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Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e. V. (EFHN), Landesverband

(bis 2005 Evangelische Frauenhilfe) Als Dachverband mit 370 Mitgliedsgruppen, 18 Frauenverbänden und 350 Einzelmitgliedern ist der Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e. V. Stimme evangelischer Frauen auf dem Gebiet der EKHN. Er setzt politische und spirituelle Impulse mit frauenspezifischer Kompetenz und ist eingebunden in die weltweite Ökumene. Mit seinen vier Evangelischen Familien-Bildungsstätten in Wiesbaden, Gießen, Offenbach und der Wetterau mit rund 30.000 Teilnehmenden jährlich ist der Landesverband der größte Anbieter für evangelische Familienbildung in Hessen.

Der Hessische Zweig des Landesverbands wurde 1907 in Darmstadt, die Nassauische Frauenhilfe 1900 in Wiesbaden gegründet. Anlass war 1897 ein Aufruf von Kaiserin Auguste Viktoria, Frauengruppen zu gründen, um der Not, die durch die Industrialisierung wuchs, begegnen zu können. Vereinszweck der regionalen Frauenhilfegruppen war das gemeinsame Bibellesen, Armenfürsorge und Krankenpflege. Der Hessische Verband ermöglichte Frauen eine praktische Ausbildung im Darmstädter Elisabethenstift, Frauenhilfegruppen eröffneten Pflegestationen und Kindergärten in Hessen. Ab 1928 betrieb der Hessische Verband ein Müttererholungsheim in Trautheim, ab 1933 ein zweites in Eppstein, das zum Nassauischen Verband gehörte.
Im Nationalsozialismus wurden Kleinkinderschulen und Pflegestationen von der NS-Frauenschaft übernommen, Frauenhilfegruppen durften sich nur noch zum Bibelstudium treffen. In manchen Gruppen wurde phantasievoll Widerstand geleistet, andere waren konform mit dem Regime. Von 1936 bis 1938 hatten der Hessische und der Nassauer Verband mit Julie Haeraeus eine gemeinsame Vorsitzende, danach arbeiteten beide Verbände wieder eigenständig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Verbandsarbeit neu aufgebaut werden, 1947 erfolgte der endgültige Zusammenschluss beider Verbände. Helene Storck, die in Birkenau die Bekennende Kirche (Kirchenkampf) organisiert hatte, wurde für zehn Jahre Vorsitzende des Verbands. Elly von Kuhlmann, seit 1938 Vorsitzende von Nassau, gehörte ab 1950 wieder dem Vorstand an. Sie initiierte 1949 in Wiesbaden den ersten „Weltgebetstag der Frauen“ (WGT) in Hessen zusammen mit amerikanischen Frauen. 1955 wurde der Verband Mitglied des neu gegründeten Müttergenesungswerks. Das Mütterkurheim in Trautheim erhielt 1973 einen Neubau, damit wurde der Verband zu einem der ersten Anbieter von Mutter-Kind-Kuren in Deutschland. Deutschlandweit wurden einmalig Sonderkuren für behinderte Mütter und Mütter mit behinderten Kindern angeboten, bis 1984 das Mütter-Kind-Kurhaus verkauft werden musste.
Nach 1955 entwickelte sich Bildungsarbeit zu einem neuen Schwerpunkt. Neben Bibelseminaren wurden Mütterschulen gegründet, die Vorläufer der heutigen Ev. Familien-Bildungs-Stätten. In den 1970er Jahren politisierte sich die Verbandsarbeit. Der § 218 wurde Thema, die Ausbildung ehrenamtlicher Kontakt-/Begleitpersonen in Zusammenarbeit mit der Stiftung für das Leben folgte. Seit 1976 beschäftigt der Verband Gemeindepädagoginnen, die im Gebiet der EKHN ehrenamtlich engagierte Frauen und Frauengruppen beraten und fortbilden. Ein anderer Schwerpunkt ist der WGT, der seit 1978 in ökumenischen Teams vorbereitet wird, deren Informationen sich jährlich im Schneeballsystem innerhalb der Gemeinden der Landeskirche verbreiten. Die EKHN hat den Verband mit einem Kooperationsvertrag beauftragt, die Frauenarbeit der Landeskirche zu gestalten.

Mit gesellschaftspolitischen Stellungnahmen bringt der Verband die frauenspezifische Sicht in aktuelle Debatten ein und schaut auf die Themen, die Frauen in besonderer Weise betreffen: Integration, Migration, Menschenrechte, Gesundheit und Sexualität sowie die Auswirkungen der Globalisierung auf Frauen und Familien. Die vier Ev. Familien-Bildungsstätten des Landesverbands bieten ein breites Angebot an Kursen, Veranstaltungen und Qualifizierungsmaßnahmen an. Hier ist der Verband präventiv tätig und unterstützt Frauen und Familien dabei, sich in immer schneller verändernden Wirklichkeiten zurecht zu finden. Die spirituellen und geistlichen Angebote des Verbands – neben dem WGT sind das zum Beispiel die Andachten für von Brustkrebs betroffene Frauen im Rahmen der „Aktion Lucia – Gib uns mehr Licht!“, die Werkstatt Feministische Theologie oder der von Frauen gestaltete Gottesdienst zum zweiten Advent – schaffen Raum für Solidarität, Austausch und Vernetzung und unterstützen die ehrenamtlich engagierten Frauen in den Regionen.

Das Katharina-Zell-Haus in der Erbacher Straße beherbergt seit 1994 die Geschäftsstelle des Verbands, der insgesamt rund 70 Mitarbeiterinnen beschäftigt.

Lit.: Sichtbar – unverzichtbar, Eine besondere Zeitreise zum Doppeljubiläum am 25.10.1997, Evangelische Frauenhilfe in Hessen und Nassau e. V.; 100 Jahre … auf gutem Kurs: Evangelische Frauen in Hessen und Nassau und ihre Geschichte, Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e.V., Darmstadt 2007.