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Bezirksverein Martinsviertel e.V. (BVM)

Der Bezirksverein Martinsviertel wurde am 15. Februar 1894 auf Initiative des Kaufmanns Johann Heinrich Möser (1855-1931) in einer „sehr stark“ besuchten Gründungsversammlung im Jakob Fey’schen Saale im Hinterhof des Anwesens Pankratiusstraße 29 gegründet. Von der Gründung des Vereins bis zu seinem Tod war Heinrich Möser dessen 1. Vorsitzender. Wenige Jahre später hatte fast jeder Stadtteil seinen Bezirksverein. Heinrich Möser war von 1896 bis 1913 als Vorsitzender des damals bedeutendsten Bezirksvereins für den „Ausschuß der Vereinigten Bezirks-Vereine“ Mitglied der Darmstädter Stadtverordnetenversammlung. Der BVM konnte damals unter anderem den Bau einer Straßenbahn in das Martinsviertel – die durch den Ersten Weltkrieg leider nicht fertig gestellt wurde – und einen Wochenmarkt auf dem Riegerplatz durchsetzen. Am 9. und 10. November 1913 veranstaltete der Verein auf dem damaligen Liebfrauenplatz (heute Friedrich-Ebert-Platz) einen „Martinsmarkt“ mit Juxplatz, Schaubuden und Verkaufsständen. Das Fest war die erste „richtige“ Martinskerb (Kerb) im Viertel und so erfolgreich, dass Mundartdichter Robert Schneider das Ereignis in einem Lied „Die Maddienskerb“ besang. Auf Grund des großen Erfolges plante der Bezirksverein auch für 1914 eine Martinskerb, die wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nicht stattfinden konnte. Die erste Kerb von 1913 war deshalb für viele Jahre auch die letzte. Nur vier Jahre nach Heinrich Mösers Tod, am 22. Januar 1935, besiegelten die Nationalsozialisten das Ende der Darmstädter Bezirksvereine durch die Zwangsvereinigung mit dem Verkehrs- und Verschönerungsverein. Heute existiert in Darmstadt neben dem BVM kein weiterer Bezirksverein mehr.

Die BVM-Reiterstaffel macht 1952 Werbung für das Heinerfest, Foto: Bezirksverein Martinsviertel

Im November 1951 feierte man im Rahmen der Einweihung der wieder aufgebauten Martinskirche mit großem Erfolg die erste Martinskerb nach den beiden Weltkriegen. Dieses Fest wollten die Organisatoren der Kerb als jährliche Veranstaltung etablieren. Aus diesem Anlass wurde der BVM wenige Monate später wiedergegründet. Vereinszweck sollte aber vor allem das gemeinsame Eintreten für die Belange des Viertels sein. Die „alte segensreiche Tradition“ des 1894 von Heinrich Möser gegründeten Bezirksvereins sollte fortgesetzt werden. Am 21. Februar 1952 trafen sich auf Einladung des bereits 70jährigen „Borjemasders vom Watzeverdel“ Georg Hahn, des legendären „Hahne-Schorsch“, 27 Herren in der damaligen Restauration Klöpfer in der Pankratiusstraße 71, um den „Bezirksverein Martinsviertel“ wieder ins Leben zu rufen. Der Hahne-Schorsch wurde zum 1. Vorsitzenden gewählt. Die Gründungsmitglieder des BVM waren überwiegend Gastwirte, Bauern und Gewerbetreibende. Schon bald engagierten sich in dem inzwischen wieder mitgliederstarken Verein Menschen aller Bevölkerungsschichten. Von Georg Hahns Nachfolgern als BVM-Vorsitzende haben vor allem Heinrich Lehr (Vorsitz 1963-83) und Hans-Peter „Pezi“ Peter (Vorsitz 2000-16), die beide zunächst Kerbevädder der Martinskerb waren, die Weiterentwicklung des Vereins vorangetrieben.

Aus dem alten Bauern- und Arbeiterviertel von früher ist heute einer der beliebtesten und belebtesten Stadtteile Darmstadts geworden. Der BVM hat diese Entwicklung mit Ausnahme der Zeit zwischen 1935 und 1952 stets kritisch begleitet und sich vor allem für den Zusammenhalt und gemeinsame Aktivitäten der Menschen im Viertel eingesetzt. Vom Bezirksverein kamen und kommen Denkanstöße zur Weiterentwicklung des Stadtteils in städtebaulicher und sozialer Hinsicht, zur Gestaltung des öffentlichen Raums und zur Erhaltung der einzigartigen Atmosphäre des Viertels. Seit 1991 gibt der BVM die Vereins- und Stadteilzeitschrift „Der Watzeverdler“ heraus. Neben der Martinskerb organisiert der Verein zudem seit Jahrzehnten den BVM-Bürgerschoppen und den beliebten Flohmarkt im Bürgerpark Nord, Veranstaltungen für Kinder und alte Menschen und nicht zuletzt seit 1976 die erste und älteste europäische Verschwisterung auf Stadtteilebene zwischen dem Darmstädter Martinsviertel und dem Quartier St. Martin de Troyes in Frankreich.

Lit.: 425 Jahre Martinsviertel. Hrsg. vom Bezirksverein Martinsviertel, Darmstadt 2015; Peter Engels: 125 Jahre Bezirksverein Martinsviertel (Vortrag 15. Februar 2019 im Martinsstift).