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Jürgen Wuchner
Jürgen Wuchner, Jazz Conceptions 2012, Foto: Wilfried Heckmann

Jazzmusiker, Kontrabassist, Komponist
* 22.01.1948 Kleinostheim
† 01.05.2020 Darmstadt
Jürgen Wuchner begann nach dem Abitur ein Studium an der Akademie für Tonkunst Darmstadt. Bereits in den 1960er Jahren trat er als Bassist diverser Rock- und Tanzkapellen in den Clubs der US-Armee zwischen Aschaffenburg und Darmstadt auf. Seit Ende der 1960er Jahre war er als Teil der lebendigen Jazzszene Frankfurts regelmäßig zu Gast im dortigen Jazzkeller und spielte mit Musikern wie Albert Mangelsdorff oder Heinz Sauer. In den frühen 1970er Jahren wurde er festes Mitglied der Band des österreichischen Saxophonisten Hans Koller, wirkte bis in die frühen 1980er Jahre auch als Kontrabassist des Vienna Art Orchestra. Er spielte Ende der 1970er Jahre in der Band des Trompeters und Flügelhornisten Herbert Joos, in den Mitt-1980ern mit dem Münchner Saxophonisten Günther Klatt, wirkte in Frankfurt oft als Gast in Aufnahmen des Jazzensembles des Hessischen Rundfunks mit, war außerdem ein gefragter Studiomusiker für Rundfunk und Fernsehen und gastierte mit wechselnden Gruppen bei zahlreichen internationalen Festivals.

Jürgen Wuchner war ein Kontrabassist mit erdigem Ton, ein immer präsenter Musiker, der sich jedoch nie in den Vordergrund stellte. Seine Musik verband die Tradition des afro-amerikanischen Jazz mit eher freierer Improvisation. Als eines seiner Vorbilder war in seinem Bassspiel genauso wie in seiner Kompositionssprache der Kontrabassist Charles Mingus durchzuhören; zugleich klingt seine Auseinandersetzung mit der klassischen und der Neuen Musik durch, die er in Darmstadt zur Genüge hören konnte, sowie Einflüsse diverser Reisen, etwa in den Senegal, wo er zwischen 2009 und 2012 einen Teil des Jahres lebte. Seine eigenen Projekte reichen von Duo- und Triobesetzungen, die mal Standards des modernen Jazz spielen, mal mit völlig freier Improvisation experimentieren, bis hin zu größeren Bands, die auf die speziellen klanglichen Ideen seiner Kompositionen abgestimmt waren. Da gab es in den 1980er Jahren das String Project mit zwei Streichern, Kontrabass, Piccolo-Bass und Schlagzeug, Ende der 1990er Jahre ein Trio aus drei, im Herbst 2018 dann ein Quintett aus fünf Bassisten, seit 2010 außerdem das Quartett Deep Talking mit Bassklarinette, Akkordeon, Kontrabass und Schlagzeug. Mit letzteren verwirklichte er auch literarische Projekte etwa zu James Joyce's "Ulysses", das er in der Romanfabrik Frankfurt in einem gemeinsamen Programm mit der Schauspielerin Hannelore Elsner realisierte, oder zu Gedichten des senegalesischen Dichters Leopold Senghor. Es gab die Band United Colors of Bessungen, die in Oktettbesetzung mit zwei Schlagzeugern vor allem Kompositionen Wuchners spielte, sowie über den Jazz hinaus weisende Projekte wie Wuchners "Konzert für Kammerorchester, Tuba und Schlagzeug", das im Dezember 2015 zusammen mit dem Kammerorchester der TU Darmstadt uraufgeführt wurde. Egal, was er spielte, ob amerikanische Standards, Stücke von Kollegen oder Eigenkompositionen: Wuchner verstand sich als unterstützende Basis der Band, war dabei zugleich ein verlässlicher Solist mit sicherem, warmem, dabei selbst in konventionellen Situationen gern das Experiment andeutendem Ton.

