Stadtlexikon Darmstadt

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Martinsviertel
In der Gaststätte „Zur Spitz“ Ecke Arheilger und Pankratiusstraße verkehrten die zahlreichen Fuhrunternehmer des Martinsviertels; Aufnahme 1936, Foto: Ernst Luckow, Stadtarchiv Darmstadt

Das im Nordosten DAs gelegene Martinsviertel entwickelte sich aus der nach 1590 ausgebauten Alten Vorstadt und der seit Ende des 18. Jahrhunderts zunächst für Gardisten erschlossenen, später von den Handwerkern und Bauern bewohnten Pankratiusvorstadt. Im Volksmund wird das Quartier auch als „Watzeviertel“ bezeichnet, da sich hier der Faselstall mit dem städtischen Eber, dem „Watz“, befand. Eine sprunghafte Entwicklung nahm das Martinsviertel im 19. Jahrhundert. Im Rahmen einer biedermeierlichen Stadterweiterung dehnte sich das Viertel im Südosten bis zur Kranichsteiner Straße aus. Infolge der Industrialisierung legte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, v. a. in der Zeit nach dem Bau der namengebenden Martinskirche zwischen 1883 und 1885, ein Ring aus kleinbürgerlichen Häusern um die Alte Vorstadt. In den 1890er Jahren wurde das noch unbebaute Gebiet zwischen Frankfurter Straße und Hohlem Weg bis zur Odenwaldbahntrasse zur Bebauung freigegeben; es entstanden bis 1908 Häuser der Gründerzeit mit meist viergeschossiger geschlossener Blockbauweise und historistischen Fassaden. Entgegen den Erwartungen der Bauspekulanten stieg die Bevölkerungszahl in DA jedoch nur langsam. Die Mietpreise sanken, zahlreiche Wohnungen standen sogar leer, sodass die Gegend bald als Hypothekenfriedhof bezeichnet wurde.

Zwischen den Weltkriegen kam es wieder zu einer verstärkten Bautätigkeit. Auf bisher noch unbebauten Flächen des Viertels entstanden von gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften und der Stadt finanzierte Wohnblocks wie die Bauten am Friedrich-Ebert-Platz oder die Wohnzeilen an Rhön- und Spessartring, die das Viertel heute nach Norden abschließen. Auch das Martinsviertel blieb von den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg nicht verschont, dennoch haben sich weite Teile der historischen Bausubstanz erhalten. Seit den frühen 1970er Jahren ist das Viertel nach dem Städtebauförderungsgesetz Sanierungsgebiet. Der Bau der Osttangente, die das städtebauliche Gefüge eingreifend verändert hätte, konnte, auch mit Hilfe der Advokatenplanung, verhindert werden.

Lit.: Zimmer, Werner u. a. (Hrsg.): 400 Jahre Darmstädter Martinsviertel. Geschichte und Leben eines Stadtteils 1590-1990, Darmstadt 1989; Walz, Karin: Das Martinsviertel. Eine Zeitreise durch einen lebendigen Darmstädter Stadtteil, Darmstadt 2013; 425 Jahre Martinsviertel. Hrsg. vom Bezirksverein Martinsviertel, Darmstadt 2015.