Stadtlexikon Darmstadt

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Petersen, Waldemar

Elektroingenieur und Unternehmer
* 10.06.1880 Athen
† 27.02.1946 Darmstadt
Nach einer unbeschwerten Kindheit am Hof Georgs I. in Athen kam Waldemar Petersen mit elf Jahren über Mainz nach DA. Er legte sein Abitur am Ludwig-Georgs-Gymnasium ab und studierte von 1899 bis 1903 Elektrotechnik an der TH Darmstadt. Nach Ableistung des einjährigen Militärdienstes wurde er 1904 Assistent von Erasmus Kittler und promovierte bei ihm 1907. Im selben Jahr erfolgten die Habilitation und die Ernennung zum Privatdozenten. Petersen betreute insbesondere das 1902 eingerichtete Hochspannungslaboratorium und festigte DAs Ruf als eine der führenden Lehrstätten der Hochspannungstechnik. Seine Forschung galt dem Problem des Überspannungsschutzes von Hochspannungsnetzen. Er entwickelte die erste Erdschlusslöschspule der Welt, die "Petersenspule", die 1917 von der AEG zum Patent angemeldet wurde. Die Petersenspule erhöhte wesentlich die Betriebssicherheit der Netze und trug damit maßgeblich zur Verbesserung der Energieversorgung in vielen Ländern bei. Im Mai 1911 wurde Petersen apl. Professor für das Fach Hochspannungstechnik. 1918 wurde er zum ordentlichen Professor und Nachfolger von Kittler berufen, der bereits 1915 ausgeschieden war. Im Oktober 1914 gehörte Petersen neben 32 weiteren Professoren der TH Darmstadt zu den Unterzeichnern der Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches, in der die Hochschullehrer die völkerrechtswidrige Kriegsführung des Deutschen Reiches verteidigten.

Petersen stand 1920/21 der Abteilung für Elektrotechnik als Dekan vor und war ab 1921 für zwei Jahre Rektor der TH Darmstadt. In seine Rektoratszeit fielen, von ihm tatkräftig unterstützt, die Einstellung des ersten hauptamtlichen Sportlehrers Ernst Söllinger (1896-1985) sowie die Eröffnung des Darmstädter Hochschulstadions. Am 8. Juni 1923 nahm er als Rektor an einer Sympathiekundgebung am Darmstädter Hauptbahnhof für den von den Franzosen erschossenen Aktivisten Albert Schlageter (1894-1923) teil. Am 15. März 1926 wechselte Petersen in den Vorstand der AEG, des damals größten deutschen Elektrokonzerns mit Sitz in Berlin. Dort stieg er in kurzer Zeit zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden auf, gründete im März 1928 das AEG-Forschungsinstitut und wirkte ab 1933 an der Ausrichtung der AEG auf die Ziele des NS-Regimes an vorderster Stelle mit. Von 1926 bis Mitte 1933 wurde Petersen unter Fortzahlung seiner Bezüge vom Volksstaat Hessen beurlaubt. Aus seinen Einkünften unterstützte er die Elektrotechnik an der TH Darmstadt sowie die Vereinigung von Freunden der TH Darmstadt, damit diese auf Empfehlung seines Freundes Ernst Söllinger ein Gelände erwerben und ein Haus in Hirschegg im Kleinwalsertal errichten konnte. Das Ski- und Freizeitheim, eine Stätte der sportlichen Ausbildung, der Erholung und der wissenschaftlichen Begegnung, erhielt bei seiner Einweihung im Dezember 1929 den Namen "Waldemar-Petersen-Haus". Für eine gewisse Zeit hat Petersen neben seiner Tätigkeit im Vorstand der AEG in Berlin Vorlesungen über sein Fach an der TH Darmstadt abgehalten. Diese fanden bis zum Frühjahr 1933 während des Semesters meist Samstagnachmittags statt. Petersen trat am 1. November 1933 in Königs Wusterhausen als Anwärter der SA bei. In den nachfolgenden Jahren stieg er in der Karriereleiter sieben weitere Stufen bis zum Obersturmbannführer auf. Nach der Aufhebung der Mitgliedersperre trat er zudem im Mai 1937 der NSDAP bei. Ab dem 20. April 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war er als Wehrwirtschaftsführer tätig. Er war die treibende Kraft bei der Mobilisierung der AEG-Forschung für militärische Anwendungen. Als Wehrwirtschaftsführer hatte er gute Kontakte zum Heereswaffenamt und konnte ab Februar 1935 die Entwicklung der Bildwandlerröhre zum Nachtseher forcieren und im September ein Modell zur Erprobung liefern. Um 1937 entwickelte er Zünder für Magnetminen. In den 1940er Jahren war er eng vernetzt mit dem Reichsministerium für Bewaffnung und Munition. Er leitete verschiedene Kommissionen im Auftrag von Minister Albert Speer bzw. Karl Saur. Im Frühjahr 1943 leitete er die Kommission für Fernschießen. Dieser Kommission gehörten u.a. an Emil Leeb, Erhard Milch und Friedrich Fromm. Aufgabe der Kommission war, eine Empfehlung abzugeben, ob die Fieseler Fi 103, sog. V1, oder das Aggregat 4, sog. V2, vorrangig produziert werden sollten. Nachdem Petersen im Dezember 1944 einen Schlaganfall erlitten hatte, wurde die Leitung Walter Dornberger übertragen.

Petersen starb an den Folgen eines zweiten Schlaganfalles, den er im August 1945 erlitten hatte. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Waldfriedhof in DA. Er war bis zu seinem Tod Mitglied der TH Darmstadt geblieben. 1956 wurde auf Antrag von Rektor Karl Küpfmüller vom Magistrat der Stadt DA die Verbindungsstraße zwischen Landgraf-Georg-Straße und Alexanderstraße hinter der Hochspannungshalle nach Waldemar Petersen benannt. Ab 1968 trug dann die Haupterschließungsstraße im Erweiterungsgebiet der TH Darmstadt auf der Lichtwiese den Namen Petersenstraße. Im Oktober 2013 wurde sie u.a. in Eugon-Kogon-Straße umbenannt. 1956 wurde von einigen ehemaligen Assistenten und Studenten von Petersen eine Stiftung mit seinem Namen gegründet, die u.a. die Aufgabe hat, das Ski- und Erholungsheim in Hirschegg zu unterhalten. Das Haus in Hirschegg trägt seit Juni 2015 den Namen "Darmstädter Haus". Die Stiftung wurde in "TU-Darmstadt-Stiftung" umbenannt.

Lit.: Efinger, Manfred: Waldemar Petersen. Athen – Darmstadt – Berlin, Darmstadt 2014.