Stadtlexikon Darmstadt

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Unterirdische Gänge, Tunnel und Kellergewölbe

gibt es in DA aus allen Zeiten. Der wohl älteste Tunnel wurde vermutlich im 14. Jahrhundert im Zusammenhang mit der äußeren Stadtmauer errichtet. Es gibt Hinweise in der Literatur ohne genauere Angaben. Ein Teilstück wurde beim Bau der Tiefgarage des Fraunhofer-Instituts 1995 im Bereich des ehemaligen Gefängnisses gefunden. Nach einer Einmessung befand sich der aus Bruchsteinen rundbogig gemauerte Tunnel in einer Tiefe von ca. 4,50 m unter der Erdoberfläche und war im Verbund mit der äußeren Mauer hergestellt worden. Bei einer Länge von ca. 60 m und einer Breite von ca. 1 m war er 1,15 m hoch und an beiden Enden verschüttet. Ein zweiter Abschnitt von ähnlicher Größe in gleicher Lage zur Stadtmauer wurde im Oktober 2004 in der Baugrube des Wissenschafts- und Kongresszentrums (Kongressgebäude) bei archäologischen Grabungen festgestellt. Während die Mauer und der Turm aus dem 14.-15. Jahrhundert stammen, wird der Tunnel als Horchtunnel zur Verteidigung aus dem 16. Jahrhundert interpretiert.

Unterhalb der Alexander- und Dieburger Straße verläuft in bis zu 8 m Tiefe ein Tunnel, der ursprünglich vom Schloss bis zum Heiligen Kreuzberg verlaufen sein soll. Bekannt sind ein in den Felsen (Granodiorith) geschlagener Abschnitt zwischen der Stiftstraße bis zur Odenwaldbrücke mit einer Länge von knapp 600 m und ein kurzes Stück von etwa 20 m östlich der Odenwaldbrücke. Die jeweiligen Enden sind entweder zugemauert oder verschüttet. Der Tunnel hat eine schwankende Größe zwischen 0,80 und 1,20 m Breite und einer Höhe zwischen ca. 2,50 und 0,60 m. Seine Bauzeit und sein ursprünglicher Verwendungszweck sind nicht sicher bekannt, da keine schriftlichen oder zeichnerischen Quellen existieren. Vermutet wird auf Grund von Bearbeitungsspuren durch Sprengen mit Schwarzpulver eine Bauzeit im 17. Jahrhundert und eine Nutzung als Wassertunnel zur Verbesserung der Versorgung DAs mit Wasser aus östlich gelegenen Bachläufen, wie dem Molkenbrunnenbach.

Ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts haben Darmstädter Brauereien den Tunnel für ihre Zwecke genutzt: sie führten ihr Schmelzwasser aus den Kühlkellern durch den „Brauertunnel“ ab. In den Zeiten des stürmischen Wachstums DAs hatten die Brauereien in der Altstadt nicht mehr genügend Lagerplatz für das Bier, weshalb zwölf Brauereien sich am nördliche Hang der Mathildenhöhe niederließen und in den Felsen über 50 Kellergewölbe zur Bierlagerung schlugen (Felsenkeller). Die in ca. 8-10 m Tiefe angelegten Keller haben über das ganze Jahr eine gleichmäßige Temperatur von 8-10 Grad Celsius. Die beim Nachgärungsprozess des Bieres erforderlichen kälteren Temperaturen von ca. 4 Grad Celsius konnten mit Hilfe des im Großen Woog im Winter geschlagenen Eises, das in „Kühldomen“ gelagert wurde, erreicht werden.

Nach der Erfindung der Kühlmaschine Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Nutzung der Lagerkeller nach und nach aufgegeben. Im Jahr 1933 mietet die Darmstädter SA ein Kellersystem in der Dieburger Straße an und nutzte es als Kerker. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Keller als Luftschutzbunker (Luftschutzanlagen) ausgebaut. Heute stehen die Keller unter Denkmalschutz und sind bei Führungen teilweise zu besichtigen.

Lit.: Haupt, Georg: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Darmstadt, 2 Bde., Darmstadt 1952–54; S. 30-36; Kempe, Stephan u.a.: Der Darmstädter Granodiorit im Stollen unter der Dieburger Straße, Darmstadt 2001; Henschel, Horst-Volker / Kempe, Stephan: Darmstadts Unterwelt. Mit einem Beitrag zur Geschichte der Stadt Darmstadt von Peter Engels, 2. Auflage, Darmstadt 2009.