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Studium von Frauen

Frauen konnten sich im Oktober 1908 erstmals als Studentinnen für ein reguläres Studium an der damaligen Großherzoglich Technischen Hochschule zu Darmstadt einschreiben (TU Darmstadt). Die Hochschule hatte sich schon länger um die Zulassung von Frauen zum Studium bemüht. Seit 1896 konnten Frauen bereits als Gäste an den Vorlesungen teilnehmen, aber noch keine Prüfungen ablegen oder einen Abschluss machen.

Als erste TH-Studentin immatrikulierte sich Franziska Braun (1885-1955) für das Studium der Architektur. Seit 2011 ist der hochdotierte Gleichstellungspreis der TU Darmstadt nach der ersten Studentin benannt: Franziska-Braun-Preis. Die erste Frau schloss ihr Studium im Jahr 1913 ab; ihr Name war Jovanka Bontschits (1887-1966) und sie gilt als erste Diplom-Ingenieurin Deutschlands, die ein reguläres Studium abgeschlossen hat. Sie stammte wie viele der ersten Studentinnen aus dem Ausland und auch sie studierte Architektur. Im Februar 1914 schloss als zweite Frau die Polin Irena Galewska, später Kielbasinskí (geb. 20.02.1913) ihr Studium im Fach Chemie ab. Ottilie Bock (1896-1969) lehrte ab 1921 als promovierte Chemikerin und ist die erste Assistentin an der TH Darmstadt nach dem Ersten Weltkrieg. Auf dem Campus Lichtwiese wurden im Jahr 2013 Straßen nach den Pionierinnen benannt: Franziska-Braun-Straße, Jovanka-Bontschits-Straße und Ottilie-Bock-Straße. Nach der ersten außerplanmäßigen Professorin der Technischen Hochschule wurde der Ottilie-Rady-Weg in Arheilgen benannt. Ottilie Rady (1890-1987), später Ottilie Thiemann-Stoedtner, war von 1929 bis 1937 am Institut für Kunstgeschichte tätig. Die erste ordentliche Professorin berief der Fachbereich Biologie im Jahr 1971: Maria Fekete wurde Professorin für Botanik.

Architektur, Chemie und Pharmazie waren bis zur Wirtschaftskrise 1929/30 die beliebtesten Fächer der in DA eingeschriebenen Frauen. Die Zunahme der Frauen im Studium und damit auch in der Wissenschaft ist eng verbunden mit dem Wandel der Schulbildung. So mussten die ersten Studentinnen meist an besonderen Schulen ihr Abitur ablegen, da es in Hessen noch gar keine koedukativen Gymnasien gab. Dies änderte sich in DA erst mit der Gründung der Studienanstalt 1913, in dem die Schülerinnen nach dem Besuch von Mädchenschulen dort die Berechtigung zum Hochschulstudium erwerben konnten. Die Weimarer Verfassung führte neben dem Wahlrecht für Frauen auch das Habilitationsrecht für Frauen ein. Außerdem sah sie die berufliche Gleichstellung vor. An der TH Darmstadt wurden folglich mehr Frauen als Assistentinnen beschäftigt, mindestens eine von ihnen vollendete eine Habilitation. Während des Zweiten Weltkrieges nahm der Frauenanteil unter den Studierenden zu. Dies lag zum einen an der kriegsbedingt geringeren Zahl der anwesenden Männer, aber auch daran, dass nun nicht nur der Abschluss an Gymnasien und Oberrealschulen, sondern auch an hauswirtschaftlichen Mädchenoberschulen und Aufbauschulen zum Studium berechtigte.

Das Jahr 1970 brachte umfassende Veränderungen in der Gesellschaft und an den Hochschulen. An der TH Darmstadt hatte die Einführung von Magisterabschlüssen in Geistes- und Gesellschaftswissenschaften eine steigende Attraktivität der Hochschule für Frauen zur Folge. In nur vier Jahren stieg der Anteil von Frauen an den Studierenden von 6,4 Prozent auf 10,8 Prozent im Wintersemester 1974/75. Die in den 1970er Jahren fortschreitende Emanzipation veränderte auch das Selbstverständnis der Studentinnen und Dozentinnen.

Mittlerweile stellen Studentinnen in den Geistes- und Humanwissenschaften, der Biologie sowie der Architektur die Majorität der Studierenden. In anderen Fachbereichen liegt der Frauenanteil dagegen deutlich unter 50 Prozent – in den Naturwissenschaften zwischen knapp einem Fünftel (Physik) und einem Drittel (Mathematik und Chemie), im Bauingenieurwesen mittlerweile bei über 30 Prozent, im Maschinenbau, der Elektrotechnik und der Informatik nach wie vor um die zehn Prozent. 2008 wurde das Jubiläum „100 Jahre Studium von Frauen an der TU Darmstadt“ mit historischer Ausstellung, Festakt und Begleitprogramm gefeiert. Heute gibt es keine unterschiedlichen Zulassungsbedingungen mehr für Frauen und Männer, im Gegenteil Schülerinnen, Studentinnen und Wissenschaftlerinnen, insbesondere in den mathematischen, technischen und informationswissenschaftlichen Fächern, werden gesucht und umworben. Nach wie vor kommen zahlreiche Studentinnen aus dem Ausland zum Studium nach DA, doch nun kommen sie von allen Kontinenten und nicht mehr nur aus Europa.

Lit.: Viefhaus, Marianne: Frauen an der Technischen Hochschule Darmstadt. Iin: Emig, Brigitte (Hg.), Frauen in der Wissenschaft. Dokumentation der Ringvorlesung vom Wintersemester 1985/86 an der Technischen Hochschule Darmstadt, Darmstadt 1988, S. 35-61; Kümmel, Verena/Zybell, Uta (Hg.): 100 Jahre Studium von Frauen an der TU Darmstadt, Dokumentation der Ausstellung, Darmstadt 2008; Kümmel, Verena: „Hauptsache wesenstreu“. Studentinnen an der TH Darmstadt, 1933-1945. In: Din?kal, Noyan/Dipper, Christof/Mares, Detlef (Hg.): Selbstmobilisierung der Wissenschaft. Technische Hochschulen im „Dritten Reich“, Darmstadt 2012, S. 125-142.