Stadtlexikon Darmstadt

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Lichtenberg, Johann Conrad (Vater)

Theologe, Generalsuperintendent, Baumeister
* 09.12.1689 Darmstadt
† 17.07.1751 Darmstadt
Zur Zeit seiner Geburt stand sein Vater Johann Philipp Lichtenberger aus Klein-Bockenheim (aus der pfälzischen Familie Lichtenberg), der den Familiennamen (um nicht mit einem Juden gleichen Namens verwechselt zu werden) geändert hatte und der ein „Erweckter Pietist“ war, in Diensten der Stadt Worms und befand sich nach ihrer Zerstörung 1681 durch die Franzosen während des Devolutionskriegs Ludwigs des XIV. auf einer Kollektenreise durch Franken, Schwaben und die Schweiz. Derweil hatte er die Familie in die Heimat seiner Frau (geb. Rittberger aus DA) gebracht. Daher wuchs Johann Conrad dort auf, besuchte das Pädagog, studierte danach Theologie an der Landesuniversität Gießen (immatrikuliert 9.05.1707), dann in Jena (1710), Leipzig (1711) und in der pietistischen Hochburg Halle (1712). Von 1712 bis 1715 lebte er im väterlichen Haus in Jägersburg, unterrichtete seine jüngeren Geschwister und plante sogar Feldgeistlicher, ja Pestprediger zu werden. 1715 treffen wir ihn als Vikar in Nauheim, 1716 wurde er endlich als Pfarradjunkt in Neunkirchen im Odenwald ordiniert. „Erst die Pfarre, dann die Knarre [Neckname für die zänkische Ehefrau]“, lautete der redensartliche Merkvers für den protestantischen Geistlichen, und so konnte er denn 1717 endlich heiraten, Henriette Katharina Eckhardt aus Bischofsheim, selber Tochter eines protestantischen Pfarrers, war die Glückliche. In diesem Jahr erschien von ihm eine Predigt „Die schuldige Dankbarkeit vor das so herrliche als nützliche Reformationswerk des seeligen Dr. M. Luthers, an dem am 31. Oktober 1717 solenn gefeyerten Jubilaeo Reformationis“. 1718 übernahm Lichtenberg an der Stelle von Heinrich Walther Gerdes die Aufgabe, die Texte zu den Graupner’schen Kantaten zu verfassen. Er schrieb 25 Jahre sämtliche Texte jahrgangsweise im Voraus zu den allsonntäglichen Kirchenmusiken (insgesamt also gegen 1.500 Texte), die dann größtenteils sein Schwager Christoph Graupner sen. in Noten setzte. Die in geringer Auflage gedruckten Libretti gingen bis auf die wenigen Ausnahmen in anderen Bibliotheken überlieferter Einzelbände in der Brandnacht vom 11.9.1944 verloren. Immerhin sind die jeweils ersten Strophen der Texte von Lichtenberg in den handschriftlichen Partituren erhalten.

Seit 1729 war Lichtenberg Pfarrer in Ober-Ramstadt bei DA, seit 1733 zugleich Metropolitan (Pfarrer einer Hauptkirche mit mehreren Filialgemeinden) der Diözese Lichtenberg im Odenwald. 1730, zur 200-Jahrfeier der Confessio Augustana, verfasste er die für die kirchenmusikalische Feier nötigen Texte. Zu Ehren des 1731 verstorbenen Kanzlers von Maskowsky wird am 10.01.1732 (Geburtstag des Verstorbenen) ein Gedächtnisgottesdienst in der Stadtkirche gefeiert; wieder schrieb Lichtenberg die dazu erforderlichen Kantatentexte der Trauermusik, die zusammen mit der Leichenrede in Frankfurt im Druck erschienen – es wird nicht sein einziges Casual-Carmen gewesen sein.

Im März 1745 wurde Lichtenberg als Nachfolger von Nikolaus Kuhlmann zum Stadtprediger in DA ernannt; die Familie übersiedelte in die Residenz, nahm zunächst Wohnung im für diesen Rang vorgesehenen Wohnhaus (schon im 19. Jahrhundert durch einen Neubau ersetzt; an der heutigen Ecke Schulstraße / Holzstraße). „Er lebte viel für seine Kinder und widmete ihnen seine Nebenstunden (...) Neben besondern Hauslehrern ertheilte er durch tägliche Unterhaltung seinen Söhnen Unterricht in der Mathematik, über die Einrichtung des Weltgebäudes und in der Naturlehre.“ Ende März 1750 wurde Lichtenberg als Nachfolger von Friedrich Andreas Panzerbieter († 1749) zum Superintendenten (= Landesbischof) ernannt, womit ihm 75 Pfarreien unterstehen. Erst mit dieser Ernennung zog die Familie um in das Superintendentenhaus zwischen Stadtkirche und Bockshaut. Lange sollte er sich dieses Amtes nicht mehr erfreuen: Schon am 17.07.1751 ist er in DA gestorben. Von außerordentlicher Schaffenskraft und Vielseitigkeit war dieser Mann, geschätzt gleichermaßen als physikotheologischer Prediger wie als geistlicher Dichter. Kirchenpolitisch stand er auf der „richtigen“ Seite eines gemäßigten Pietismus, der die Sympathie des landgräflichen Hofes fand – und verdiente sich zudem noch als Architekt von mehr als einem Dutzend Kirchen und Profanbauten, u. a. der von Neunkirchen (1741-1751), Bischofsheim und Gundernhausen (1747), Stammheim, Egelsbach, Trebur, Nauheim, Pfungstadt sowie des Rathauses Ober-Ramstadt (1732) und des Waisenhauses in DA ein Zubrot, das allerdings das Studium seiner drei überlebenden älteren Söhne und der frühe Witwenstand seiner Frau alsbald verschlangen – schon sein jüngster Sohn Georg Christoph war auf ein landgräfliches Stipendium angewiesen.

 Lit.: Neubauer, Ernst Friedrich: Nachricht von den itztlebenden Evangelisch-Lutherischen und Reformirten Theologen in und um Deutschland. T. 1. 2. Züllichau 1743-1746. T. 1, S. 227-237 und T. 2, S. 744; Strieder, Friedrich Wilhelm: Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten und Schriftsteller Geschichte. Seit der Reformation – auf die gegenwärtigen Zeiten, Cassel, Bd. 8 (1788), S. 11-22; Diehl, Wilhelm, in: Ders.: Bilder aus der hessischen Vergangenheit. 2. Reihe: Aus der Zeit des Landgrafen Ernst Ludwig. Darmstadt 1910 (= Hessische Volksbücher 6), S. 85 ff: Abdruck einer Kantate von Johann Conrad Lichtenberg bzw. Graupner; Diehl, Wilhelm: Allerlei „Allotria“ aus dem Leben des Darmstädter Superintendenten Johann Conrad Lichtenberg. In: Darmstädter Tagblatt, Nr. 47, 25.02.1910: Diehl, Wilhelm: Alt-Darmstadt. Kulturgeschichtliche Bilder aus Darmstadts Vergangenheit. Friedberg 1913, S. 171-176; Wilhelm Diehl: Johann Konrad Lichtenberg. In: Wilhelm Diehl: Hassia sacra. 2.: Kirchenbehörden und Kirchendiener in der Landgrafschaft Hessen Darmstadt von der Reformation bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, Darmstadt 1925, S. 53-57.