Stadtlexikon Darmstadt

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Glockenspiel
Blick vom Glockenspiel auf die Altstadt, 1936, Foto: Ernst Luckow, Stadtarchiv Darmstadt

Das Darmstädter Glockenspiel wurde unter Landgraf Ludwig VI. 1671 auf dem Turm des „Hohen Baues“ im Schloss errichtet. Die 28 Glocken lieferte der Amsterdamer Glockengießer Pieter Hemony, das Uhr- und Spielwerk der Uhrmacher Pieter van Call in Nimwegen. Der Tonumfang reichte von klingend gis1 bis cis4, wobei die Töne a1 und h1 ausgelassen waren. Das Gesamtgewicht der Glocken (ohne Klöppel und Hämmer) betrug etwa 3.050 Kilogramm. Sie konnten entweder automatisch (Spielwalze) oder manuell (Baierstuhl) angeschlagen werden. In halbstündigem Abstand erklangen vor dem eigentlichen Uhrenschlag Kirchenlieder entsprechend dem Lauf des Kirchenjahres. Die technische und die musikalische Betreuung des Instruments oblag den fürstlichen Glockendirektoren: Ab 1671 Ludwig Heinrich Breithaupt; 1706 Benedikt Breithaupt; 1709 Johann Nikolaus Asmus; 1743 Georg Gottfried Asmus; 1790 Conrad Friedrich Strauß; 1813 Philipp Strauß und 1831 Friedrich Strauß. Während der Amtszeit des Letzteren wurden 1846 die Glocken durch Johann Wilhelm Pfnor umgestimmt, um ein dem Stilempfinden der Zeit entsprechendes vielstimmiges Spiel zu ermöglichen. Das alte Klangbild wurde durch diesen Eingriff zerstört. Durch Erweiterung um 7 Glocken besaß das Glockenspiel seitdem einen Bestand von 35 Glocken. Der letzte großherzogliche Glockendirektor war von 1860 bis 1906 Karl Anton.

Nach dem Ersten Weltkrieg ging das Glockenspiel in die Verwaltung des Hessischen Hochbauamts über. Den um diese Zeit erreichten Stand der Anlage hielt der Uhrmacher Hans Becker (1898-1982) in Werkzeichnungen und in einer Publikation (1928) fest. 1935 übernahm Uhrmacher Walter Meitzler (1901-1974) die Pflege des Spielwerks; eine musikalische Betreuung erfolgte kaum noch. Letzte Instandsetzungsversuche wurden 1938 unternommen. Bei dem Bombenangriff am 23.09.1943 (Brandnacht) ging das alte Fürsteninstrument unter. Das Schicksal der Glocken blieb ungeklärt.

Der Wiederaufbau des Glockenspiels ging von den Bürgern der Stadt aus. Nachdem Hans Becker bereits 1949 die alten Uhrenteile geborgen hatte, gründete sich bald darauf ein Glockenspielausschuss. Mit Hilfe von Spendengeldern konnten 21 Glocken beschafft werden. Hergestellt wurden sie 1951 in der Glockengießerei der Gebrüder Rincker in Sinn, das Uhrwerk und die elektrische Steuerung lieferte die Uhrenfabrik Eduard Korfhage in Buer. Am 16.12.1951 wurde das Werk eingeweiht und in die Obhut der Landesverwaltung übergeben. 1960 kamen sechs und 1981 drei weitere Glocken hinzu, sodass die Tonfolge der nunmehr 30 Glocken von klingend g1 bis e4 reicht, wobei die Töne gis1 und b1 sowie cis4 und es4 nicht belegt sind. Im Wechsel der Jahreszeiten erklingt jeweils zur vollen Stunde ein Kirchenlied und zur halben Stunde ein Volkslied. Die Betreuung obliegt der im Schloss untergebrachten Universitäts- und Landesbibliothek (ULB), deren Mitarbeiter Josef Matich (*1929) bis 1983 die Spielfunktionen überwachte. In den Jahren von 1975 bis 2000 wurde das Werk regelmäßig auch von Hand gespielt und ist auf drei Tonaufnahmen zu erleben („Das Darmstädter Glockenspiel spielt Weihnachtslieder“, Subwave P 1996; „Glockenspiel und Chormusik zur Weihnachtszeit“, Subwave P 1998; „60 Jahre Darmstädter Glockenspiel. Das Jahresrepertoire“, Sound and More, 2011).

1982 begannen Mitarbeiter der TH Darmstadt mit der Entwicklung einer computergestützten Steuerung für das automatische Spiel. Diese Arbeiten wurden 1995 abgeschlossen. Zusammen mit Oswald Bill (*1937), ehem. Leiter der Musikabteilung der ULB und für das Glockenspiel verantwortlich, gelang es 1992 Volker Illgen, dem ehem. Leiter des Schlossmuseums, die verbliebenen Uhrwerksteile von 1671 in den Werkstätten der Maschinenfabrik Carl Schenck entsprechend den alten Plänen wieder zusammenfügen und ergänzen zu lassen. Als Zeugnis alter Handwerkskunst ist das wieder erstandene Uhrwerk als Schaustück im Schlosshof aufgestellt.

2010 wurde das Glockenspiel auf Betreiben des Heimatvereins Darmstädter Heiner e.V. in Zusammenarbeit mit der TU Darmstadt einer umfassenden Überarbeitung durch die niederländische Glockengießerei Petit en Fritsen unterzogen. Seitdem erklingen die Lieder in einer Neufassung durch Martien van der Knijff, Oldebroek.

Lit.: Anton, Karl: Der Glockenbau und das Glockenspiel im Großherzoglichen Residenzschloß zu Darmstadt, Darmstadt 1893; Bill, Oswald: Das Darmstädter Glockenspiel. Geschichte und Gegenwart, Darmstadt 1994; Buchner, Jürgen: Das Carillon am Schloss zu Darmstadt. Studien zur Baugeschichte und zur musikalischen Überlieferung im 17. und 18. Jahrhundert. Dissertation Würzburg 2013.