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Jablon, Robert
Foto: Privatbesitz

(bis Ende 1930er Jahre Jablonski)
Jurist, Bankdirektor
* 29.04.1909 Paris
02.03.2008 Paris
Robert Jablonskis Vorfahren flüchteten im 19. Jahrhundert von Poznan (Polen) nach Berlin. 1894 ließ sich sein Vater Hugo in Paris nieder, wo Robert seine ersten Lebensjahre verbrachte. Während eines Sommerurlaubs in der Schweiz wurde die Familie vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht und konnte aufgrund ihrer deutschen Staatsbürgerschaft nicht nach Paris zurückkehren. Während sein Vater Hugo – in Paris enteignet – vom deutschen Militär zum Kriegsdienst eingezogen wurde, fanden der fünfjährige Robert und seine Mutter Lucie bei ihrer Darmstädter Verwandtschaft Zuflucht. Dort wurde im Jahr 1915 Roberts Schwester Alice geboren. Die Familie erlebte in DA die Vorzüge einer weltoffenen Pension am Woog, in der u. a. der Nobelpreisträger Gerhard Herzberg lebte, und in der prominente Freunde, darunter Karl Freund, Mary Wigman und Rabindranath Tagore ein und aus gingen. 1916 besuchte Robert Jablonski das Realgymnasium in DA.

Nach der Demobilisierung des Vaters zog die Familie 1919 nach Köln, wo sie erstmals mit heftigen antisemitischen Anfeindungen konfrontiert wurde. Als Gegenreaktion legte er 1922 seine Bar Mizwa in der Liberalen Synagoge in Köln ab. Nach dem Abitur in Berlin studierte Jablonski Jura in Freiburg und Berlin und verbrachte die Sommerferien fast immer in DA. Ursprünglich pazifistisch orientiert, arbeitete Jablon bis 1930 für die SPD Reichstagsfraktion unter Leitung Rudolf Breitscheids. 1932 gelang ihm in seinem Referendariat ein spektakulärer Erfolg: der Freispruch Carl von Ossietzkys im Weltbühne-Prozess. 1933 verlor er seine Anstellung. Als Mitglied der von Walter Loewenheim begründeten linkssozialistischen Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“ landete er weit oben auf der Sonderfahndungsliste der Gestapo. 1935 musste er ins Exil nach Prag und Paris fliehen, wo er journalistisch arbeitete.
Alarmiert durch die Novemberpogrome 1938 wurde unter der Schirmherrschaft von Germaine de Rothschild das „Komitee für jüdische Kinder Deutschlands und Zentraleuropas“ ausgebaut. Jablon fand als Generalsekretär dieses Komitees mittels überkonfessioneller Vernetzung diplomatische Wege, um die Ausreise der Kinder zu organisieren und mit Hilfe der Familie Rothschild zu finanzieren. Deren Schloss
La Guette diente als Zufluchtsort für Kinder und Pädagogen (darunter auch Ernst Jouhy). Ab März 1939 konnten ca. 130 jüdische Kinder nach Amerika ausreisen. Nach der Besetzung Frankreichs 1940 durch die Deutschen baute Robert Jablon seine Aktivitäten im Widerstand aus, bis er 1942 in die neutrale Schweiz fliehen musste, wo er mit seiner Frau Eva ein Jahr lang – als „unerwünschte Ausländer“ – in einem Zwangslager interniert wurde. Seine Darmstädter Verwandten, die im Herbst 1939 nach Frankreich geflohen waren, wurden – teilweise nach Internierung im Lager Gurs – am 09.09.1942 und am 03.11.1942 über Drancy nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Seit 2012 erinnern drei Stolpersteine in der Heidenreichstraße am Woog an das Schicksal seiner Großmutter Caroline Straus, seiner Tante Hedwig Juda und seiner Cousine Liese Juda. Im Wissen um das Morden der Nationalsozialisten publizierte Jablon 1944 im Schweizer Exil die aufklärerische Schrift „La lutte des juifs contre les nazis“, um – auch von jüdischer Seite – zum bewaffneten Widerstand gegen den Völkermord aufzurufen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Robert Jablon mit seiner Frau Eva und ihrem im März 1944 in Genf geborenen Sohn Pierre nach Paris zurück. Jablon arbeitete nach dem Krieg über 30 Jahre in Paris als Direktor der Rothschild-Bank. Für seine Verdienste als „Kinderretter von La Guette“ erhielt der 90-Jährige 1999 das Bundesverdienstkreuz.

Lit.: Liebenthal, Alice: Keine Sicherheit für Juden in Frankreich.In: Neumann, Moritz und Eva Reinhold-Postina (Hgg.): Das zweite Leben. Darmstadt 1993, S. 141-145; Loewenheim, Walter: Geschichte der Org „Neu Beginnen“ 1929 – 1935. Eine zeitgenössische Analyse. Hrsg. von Jan Foitzik, Schriftenreihe der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Reihe B: Quellen und Berichte, Hrsg. von Peter Steinbach und Johannes Tuchel, Bd. 1, Berlin 1995; Les enfants de La Guette. Souvenirs et documents (1938 –1945), édiè par Centre De Documentation Juive Contemporaine. Paris, 1999; Jablon, Robert, Quellenouëlle-Corre, Laure et André Straus: Politique et finance à travers l ́Europe du XXème siècle. Entretiens avec Robert Jablon. Bruxelles: Peter Lang 2009; Stolpersteine in Darmstadt, hrsg. von Jutta Reuss und Dorothea Hoppe, Darmstadt 2013, S. 122-124; Gass, Leah: Auf den Spuren Darmstädter Juden, die in Auschwitz ermordet wurden. LK Geschichte, Lichtenbergschule Darmstadt 2016; http://ls.cabacos.de/_obj/AB80BBB6-FCFC-42B7-9659-4F7FCEF03BA5/inline/EF-Quellen-und-Literaturliste-Jablon-Prezi-2017.pdf (s.a. StadtA Darmstadt ST62 1/b3).