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Leuschner, Wilhelm
Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Bildhauer, Politiker
* 15.06.1890 Bayreuth
† 29.09.1944 Berlin (hingerichtet)
Wilhelm Leuschner erlernte nach dem Besuch der Volksschule den Beruf des Holzbildhauers, kam im Mai 1908 auf der Wanderschaft nach DA und arbeitete seit September 1910 als Möbelschreiner bei der Darmstädter Hofmöbelfabrik Glückert. Nach der Geburt seiner beiden Kinder Wilhelm und Katharina und der Heirat mit Elisabeth Batz (Elisabeth Leuschner) ließ er sich endgültig in DA nieder. Leuschner schloss sich früh der Arbeiterbewegung an und war 1909 Darmstädter Bezirksleiter des Centralvereins der Bildhauer Deutschlands. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, den er seit Ende 1925 an der Westfront mitmachte, begann Leuschner 1919 eine Gewerkschaftsbewegung aufzubauen, war hauptamtlicher Vorsitzender des ADGB in DA und von 1919 bis 1927 Stadtverordneter und Vorsitzender des Finanzausschusses. 1925 organisierte er aus Anlass des 30-jährigen Bestehens des Darmstädter Gewerkschaftskartells ein „Fest der Arbeit“ mit großem Festzug durch die Stadt. Als einer der Gründer der Darmstädter Volkshochschule erhielt er die Mitgliedsnummer 1. Der politischen Emanzipation der Arbeiterschaft, die seiner Meinung nach nur mit einer verbesserten Volksbildung einherging, widmete Leuschner auch einen großen Teil seiner Tätigkeit im Hessischen Landtag, in den er, seit 1914 SPD-Mitglied, 1924 gewählt wurde. 1924 bis 1933 gehörte er dem Theaterausschuss des Landtags an und setzte sich für den Erhalt des Landestheaters ein.

1928 wurde Leuschner zum hessischen Innenminister ernannt. Zu seinen Aufgaben gehörten die Beschäftigung mit sozialen Fragen wie dem Wohnungsbau und der Volksgesundheit ebenso wie Energie- und Verkehrspolitik und die Neuorganisation der Polizei. Daneben stand der Kampf gegen den aufstrebenden Nationalsozialismus im Zentrum seiner politischen Tätigkeit. Er stützte sich dabei auf zuverlässige Mitarbeiter wie seinen Pressesprecher Carlo Mierendorff und Staatsrat Ludwig Schwamb. Im Mai 1933 wurde Leuschner zunächst verhaftet, nach drei Tagen wieder freigelassen, um auf Druck der Nationalsozialisten auf der Internationalen Arbeitskonferenz in Genf, für die er Delegierter war, die internationale Anerkennung der Deutschen Arbeitsfront zu erreichen. Nachdem Leuschner dies verweigert hatte, wurde er im Juni erneut verhaftet und saß zwei Jahre in verschiedenen Zuchthäusern und Konzentrationslagern. Nach seiner Entlassung im Juni 1934 gründete er eine Firma zur Metallverarbeitung in Berlin und baute von hier aus ein gewerkschaftsnahes Widerstandsnetz auf, da er in Firmengeschäften unbehelligt im gesamten Reich unterwegs sein konnte. Er nahm auch Kontakt zum Kreisauer Kreis auf, in dessen Regierung er als Vizekanzler und Innenminister vorgesehen war. Nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler wurde er verhaftet, zum Tode verurteilt und am 29.09.1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Die Wilhelm-Leuschner-Straße im Johannesviertel und die Wilhelm-Leuschner-Schule in Bessungen halten in DA die Erinnerung an ihn wach. Die Hessische Landesregierung vergibt seit 1964 für besondere Verdienste um die demokratische Gesellschaft und ihre Einrichtungen die „Wilhelm-Leuschner-Medaille“, mit der 1966 auch Leuschners Frau Elisabeth und sein Sohn Wilhelm (1910-1991) ausgezeichnet wurden.

Lit.: Leithäuser, Joachim G.: Wilhelm Leuschner. Ein Leben für die Republik, Köln 1962; Wolfgang Hasibether: Ein Streiter für Einigkeit und Recht und Freiheit. Wilhelm Leuschner (1890-1944). In: Im Dienste der Demokratie. Die Trägerinnen und Träger der Wilhelm-Leuschner-Medaille, hrsg. von der Hessischen Staatskanzlei, Wiesbaden 2004, S. 13-37; Ulrich, Axel: Wilhelm Leuschner. Ein deutscher Widerstandskämpfer, Wiesbaden 2012; Darmstädter Ehrengräber, Darmstadt 2016 (Darmstädter Schriften 105), S. 127-129.