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Frauenbewegung

Vorrangiges Ziel der frühen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert war die Verbesserung der Mädchenbildung und die Zulassung der Frauen zur Berufstätigkeit. In DA lebten und arbeiteten zwei bedeutende Vorkämpferinnen der Frauenemanzipationsbewegung, Louise Dittmar und Luise Büchner. Während Louise Dittmar in ihren Schriften und Vorträgen (1844-49) eine radikale Wandlung im Geschlechterverhältnis forderte, verlangte Luise Büchner in ihrem Buch „Frauen und ihr Beruf“ (1855) die Einführung eines obligatorischen Schulunterrichts für Mädchen bis zum 18. Lebensjahr und einen verbesserten Handarbeitsunterricht, da sie in der weiblichen Handarbeit eine der wichtigsten Erwerbsquellen für Frauen sah. Luise Büchner war eine der engsten Mitarbeiterinnen der Erbgroßherzogin Alice bei der Gründung der Alice-Frauenvereine im Jahr 1867, die sich zum Ziel gesetzt hatten, Frauen v. a. im Gesundheits- und Bildungswesen eine Berufsausbildung zu ermöglichen. 1872 fand in DA die erste ordentliche Generalversammlung des 1869 gegründeten „Verbandes deutscher Frauenbildungs- und Erwerbsvereine“, der so genannten Lette-Vereine statt. Auf dieser Konferenz forderten die Delegierten die Zulassung der Frauen zu Post-, Eisenbahn- und Telegrafendiensten, die Ausweitung der weltlichen Krankenschwesterausbildung, die Einrichtung von Kindergärten auf der Basis der Fröbel’schen Erziehungslehre sowie die Einstellung von Frauen als Lehrerinnen in höheren Mädchenschulen. Auf Einladung der Vorsitzenden des Vereins der Lehrerinnen zur Gründung eines Heims, Lilli Wohlfskehl, fand 1895 die 3. Generalversammlung des von Helene Lange gegründeten „Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins“ in DA statt. Diskutiert wurde u. a. über die wissenschaftliche Ausbildung von Lehrerinnen, die Errichtung von Stipendien für Studentinnen (Studium von Frauen) und die Verbesserung der Stellenvermittlung.

Nach 1900 gründeten Darmstädter Frauenvereine zahlreiche Beratungsstellen für Frauen und Mädchen. Für die politische Gleichberechtigung der Frauen trat neben den Mitgliedern des 1907 gegründeten „Frauenvereins für Stimmrecht“ v. a. die SPD ein. Sie organisierte im Gewerkschaftshaus am 19.03.1911 eine Versammlung zum Internationalen Frauentag, an der zahlreiche Darmstädterinnen teilnahmen. Hauptforderung dieser Versammlung war die Einführung des Frauenwahlrechts. Nach der Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen im November 1918 wurden bei den ersten demokratischen Gemeindewahlen im Januar 1919 fünf weibliche Stadtverordnete in die Stadtverordnetenversammlung gewählt: Karoline Balser (Deutsche Demokratische Partei), Elise Lack, Elisabeth Kern (SPD), Luise Schweisgut und Minna Brückner (Deutsche Volkspartei). In der Weimarer Republik waren Frauen v. a. im Bereich der Wohlfahrtspflege aktiv. Den Vorsitz der 1920 gegründeten Arbeiterwohlfahrt hatte die SPD-Politikerin Elisabeth Kern inne. Die Stadt- und Landtagsabgeordnete Karoline Balser organisierte mehrere Hilfsaktionen zur Unterstützung von verarmten Familien. Die ersten weiblichen Abgeordneten des Hessischen Landtags stellten zwischen 1919 und 1933 im Parlament des Volkstaats Hessen zahlreiche Anträge im Interesse der Frauen. Nach 1933 kam auch in DA die Frauenbewegung zum Stillstand.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebte Frauenbewegung in DA verfestigte sich in einem Nebeneinander von staatsbürgerlichen Frauenvereinen und Frauengruppen in Parteien, Gewerkschaften und Kirchen. In den 1970er Jahren entstanden infolge der Neuen Frauenbewegung autonome Frauengruppen, die sich der Themen annahmen, die zuvor wenig im Blickpunkt standen, z. B. Gewalt gegen Frauen und sexueller Missbrauch. So trugen Frauen aus der autonomen Frauenbewegung u. a. zur Gründung des Darmstädter Frauenhauses, des sefo (früher Frauenselbsthilfe- und Fortbildungszentrum, heute: Frauenkompetenzzentrum) oder des Frauenkommunikations- und Kulturzentrums bei. Die Themen der autonomen Frauengruppen in den 1970er und 1980er Jahren umfassten u. a. das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, Gewaltfreiheit, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Frauenbildung und Friedensbewegung (Frauen für Frieden). Die Aktualität dieser Themen hat sich nicht verringert, zusätzlich steht seit den 1990er Jahren zunehmend die Bildung von Frauen-Netzwerken im Mittelpunkt, in denen Frauen Bedürfnisse, Kenntnisse und Fähigkeiten stärker als bisher bündeln können. Ein weiteres Thema der Chancengleichheitspolitik ist die Umsetzung des europaweiten Gender-Mainstreaming-Prinzips in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Lit.: Häntschke, Ruth / Koch-Schäfer, Kirsten / Obermüller, Barbara (Hg.): Darmstädterinnen im Aufbruch. Autonome Frauenprojekte der letzten Jahrzehnte, Darmstadt 2018.