Stadtlexikon Darmstadt

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Spanischer Turm
Spanischer Turm vor der Sanierung, Aufnahme 2005, Foto: Nikolaus Heiss, Darmstadt

Der Spanische Turm liegt in exponierter Lage am nordöstlichen Rand des Parks Rosenhöhe am Übergang zum Oberfeld. Jahrzehntelang waren Zweck und Erbauungsjahr, Auftraggeber und Architekt des Gebäudes nicht bekannt und boten Raum für Spekulationen. Neue Baubefunde und schriftliche Quellen, insbesondere die Schreibkalender des Prinzen Karl von Hessen und bei Rhein (1809-1877), die im Großherzoglichen Familienarchiv im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt aufbewahrt werden, lassen nun folgende Rückschlüsse zur Entstehungsgeschichte zu: Im Jahr 1853 wurde das ursprüngliche Areal der Rosenhöhe durch Ersteigerung zahlreicher Obstbaumplantagen bedeutend nach Osten erweitert. Erst ab diesem Zeitpunkt gehörte auch ein verfallenes Haus zum Park Rosenhöhe, das Prinz Karl von Hessen und bei Rhein, der Besitzer des Parks seit 1836, nachweislich ab 1847 „Spanischer Turm“ nannte. Der Name dürfte seinen Ursprung in dem französischen „Château d’Espagne“ haben, was so viel wie „Luftschlösser bauen“ oder „unrealistische Träume haben“ bedeutet – eine Redewendung, die Karl nachweislich bekannt war.

In den 1830er und 1840er Jahren war das Bauwerk in einem ruinösen verfallenen Zustand. Seine ursprüngliche Funktion ist noch nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich ist, dass es sich um ein Garten- oder Weinberghaus mit einer Aussichtsfunktion gehandelt hat. Ähnliche Gebäude lassen sich auf dem „Hill’schen Prospect des Jahres 1776 in der Umgebung des Großen Woogs ausmachen. Nicht auszuschließen ist auch, dass dieser Ursprungsbau, der spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts errichtet wurde, von vornherein eine künstliche Ruine war, mithin das Gestaltungselement eines englischen Gartens. Der Bauherr dieses Ursprungsbaus ist unbekannt. Im Sommer 1853 erfolgte auf Anordnung des Prinzen Karl, der schon längere Zeit eine besondere Affinität zu diesem „Thurmhaus“ hatte, eine Sanierung und Aufstockung des Bauwerks zu seiner jetzigen Form und Höhe. Bestand das Mauerwerk des Ursprungsbaus aus Bruchsteinen, wurde mit gebrannten Backsteinen nun in die Höhe gebaut. Die Pläne hierzu stammten von Baumeister Balthasar Harres (1804-1868). Bis Oktober 1853 war der Bau mit dem neu hinzugefügten Treppenturm im Osten fast ganz fertiggestellt. Offiziell eingeweiht wurde der dem fürstlichen Vergnügen dienende und mit Tisch und Stühlen ausgestattete Aussichtsturm im Familienkreis des Prinzen Karl am 20. Juli 1854. Neue gärtnerische Anlagen und eine neue Wegeführung dorthin, die das Areal mit der bisherigen Rosenhöhe verband, wurden noch 1853 in Angriff genommen.

Nach dem Tode Karls 1877 und seiner Frau Elisabeth, geb. Prinzessin von Preußen 1885, wurde der Spanische Turm nur noch selten frequentiert und stand wohl jahrzehntelang leer. Dieser Zustand änderte sich um das Jahr 1931, als eine Umgestaltung des Turms zu dauerhaften Wohnzwecken erfolgte und Obstbaumwart Johannes Koch aus Ober-Klingen bis 1946 eine neue Heimat bot. In diesem Zusammenhang wurde nördlich des Spanischen Turms ein kleiner unterkellerter Anbau in ähnlichem Stil errichtet und an seiner Südseite ein hölzerner Windfang errichtet. Auch in der Nachkriegszeit blieb der Turm über lange Jahre hinweg bewohnt. Den Windfang ersetzte wohl 1948 ein eingeschossiger steinerner Vorbau, der stilistisch nicht zu den vorhandenen Bauten passte. Auch am nördlichen Anbau wurden weitere Gebäudeteile (Schuppen und Gewächshaus) angefügt. Die Anbauten wurden bis auf jenen der Zeit um 1931 Ende des Jahres 2019 abgerissen. Im gleichen Jahr hatte die BS Kulturstiftung den denkmalgeschützten Turm und das ihn umgebende Gelände in Erbpacht für 30 Jahre von Donatus Landgraf von Hessen übernommen, um auf dem Areal einen Skulpturenpark errichten zu können. Das Gelände wurde gärtnerisch gestaltet und der Turm saniert. Als gestaltendes Gliederungselement wurde dabei der horizontale Zierfries wieder erkennbar gemacht, der in etwa die Höhe des Ursprungsbaus markiert.

Lit.: Maaß, Rainer: Nicht Moller, sondern Harres: Zur Geschichte des Spanischen Turms in Darmstadt. In: Archiv für Hessische Geschichte und Altertumskunde, NF 78, 2020, S. 99-123; Frank Aulbach / Bettina John-Willeke / Rainer Maaß: Einem Geheimnis auf der Spur - der Spanische Turm auf der Darmstädter Rosenhöhe. In: Denkmalpflege & Kulturgeschichte, Hrsg. Landesamt für Denkmalpflege Hessen, 3-2020, S. 41-46.