Stadtlexikon Darmstadt

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Brauereien
Brauerei „Zum Schützenhof“ in der Hügelstraße, um 1905, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Wahrscheinlich ist bereits im Mittelalter in DA Bier gebraut worden, auch wenn Belege dafür fehlen. Allerdings war das wichtigste Getränk bis ins 16. Jahrhundert hinein Wein (Weinbau). Bier wurde im Allgemeinen nur zur Selbstversorgung oder in geringen Mengen zum Verkauf über die Straße hergestellt. Landgraf Georg I. beauftragte 1573 einen Braugesellen aus Braunschweig mit der Errichtung einer Hofbrauerei, weil die Darmstädter Brauer seiner Meinung nach unfähig waren. Nach mehrfacher Verlegung der Brauerei, u. a. auf den Gehaborner Hof, braute man seit 1727 in der Brauerei „Zum Goldenen Brunnen“ in der Schlossgasse, die der aus Königstädten stammende Brauer Johann Bernhard Hessemer durch Umbau mehrerer alter Häuser errichtet hatte, für den Hof. Bekannt wurde die Brauerei unter dem Namen des späteren Besitzers Heinrich Schul. 1647 gab es in DA vier gewerbliche Bierbrauer, die sich gegen die private Konkurrenz zu einer Zunft zusammenschlossen, der später auch die Eberstädter Braumeister angehörten. Der Stadtrat verlieh die Braugerechtigkeit, kontrollierte die Braukessel und verkostete regelmäßig frisch gebrautes Bier. 1690 gab es in DA 10 Bierbrauer, 1715 waren es bereits 19. Obwohl diese Zahl gemessen an der Größe der Stadt schon zu groß war, wurden im 18. Jahrhundert weitere Brauereien gegründet: 1711 die Brauerei Zum Erbacher Hof, 1899 von Gabriel Grohe übernommen; 1742 die Brauerei Zum Schwarzen Adler, später Fay, 1756 die Wiener Kronenbrauerei.

Blick vom Hochzeitsturm über den Lucasweg auf die Dieburger Straße, rechts die Gebäude der Brauerei Karl Fay, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Im 19. Jahrhundert stieg die Zahl der Brauereien weiter, weil der Bierkonsum aufgrund der stark wachsenden Bevölkerung ständig zunahm und den vielen kleinen Brauereien – 1819 gab es 27 – die Existenz ermöglichte. Um größere Mengen vorrätig halten zu können, entstanden in dem geeigneten Erdreich unterhalb der Mathildenhöhe ausgedehnte Felsenkeller, in denen zwölf Brauereien ihr Bier bei konstant 8-10 Grad Celsius lagerten, u. a. Fay, Zum Halben Mond (Orlemann), Hanauer Hof (Dischinger), Wiener Kronenbrauerei, Zum Grünen Laub, Ankerbrauerei Valentin Wagner. Auch die Brauerei zur Eisenbahn (Darmstädter Privatbrauerei) lagerte vor 1876 ihr Bier an der Dieburger Straße. Mit der Entwicklung der ersten Brauereien zu industriellen Großbetrieben in der zweiten Jahrhunderthälfte setzte ein Konzentrationsprozess ein. Viele kleine Brauereien stellten ihren Betrieb ein (z. B. Bayrischer Hof am Ballonplatz, Goldene Kette in der Obergasse, Halber Mond) oder wurden übernommen, etwa die Brauereien Schützenhof und Hessischer Hof von Rummel, die Brauerei Dischinger in der Saalbaustraße von der Brauerei Heß (Hannibal). 1930 gab es noch sieben Brauereien, sechs überstanden den Zweiten Weltkrieg, der das Brauereiviertel zu großen Teilen zerstörte und den Brauereien durch die Zerstörung vieler Gastwirtschaften traditionelle Absatzstätten nahm. Die Brauerei Karl Fay wurde 1955 von der Brauerei Apostelbräu in Worms übernommen, die Ankerbrauerei 1972 von Schmucker. Der 1956 neu eröffnete Brauereiausschank des Anker an der Landgraf-Georg-Straße schloss seine Pforten im Mai 1992. Die Wiener Kronenbrauerei stellte ihren Betrieb 1963 ein. Heute sind nur noch die Traditionsunternehmen Grohe und Darmstädter Privatbrauerei übrig, zu denen seit einigen Jahren die Ratskeller-Brauerei hinzugekommen ist. Auch die Brauereien in den Stadtteilen Bessungen (Georg Ganß, Bessunger Kirchstraße, und Lauteschläger, Bessunger Schulstraße), Arheilgen (Brauerei August Benz) und Eberstadt (fünf Brauereien, darunter: Brauerei Bauer, Mühltalstraße, Brauerei Diefenbach/Hilsz, Heidelberger Straße, Brauerei zum Schützenhof) erlebten ihre Blütezeit allesamt im 19. Jahrhundert und hatten bereits vor dem Zweiten Weltkrieg den Betrieb eingestellt.

Lit.: Rick, Kevin: Zwischen Bierboom und Brauerei-Boykotten. Geschichte der hessischen Brauereien 1871-1941, Darmstadt 2014 (Schriften zur Hessischen Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte Bd. 13).