Stadtlexikon Darmstadt

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Mühlen in Eberstadt
Waldmühle in Eberstadt, um 1900, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Entlang der Modau und des Beerbachs standen auf Eberstädter Gemarkung (Eberstadt) seit dem späten 14. Jahrhundert zehn Mühlen. Die ältesten waren die Obere und Untere Wiesen-Mühle (beide vor 1500 erwähnt), die in Katzenelnbogischer Zeit die alleinigen Mahlprivilegien besaßen. Erst in hessischer Zeit kamen weitere Mühlen hinzu. Sie wurden von den Landgrafen angelegt und in Erbleihe an die Müller vergeben. In dieser ersten Mühlbauphase entstanden die Escholl-Mühle (1563), die Dorf-Mühle (1565), die Koppen-Mühle (1569) und die Rosen- oder Obere Dorf-Mühle (1607). Die Müller dieser Mühlen mussten einen „Mühlenzins“ an ihre Lehnsherren abgeben, ihre Mühlen wurden dafür mit dem Mühlenbann belegt, d. h. alle Bauern in einem zugewiesenen Bezirk mussten in der Bann-Mühle ihr Getreide mahlen lassen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg und dem Ende der Herrschaft der Herren von Frankenstein gründeten die Darmstädter Landgrafen mehrere neue Mühlen, die nicht mehr dem Mühlenbann unterlagen. So entstanden die Alte (1716) und die Neue Kaiser-Mühle (1681), die Mahrs-Mühle (1684), die Wald- oder Walk-Mühle (1700) und die Engels-Mühle (1707). Die Erfindung der Dampfmaschine zu Beginn des 19. Jahrhunderts und das Aufkommen von Groß-Mühlen verdrängten zunehmend die kleineren Mühlen. Sie wurden deshalb für Spezialaufgaben genutzt, zu reinen Wohnbauten umgenutzt oder in andere Betriebe integriert.

Die Alte Dorf-Mühle (Mühlstraße 7) wurde 1565 von Philipp von Rensdorf und dem fürstlichen Leibeigenen Peter Quick als Getreidemühle errichtet. 1871 übernahm sie die Familie Pfeiffer und integrierte sie in ihre Gerberei und Lederfabrik. Erhalten ist neben einem lang gestreckten, zweigeschossigen Gebäude mit Gewölbekeller noch der Mühlentrakt. Das Mühlrad wurde entfernt. 1960 ließen die heutigen Besitzer vor dem Anwesen von dem Architekten Herbert Behrens einen Brunnen mit drei Mühlsteinen entwerfen, der an den historischen Mühlenstandort erinnern soll.

Die Untere und die Obere Wiesen-Mühle (Mühltalstraße 55-57) entstanden aus der 1369 erwähnten „Frankensteiner Mühle“, die um 1490 in zwei Mühlen geteilt und seitdem mehrfach verändert wurde. Das Hauptgebäude der heutigen Oberen Wiesen-Mühle entstand 1725, das der Unteren Wiesen-Mühle stammt aus dem Jahr 1728.

Die Escholl-Mühle (An der Eschollmühle 28) wurde 1563 vom Zöllner Adam Wambolt errichtet. Dieser nutzte die Mühle nicht nur als Getreidemühle, sondern auch als Zollstation. Den Namen erhielt sie nach ihrer Lage in der Flur „Eschell“. Seit etwa 1680 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte die Mühle der Familie Wiemer. Die letzte Müllerfamilie betrieb die Mühle bis 1972. 1992/93 wurde sie denkmalgerecht restauriert.

Die Wald-Mühle (Beerbacher Straße 20), auch Walk-Mühle genannt, wurde 1686 an der Mordach erbaut. Schon 1704 wurde sie als Waisenhaus umgenutzt und umgebaut, ging nach 1900 in das Eigentum des „Kurvereins für kränkliche Kinder“ über, war danach Kindererholungsheim und seit 1979 Freizeithaus und Jugendherberge. Im Jahr 1981 übernahm die Innere Mission (Diakonie in DA) das Mühlengebäude und nutzt es als Therapiezentrum für Drogenabhängige. Das äußere Erscheinungsbild sowie der Kern der Bausubstanz sind weitestgehend erhalten.

Die Engels-Mühle (Gernsheimer Straße 15) wurde 1707 erbaut und erhielt ihren Namen von Ludwig Christoph Engel, der sie 1827 erwarb. Der Mühlenbetrieb wurde nach dem Ersten Weltkrieg eingestellt. Heute dient die ehemalige Mühle, von der das Hauptgebäude und die Stallungen erhalten sind, als Wohnhaus und Galerie.

Die Koppen-Mühle (Mühltalstraße 147) entstand 1569 und wurde nach ihrem Erbauer Hans Kopp benannt. Das Sandsteinrelief an der Ostfassade stammt aus dem Jahr 1714 und zeigt den damaligen Müller Johann Leonhard Hochschild mit seiner Frau Anna Catarina. Nach dem Krieg war die Mühle einige Zeit an eine Malzkaffeefabrik verpachtet, wurde dann als Getreidemühle weitergeführt und schließlich im Jahr 1952 geschlossen. Bis heute wird mit der Turbine aus dem Jahr 1937 Strom für den Eigenbedarf der inzwischen als Wohnhaus genutzten Mühle produziert. Das äußere Erscheinungsbild der ehemaligen Mühle konnte trotz der Umnutzung größtenteils erhalten werden.

Die Neue Kaiser-Mühle (Mühltalstraße 135) wurde 1681 errichtet und trug anfänglich die Namen der jeweiligen Besitzer. Nach einem Brand im Jahr 1889 wurde die Mühle 1890 als historistische Industrie-Mühlenanlage wieder errichtet und in Neue Kaiser-Mühle umbenannt. Die im Vergleich zu den übrigen Mühlen an der Modau relativ junge Mühle besteht aus einem dreigeschossigen Wohnhaus, einem etwas höheren Mühlengebäude, Scheune und Gesindehaus. Die Mühltechnik mit Zwillingsturbine, die Emil Bauer 1922 installierte, ist noch vorhanden und diente bis ins Jahr 1972 zur Stromgewinnung.

Die Alte Kaiser-Mühle (Mühltalstraße 141 und 143) ließ Johann Hochschild 1716 anstelle einer alten Pulver-Mühle errichten. Ihren Namen erhielt sie erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1988/89 ging die stark zerfallene Mühle in den Besitz mehrerer Familien über, welche die gesamte Anlage für Wohnzwecke umbaute.

Lit.: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Darmstadt. Hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen in Zusammenarbeit mit dem Magistrat der Stadt Darmstadt – Denkmalschutzbehörde – Braunschweig, Wiesbaden 1994, S. 622-625, 635, 637 f.; Denkmalgeschützte Bauwerke in Eberstadt, S. 9f., 12f., 21f., 50, 52, 55-57; Von Wietersheim, Annegret: Die Kaisermühle bei Eberstadt, Darmstadt 1994 (Eberstädter Heimathefte Nr. 18); Von Wietersheim, Annegret: Die Kaisermühlen bei Eberstadt, Darmstadt 2017.