Stadtlexikon Darmstadt

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Beyer, Adolf
Adolf Beyer, Ölporträt von Elsa Pfister-Kaufmann, 1942, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Maler, Kunstpädagoge, Kunstpolitiker
* 19.08.1869 Darmstadt
† 19.07.1953 Darmstadt
Adolf Beyers Vater, der Darmstädter Theatermaler Carl Beyer, förderte früh das Zeichen- und Maltalent seines Sohns und ermöglichte ihm ein achtjähriges Kunststudium an den Akademien von Karlsruhe und München, wo Beyerv. a. von Karl von Marr beeinflusst wurde. Nach seiner Rückkehr nach DA baute sich Beyer seit 1898 erfolgreich eine Existenz als freier Künstler auf und avancierte rasch zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten im kaiserzeitlichen Kunstleben der Hessischen Landeshauptstadt. Als Kunstpädagoge wirkte er an einer 1901 von ihm begründeten privaten Kunstschule, die er gemeinsam mit dem Bildhauer und Freund Ludwig Habich betrieb, ferner war er seit 1907 Lehrkraft an den Großherzoglichen Lehrateliers für angewandte Kunst (Werkkunstschule). 1911 verlieh man ihm hierfür den Titel eines Professors. Über den Vorsitz in der 1898 von ihm ins Leben gerufenen Künstlergruppe der Freien Vereinigung Darmstädter Künstler (FVDK) erlangte Beyer eine ausschlaggebende Rolle im Darmstädter Ausstellungswesen. Seine Jubiläumsausstellung über den Maler Eugen Bracht (1912) fand über die Grenzen DAs hinaus Beachtung.

Mit Beginn der Weimarer Republik (Volksstaat Hessen) musste Beyers Künstlergeneration die gewohnte Wortführerschaft in Kunstfragen an eine jüngere Generation aus dem Umfeld des Expressionismus abtreten. Beyer wandelte sich hierdurch zum ultrakonservativen und illiberalen Kunstkritiker, der in eine anhaltende Privatfehde mit der aufstrebenden Künstlergeneration eintrat, gleichzeitig aber auch unter Berufung auf die altmeisterliche Tradition gegen das zeitgenössische Ausstellungswesen anging. Mit Unterstützung des zeitweiligen Kunst- und Ausstellungsreferenten August Buxbaum und der Allgemeinen deutschen Kunstgenossenschaft konnte Beyerseine rückwärts gewandten Vorstellungen in den 1920er Jahren zeitweise direkt in praktische Kunstpolitik umsetzen, so auf der gemeinsam veranstalteten „Großdeutschen Kunstausstellung 1925“, die die zeitgenössische Moderne erstmals en bloc von einer Darmstädter Jahresausstellung aussperrte. Erfolglos verlief Beyers Protestaktion gegen die Jahresausstellung 1923, als er den Maler Otto Dix und dessen Gemälde „Salon II“ wegen Verbreitens einer unzüchtigen Darstellung vor Gericht anzeigte. Sowohl das Darmstädter Landgericht als auch die Darmstädter Kulturszene wiesen dies als unstatthaften Angriff auf die Kunstfreiheit zurück. Eine in diesen Jahren eingetretene Entfremdung Beyers von der FVDK fand ihr Ende mit der von der FVDK veranstalteten Ausstellung „200 Jahre Darmstädter Kunst“ im Jubiläumsjahr 1930, für deren Katalog Beyer eine historische Einleitung verfasste.

Mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft rückte Beyer als nun bekennendes Mitglied der NSDAP noch einmal in eine ähnlich ausschlaggebende kunstpolitische Position wie vor 1918 auf. Seine Mitgliedschaft in der Partei verschaffte ihm nicht nur den repräsentativen Posten eines NSDAP-Ratsherrn, sondern auch kunstpolitische Aufgabenstellungen im Dienst der NSDAP und ihrer Kulturorganisationen. Mit den von ihm durchgeführten Jahresausstellungen von 1934 und 1935 stellte Beyer die weitgehende künstlerische „Gleichschaltung“ der hessischen Kunstszene unter Beweis und im Folgejahr zog er den geplanten Aufbau einer Städtischen Kunstsammlung an sich. Das Projekt sollte, wie nach 1918 schon mehrfach beabsichtigt, die Kunstsammlung der FVDK und die Moderne Galerie des Ständigen Rats zur Pflege der Kunst in Hessen in einer musealen Sammlung vereinigen. In der 1937 auf der Mathildenhöhe eröffneten Sammlung fehlten alle Kunstwerke, die Beyer als „entartet“ aus dem Bestand der „Modernen Galerie“ ausgesondert hatte, darunter Gemälde von Kirchner, Pechstein und Babberger. Diese Werke gelten heute als verschollen. 1943 nahm Beyer als letzter Preisträger den von den Nationalsozialisten 1939 gestifteten Kulturpreis der Stadt DA entgegen. Nach 1945 wurde Beyers problematische kunstpolitische Vergangenheit nicht hinterfragt. Stattdessen wurde ihm noch einmal Gelegenheit gegeben, die jüngere Geschichte der Darmstädter Kunst aus seiner Sicht darzustellen, und zwar in dem 1955 im Leske-Verlag erschienenen Buch „Darmstadts Kunst, Kultur und Künstler“, dessen Text auf dem bereits erwähnten Katalogbeitrag Beyers aus dem Jahr 1930 beruhte. Seit 1904 war Beyer mit der Malerin Anna Beyer geb. Becker (1867-1922) aus Alzey verheiratet, der gemeinsame Sohn Immo Beyer (1907-1976) arbeitete von 1948 bis 1972 als Archivar und Fotograf im Stadtarchiv DA, wo er 1931 auch seine Verwaltungslaufbahn begonnen hatte.

Lit.: Knieß, Friedrich Wilhelm: Kommunale Kunstpolitik in Deutschland vom Ausgang des Ersten Weltkrieges bis zum Ende der Weimarer Republik. Darmstadt als Beispiel. Phil. Diss., Marburg/Lahn 1984.