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Keyserling, Hermann Graf
Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Lebens- und Kulturphilosoph
* 20.07.1880 Könno/Livland
† 26.04.1946 Innsbruck
Hermann Graf Keyserling wurde durch sein „Reisetagebuch eines Philosophen“ (1918) bekannt und kam 1919 mit seiner Frau Goedela, geborene von Bismarck, nach DA, um im Auftrag des ehemaligen Großherzogs Ernst Ludwig eine Art „Philosophen-Kolonie“ ins Leben zu rufen. 1920 gründete Keyserling eine „Gesellschaft für Freie Philosophie“ und eröffnete die „Schule der Weisheit“. Mit diesem Institut, das mit Tagungen, Exerzitien und philosophischer Lebensberatung weit über die Grenzen Deutschlands bekannt wurde, strebte Keyserling eine kulturelle Erneuerung unter dem Leitmotiv einer Rehabilitation der Philosophie als Weisheit an. Die von Keyserling initiierte Tagore-Woche (1921) und andere von ihm ‚orchestrierte‘ Jahrestagungen waren der interkulturellen und interdisziplinären Begegnung verpflichtet und führten zahlreiche Persönlichkeiten des Geisteslebens nach DA, darunter Carl Gustav Jung, Max Scheler, Richard Wilhelm, Leo Baeck, Leo Frobenius, Hans Driesch und Ernst Troeltsch. Keyserling führte eine umfangreiche internationale Korrespondenz und begab sich als Leiter der Darmstädter „Schule der Weisheit“ auf Vortragsreisen durch Europa sowie Nord- und Südamerika. Mit zahlreichen Büchern (u. a. Das Spektrum Europas (1928), Amerika – Der Aufgang einer Neuen Welt (1930), Südamerikanische Meditationen (1932), Das Buch vom Ursprung (1947), Reise durch die Zeit (Autobiografie, 3 Bde 1948-63)), darunter zwei Schriftenreihen und mehrere fremdsprachige Originale, einer regen Vortragstätigkeit und hunderten von Aufsätzen prägte Keyserling den kulturellen Dialog und avancierte zu einem der populärsten Philosophen der Weimarer Republik.

Zu Beginn der 1930er Jahre trat er in offene Opposition zum Nationalsozialismus. Sein öffentliches Wirken wurde nach 1933 mit Rede-, Ausreise- und Publikationsverboten unmöglich gemacht. 1939 musste Keyserling, eine Inhaftierung fürchtend, DA für immer verlassen. Sein Haus am Prinz-Christians-Weg 4, in dem auch die Söhne Manfred (1920-2008) und Arnold (1922-2005) aufwuchsen, wurde 1944 zerstört. Goedela Gräfin Keyserling (1896-1981) trat nach Keyserlings Tod zunächst in Innsbruck als Verwalterin seines Nachlasses und Herausgeberin seiner Schriften hervor. Sie kehrte 1965 nach DA zurück und hinterließ der Stadt eine der umfangreichsten Nachlass-Sammlungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Hermann-Keyserling-Archiv, Depositum in der Universitäts- und Landesbibliothek DA, wird heute von Kulturwissenschaftlern aus aller Welt als Fundgrube ausgewertet.

Lit.: Gahlings, Ute: Hermann Graf Keyserling – Ein Lebensbild, Darmstadt, 1996; „An mir haben die Nazis beinahe ganze Arbeit geleistet.“ Über den Umgang der Nationalsozialisten mit Hermann Graf Keyserling. In: Deutschsprachige Autoren des Ostens als Opfer und Gegner des Nationalsozialismus. Beiträge zur Widerstandsproblematik, (hrsg.) Frank-Lothar Kroll, Berlin 2000, S. 47-74.