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Plagge, Karl
Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Ingenieur
* 10.07.1897 Darmstadt
† 19.06.1957 Darmstadt
Karl Plagge wurde 1897 als Sohn des Sanitätsoffiziers Theoderich Plagge (1862-1904) und seiner Ehefrau Mareike geb. Bechtold geboren. Unmittelbar nach dem Abitur am Ludwig-Georgs-Gymnasium als Fähnrich zum Infanterie-Regiment 116 einberufen, wurde Plagge ab 1916 als junger Leutnant in den schweren Schlachten um Verdun, an der Somme und in Flandern eingesetzt. Er geriet 1917 in britische Kriegsgefangenschaft, in der er schwer an Kinderlähmung erkrankte und aus der er erst 1919 frei kam. Vom Wintersemester 1919/20 bis zu seinem Diplomabschluss im September 1924 studierte er an der TH Darmstadt (TU Darmstadt) Maschinenbau mit Schwerpunkt Chemische Technologie. Nach einer Phase der Arbeitslosigkeit absolvierte er eine Zusatzausbildung in medizinischer Chemie an der Universität Frankfurt am Main. 1934 wurde er zunächst auf Teilzeitbasis als beratender Ingenieur und später als leitender Ingenieur bei der Maschinenfabrik Hessenwerke GmbH in DA angestellt.

Aufgrund seiner schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse war Plagge bereits im Dezember 1931 der NSDAP beigetreten. Freundschaftliche Verbindungen zu Juden und Freimaurern und Entsetzen über die rassistischen Methoden des NS-Regimes entfremdeten Plagge bis 1938 der Partei völlig. Als Reserveoffizier der Wehrmacht erhielt er im Juni 1941 den Auftrag, in Wilna/Litauen einen Heereskraftfahrpark aufzubauen und zu leiten. Hier wurde er Zeuge der ersten und brutalsten Phase der Judenvernichtung in den besetzten Gebieten der damaligen Sowjetunion. In seinem militärischen Servicebetrieb beschäftigte Plagge hunderte jüdischer Arbeiter und kämpfte unter persönlicher Gefahr mit den äußersten legalen Mitteln und darüber hinaus, um sie mit ihren Angehörigen vor dem Völkermord zu bewahren und ihnen menschenwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Als seine Einheit Ende Juni 1944 den Rückzugsbefehl bekam, warnte er seine Arbeiter, er müsse sie nun der Gewalt von SS und SD überlassen. Dank seiner Hilfe entgingen 200 bis 250 seiner jüdischen Schützlinge dem Holocaust. Plagge ließ sich im Entnazifizierungsverfahren 1947 auf eigenen Wunsch als „Mitläufer“ einstufen, obwohl er von der Spruchkammer als „Entlasteter“ eingestuft werden sollte. Am 19. Juni 1957 starb Karl Plagge in DA an Herzversagen. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Alten Friedhof in DA.

Überlebende aus Wilna und deren Nachkommen, die heute in aller Welt verstreut sind, sehen in dem ungewöhnlichen Verhalten von Karl Plagge ein Vorbild moralischen und aktiven Widerstands gegen Unmenschlichkeit. Ihre und die Recherchen von Marianne Viefhaus haben um das Jahr 2000 herum dazu geführt, dass das Verhalten von Karl Plagge wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangte. Im Alten Hauptgebäude der TU Darmstadt erinnert seit 2003 eine von Ariel Auslender gestaltete Gedenktafel an diesen mutigen, human handelnden ehemaligen Studierenden der TH Darmstadt. Im Juli 2004 hat die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Plagge als „Gerechten unter den Völkern“ anerkannt, die höchste Ehrung, die der Staat Israel an Nichtjuden verleiht. Seit 2003 ist die Plaggestraße auf dem Gelände des ehemaligen Eisenbahn-Ausbesserungswerks nach ihm benannt. Am 10. Februar 2006 wurde die ehemalige Frankenstein-Kaserne in Pfungstadt bei DA in Major-Karl-Plagge-Kaserne umbenannt. An diesem Tag wurde zudem auf dem Schulhof des Ludwig-Georgs-Gymnasium eine Büste zu Ehren von Plagge aufgestellt.

Lit.: Wette, Wolfram (Hg.): Zivilcourage. Empörte, Helfer und Retter aus Wehrmacht, Polizei und SS, Frankfurt/Main 2004; Good, Michael: Die Suche. Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete, Weinheim und Basel 2006.