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Deutschkatholizismus

Die von Rationalismus und Liberalismus geprägte religiöse Reformbewegung des Deutschkatholizismus führte im Vormärz (1830er Jahre) zur Bildung eigenständiger Gemeinden. Maßgeblicher Protagonist war Johannes Ronge. Auf dem Konzil von Leipzig 1845 wurden „Grundsätze der Glaubenslehre“ festgelegt. Kennzeichnend waren u. a. die Lossagung von Rom sowie die Ablehnung weiterer kath. Spezifika in Lehre und Praxis. In der Gemeindeethik kamen egalitäre Tendenzen zum Zuge, v. a. zugunsten von Laien, Frauen und Armen („Gemeindesozialismus“). Die anfänglichen Hoffnungen auf Unterstützung durch den Mainzer Bischof Petrus Leopold Kaiser zerschlugen sich. Wegen „Offenbarungsfeindlichkeit“ und „Überordnung des Zeitgeistes über die Bibel“ kam es bald zu Verurteilungen seitens der kath. Kirche.

Die Anfänge des Darmstädter Deutschkatholizismus sind eng mit Eduard Duller verbunden. Er rief um die Jahreswende 1844/45 die deutschen Katholiken zur Absage an Rom und zur Bildung einer nationalen Kirche auf. Im Juni 1845 gelang ihm die Gründung einer eigenen Darmstädter Gemeinde. Sie feierte in Verbindung mit einem großen Fest ihren ersten Gottesdienst mit dem Reiseprediger Karl Kerbler im Darmstädter Hof, in dem die kath. Gemeinde bereits 1802 bis 1827 einen Raum als Gottesdienstraum benutzt hatte. Der von den Behörden genehmigte „Privatgottesdienst“ zog zahlreiche Gäste an. Die anwesende ev. Geistlichkeit schenkte liturgische Geräte. Der kath. Pfarrer Johann Baptist Lüft trat dem Deutschkatholizismus in mehreren Predigten entgegen. Ab 1848 durfte die Darmstädter Gemeinde ihre Gottesdienste in der Stadtkapelle abhalten.

Zum ersten Prediger der Gemeinde wurde Heinrich August Wilhelm Hieronymi berufen, ein früherer ev. Theologe. Nach seinem Tod im Jahr 1884 erlosch die Gemeinde. 1859 hatten sich in Gotha die Gemeinden des Deutschkatholizismus und die protestantischen „Lichtfreunde“ im „Bund freier religiöser Gemeinden“ zusammengefunden. 1950 schlossen sich alle Freireligiösen Vereinigungen zum „Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands - Freie Religionsgemeinschaft gegr. 1859 (BFGD)“ organisatorisch zusammen, dem in DA die Freireligiöse Gemeinde angehört. 2015 trat die bisherige Freireligiöse Landesgemeinschaft Hessen, sich nun Humanistische Gemeinschaft Hessen nennend, aus der Dachorganisation aus.

Lit.: Esselborn, Karl: Der Deutschkatholizismus in Darmstadt, Darmstadt 1923; Holzem, Andreas: Kirchenreform und Sektenstiftung. Deutschkatholiken, Reformkatholiken und Ultramontane am Oberrhein 1844-1866, Paderborn 1994.