteren Mentor und Freund gefunden. Zur Vollständigkeit sei erwähnt, dass in DA über all die Jahre noch viele Puppenspielgruppen in Vereinen, Kirchengemeinden, sozialen Einrichtungen und durch private Initiativen entstanden sind, doch leider nur kurzzeitig und ohne besondere puppentheater- oder stadtgeschichtliche Bedeutung.