Neben seinen vielfältigen Konzertaktivitäten war Wuchner ein weithin geschätzter Pädagoge, Mentor, Ermutiger und Ermöglicher kreativer Projekte. Seit den 1980er Jahren leitete er in Darmstadt und Frankfurt, zwischenzeitlich auch in Dortmund, Workshops, deren Teilnehmer ganz unterschiedliche Spielerfahrungen und technisches Können mitbrachten. Wuchner vermittelte ihnen, dass sich technische Probleme oft aus dem Spaß des Musikmachens heraus lösen lassen. Seine Workshops waren Brutstätten für neue Bandprojekte, sie ermutigten aufstrebende Musikerinnen und Musiker wie enthusiastische Amateure dazu, über sich hinauszuwachsen, sich an Dinge zu wagen, mit denen sie bislang nicht vertraut waren. 1992 gründete Wuchner die in Zusammenarbeit mit dem Jazzinstitut Darmstadt und dem Kulturzentrum Bessunger Knabenschule durchgeführten Darmstädter Jazz Conceptions, einen jährlichen Ensemble-Workshop, den er bis zu seinem Tod als künstlerischer Leiter betreute. Mitte der 1990er Jahre gründete Wuchner zusammen mit dem Pianisten Uli Partheil die Jazz & Pop School Darmstadt als einen Pool unterrichtender Musikerinnen und Musiker. Als bald darauf die Akademie für Tonkunst sich dem Jazz gegenüber öffnete, wurde Wuchner dort zusätzlich mit einem Lehrauftrag betraut, den er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2013 innehatte.

Jürgen Wuchner war Mentor für ganze Generationen jüngerer Musiker, den Vibraphonisten Christopher Dell etwa und den Pianisten Uli Partheil, aber auch den Tubisten Ole Heiland und die weiteren Mitglieder der Band Basstubation. Jürgen Wuchners Arbeit machte ihn zu einer Art Integrationsfigur für die Darmstädter Jazzszene quer durch die Stile, als Künstlerpersönlichkeit genoss er daneben weit über die Musikszene hinaus hohes Ansehen. 1996 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Vereins zur Förderung des Zeitgenössischen Jazz in Darmstadt (kurz: Förderverein Jazz), der bis heute insbesondere im Bereich aktueller und experimenteller Spielarten des Jazz Konzerte und Festivals veranstaltet. Bei einem dieser Festivals erhielt Wuchner 1996 den Hessischen Jazzpreis, wurde außerdem 2012 mit dem Darmstädter Musikpreis und 2017 mit der Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Wissenschaftsstadt Darmstadt ausgezeichnet.

Tonträger-Veröffentlichungen (Auswahl): Hans Koller Quartett: "For Marcel Duchamp" (MPS 68171), 1976; Jürgen Wuchner Quintett: "Piece for Mouth" (Pläne G0042), 1978; Vienna Art Orchestra: "Tango from Obango" (Art Record 1002), 1979; Part of Art: "Moebius" (Sesam Jazz 1005), 1981; Vienna Art Orchestra: "From No Time to Ragtime" (hat Art 1999/2000), 1982; "Jürgen Wuchner String Project" (Blue Flame 40091), 1987; "Jürgen Wuchner Quintet" (JWJ 6931), 1992; Jürgen Wuchner Group: "Chambermusic" (JWJ 5962), 1996; Rudi Mahall & Jürgen Wuchner & Uli Jenneßen: "Fables Of Faubus & To Us" (JWJ 9983), 1998; Jürgen Wuchner: "J.E.W. and the African Xang"(JWJ 5004), 2000; "United Colors of Bessungen" (JWJ 6026), 2001; "Jürgen Wuchner Group feat. Harry Beckett" (JWJ 6047), 2004; Bob Degen & Jürgen Wuchner & Janusz Stefanski: "Degen Wuchner Stefanski" (JWJ 8087), 2008; Jürgen Wuchner Quartett: "The Continued Tales Of Ulysses" (JWJ 12098), 2009; United Colors of Bessungen: "Heimspiel" (JWJ 11310), 2012; Jürgen Wuchner: "Jazzsuite für Tuba, Kammerorchester und Schlagzeug" (JWJ 041611), 2015)