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Goldstein, Julius
Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Philosoph
* 29.10.1873 Hamburg
† 25.06.1929 Darmstadt
Julius Goldstein wuchs in bescheidenen Verhältnissen in einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Hamburg auf. Er besuchte die Talmud-Toraschule und danach die Oberstufe eines Realgymnasiums. Dort legte er 1893 das Abitur ab. Anschließend studierte er Sprachen und Philosophie in Berlin und ab dem Sommersemester 1896 in Jena. Er wurde 1898 bei Rudolf Eucken mit einer Arbeit über den schottischen Philosophen David Hume mit summa cum laude promoviert. Nach einem Aufenthalt in London, habilitierte er sich 1902 an der Fakultät für Geschichte und Literatur der TH Darmstadt mit einer Arbeit über die Geschichtsauffassung von David Hume. Es folgte die Ernennung zum Privatdozenten für Philosophie, die seine fortgesetzten materiellen Nöte jedoch nicht ändern konnte. Erst die Heirat 1907 mit Margarethe (Gretel) Neumann (1885-1969), der Tochter eines Mainzer Weinhändlers, und die Unterstützung der Schwiegermutter führte zu einer Verbesserung der ökonomischen Situation. Am 25. November 1909 erhielt er den Professorentitel ohne jede Vergütung. 1912 veröffentlichte er eine Abhandlung über „Die Technik“, die wichtige Ansätze zu einer Technikphilosophie enthielt. Zwei Jahre später meldete sich Goldstein als Kriegsfreiwilliger, machte den Ersten Weltkrieg bis zum Ende als Offizier mit und kehrte aufgrund seiner vielfältigen Erfahrungen mit Militarismus, Herrschaftsmissbrauch und Antisemitismus bei der Truppe als überzeugter Republikaner zurück. Neben seiner intensiven Tätigkeit an der TH Darmstadt, im März 1920 wurde er apl. Professor, arbeitete er auf einem breiten journalistischen und kulturpolitischen Tätigkeitsfeld, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er engagierte sich an prominenter Stelle im „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Von 1920 bis 1925 war er Schriftleiter und Chefredakteur der Darmstädter Zeitung. Seinen Lebensunterhalt bestritt er außerdem durch eine intensive Vortragstätigkeit im In- und Ausland. 1923/24 unternahm er eine sechsmonatige Vortragsreise an verschiedene Universitäten im Osten der USA, die vom jüdischen Central-Verein finanziert wurde. Im April 1925 war er Begründer und bis zu seinem Tod Herausgeber der Zeitschrift „Der Morgen“, mit der er das Ziel der Verständigung und Versöhnung zwischen Deutschen und Juden verfolgte. In unzähligen Vorträgen und Veröffentlichungen ging Goldstein energisch gegen rassisch-antisemitische und ethnisch fundierte nationalistische Theorien vor. Bereits 1921 hatte sich Goldstein in seinem Buch „Rasse und Politik“ mit den verschiedenen Ausprägungen der sog. Rassentheorie auseinandergesetzt und versucht nachzuweisen, dass die Deutungsversuche dieser „Theorien“ völlig unzulänglich sind. Insbesondere die antisemitischen Ausprägungen dieser vermeintlichen „Theorien“ hat er als völlig unhaltbar zurückgewiesen. Seine Schrift wurde intensiv rezipiert und erschien 1925 bereits in der vierten Auflage. Der Magistrat der Stadt DA hat diese Schrift 1960 neu aufgelegt.

Den antidemokratischen und antisemitischen Geist, der seiner Meinung nach in den 1920er Jahren an der TH Darmstadt herrschte, hat er ebenso kritisiert, wie einige Repräsentanten der Hochschule. Auf Initiative von Wilhelm Leuschner und Julius Reiber wurde Goldstein am 8. Oktober 1925 nach heftigen Widerständen der TH Darmstadt a.o. Professor für Philosophie. Um seine Ernennung zum Professor, die gegen den ausdrücklichen Willen des Rektors und zahlreicher Professoren erfolgte, entbrannte ein auch von antisemitischen Motiven mitbestimmter Streit, in dessen Verlauf Rudolf Eucken und Ernst Troeltsch sich öffentlich zugunsten Goldsteins aussprachen. Als das Landesamt für das Bildungswesen unter Leitung von Carl Ulrich (1853-1933) unter Nichtbeachtung der von der TH Darmstadt eingereichten Berufungsliste Goldstein auf eine neu geschaffene ao. Professur für Philosophie einwies, bezeichnete die TH Darmstadt dies als eklatanten Eingriff in die Freiheit von Forschung und Lehre und sagte die üblicherweise zu Beginn des Studienjahres anstehende Feier der Rektoratsübergabe kurzfristig ab. Dieser Reaktion folgte eine Aufsehen erregende Kontroverse in der Öffentlichkeit und im Darmstädter Landtag, hinter der auch latente antirepublikanische und antisemitische Tendenzen standen. Auf der Jahrestagung des Hessischen Landes-Lehrervereins 1928 in DA hat er die besondere Bedeutung der Schulen für die Volksversöhnung und die Völkerversöhnung.

Obwohl Goldstein, der bereits im Juni 1929 mit nur 55 Jahren an einer Krebserkrankung starb, 1902 bis 1929 in DA lebte, ist er nie ein Darmstädter Bürger geworden. Er vermisste v. a. die anspruchsvolle wissenschaftliche Diskussion an der TH Darmstadt. Ausgestattet mit einem immensen Bildungseifer, lässt sich seine Biografie als Musterbeispiel einer deutsch-jüdischen Akkulturation begreifen. Julius Goldsteins Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in DA.

Lit.: Zuber, Uwe: Fallstricke der Akkulturation. Der Philosoph Julius Goldstein (1873-1929), Darmstadt 2006; Ders.: Julius Goldstein. Der jüdische Philosoph in seinen Tagebüchern. 1873-1929, Hamburg/Jena/Darmstadt 2008.