Stadtlexikon Darmstadt

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Lichtenberg, Georg Christoph (Sohn)
Stadtarchiv Darmstadt

Physiker, Dichter
* 01.07.1742 Ober-Ramstadt bei Darmstadt
† 24.02.1799 Göttingen
Wenn er nicht infolge des Siebenjährigen Kriegs, statt wie seine Brüder in Halle zu studieren, nach Göttingen auf die Universität gegangen wäre, vielleicht wäre er dann doch Professor in Gießen geworden oder ganz anderswo, und viele Details seines Lebens würden ganz anders verlaufen sein. Aber man darf ebenso gewiss annehmen, dass er auch dort (oder wo immer auf der Welt und in welchem Beruf er sich gefunden hätte) seine legendären „Sudelbücher“ zu schreiben angefangen hätte, jene Aufzeichnungen, die ihn unsterblich gemacht haben, dererwegen Nietzsche ihn allem andern in der deutschen Literatur (außer Goethe und Eckermann) vorziehen wollte – und was es an Komplimenten, zu Lebzeiten und postum, noch alles gegeben hat für den wahrscheinlich nur 1,43 Meter kleinen und entsetzlich verbuckelten klügsten aller Köpfe seines Zeitalters.

Sein Vater Johann Conrad Lichtenberg war bei seiner Geburt Pfarrer in Ober-Ramstadt, wurde aber alsbald zum Stadtpfarrer von DA und später sogar zum Superintendenten (= Landesbischof) berufen, und so zog der jüngste Sohn (die letzte von 17 Geburten seiner Mutter) mit den Eltern und den vier allein noch lebenden Geschwistern nach DA. In der landgräflichen Residenz wuchs er auf, bis zum frühen Tod des Vaters 1751 in der Superintendentur im Schatten der Stadtkirche (an der Stelle der heutigen Bockshaut), dann im Haus seines Paten Johann Georg Wachter (vormals dessen Schwiegervater Graupner sen.; heute Luisenstraße Nr. 14).

Im Oktober 1752 (vorher besuchte er die Stadtschule) trat er wie vor ihm sein Vater und die älteren Brüder in das Darmstädter Pädagog ein – unter Johann Martin Wencks Rektorat – und blieb dort bis zum 16.09.1761. Noch Georg Gottfried Gervinus erwähnt, dass zu seiner Schulzeit 50 Jahre später noch über allerlei Streiche Lichtenbergs berichtet wurde. Das satirische Schülergedicht „Wenn in dem Nichts der Eitelkeiten“ ist jedoch von unsicherer Authentizität. Zu seinen Lehrern gehörten außer Wenck noch Hartmann Christian Haberkorn, Johann Daniel und Johann Adam Frey.

Ostern 1754 erhielt Lichtenberg Schulpreise, seit Ostern 1759 nahm er regelmäßig am „Schulactus“ teil, einer öffentlichen Präsentation der besten Schüler mit Reden, Gedichten, Dialogen, meist zum Halbjahrs-, immer zum österlichen Schuljahrswechsel, bekannt sind immer nur die Titel; 1759: „Georg Christoph Lichtenberg und Carl Breider besprechen sich teutsch über die Frage: Kan auch ein junger Redner bewegen?“ Bei den Schulactus Ostern und Michaelis 1760 hält er dann je eine deutsche Rede. Ostern 1761 folgt eine „Vergleichung der Römer und Griechen“; im Herbst diesen Jahres, am Tag vor seinem endgültigen Abgang, veranstaltet er „mit 6 anderen Mitschülern“ den Schulactus und behandelte in einem deutschen Gedicht: ,wie der wahre Wert von Wissenschaft und Dichtung zu bestimmen sei‘: „Postremum dicentis locum occupat, qui per aliquot annos alacris ingenii industria ornavit primum, Georgius Christoph. Lichtenberg, qui cum aliis VI bonae notae commilitionibus discessurus e Paedagogei disciplina, de vero litteris et poesi constituendo pretio agere decrevit carmine teutonico“.

Aus den Klassen- und Versetzungslisten ergibt sich, dass er im Herbst 1754 nach Secunda, Herbst 1756 nach Prima, Herbst 1758 in die hochschulvorbereitende Selecta versetzt wurde. Lichtenberg verharrte dort also zwei Jahre länger als üblich, teils aus Kriegsfurcht, teils aus Geldmangel, und noch nach seinem Abgang von der Schule blieb er bis zum 01.05.1763 in DA, erreichte Göttingen am 6. – um danach nie wieder in seine Heimat zurückzukehren. Der Hauptgrund ist – entgegen anderer Gerüchte – schlicht der, dass er das kärgliche Stipendium von insgesamt rund 400 Gulden (ca. 225 Taler, das reichte nach damaligen Verhältnissen für höchstens zwei Jahre), für welches er im Gegenzug hinterdrein Professor in Gießen hätte werden sollen, nie zurückgezahlt hat. Vielmehr immatrikulierte er sich in Göttingen am 21.05. als „physices et mathematum studiosus“, blieb nach dem „triennium academicum“ als Hofmeister dort, wurde dort Professor für Mathematik, Physik und Astronomie, machte als erster elektrische Ladungen sichtbar (die Lichtenberg-Figuren), war als Verfasser giftiger Satiren gefürchtet, publizierte 22 Jahre lang einen spielkartengroßen Taschenkalender, in dem er Aufklärung popularisierte, kommentierte den berühmten englischen Kupferstecher William Hogarth – und schrieb vor allem im Geheimen die erst nach seinem Tod bekannt gewordenen Hefte und Schreibbücher voll, von ihm selbstironisch ein paar Mal Sudelbücher genannt, wohl 2.000 Druckseiten (davon rund 1.500 überliefert), köstlichste Kleinprosa, die den modernen deutschen Aphorismus überhaupt erst begründeten, wenn nicht gar etablierten. Wer von den Nachfolgenden auf sich hielt, berief sich nicht auf Schlegel, Goethe oder Seume, sondern auf ihn. Mit solchen Texten wurde er für alle folgenden Generationen bis heute ein Zeitgenosse und Gesprächspartner.

Über die Literatur von und über ihn, die monographisch (und noch unzulänglich) Robert Jung 1972 zusammengefasst hatte, wird regelmäßig im seit 1988 erscheinenden Lichtenberg-Jahrbuch, hrsg. von Wolfgang Promies (†), Ulrich Joost u. a. berichtet. Die Edition des Briefwechsels (hrsg. von Ulrich Joost und Albrecht Schöne) 1983-2004 liegt vor und wird gelegentlich im Lichtenberg-Jahrbuch ergänzt, die Vorlesungen zur Naturlehre werden 2016 in 6 Bdn (hrsg. von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der TU Darmstadt, Göttingen 2005-2016) vollständig vorliegen, die übrigen Werke und Tagebücher werden in den nächsten Jahren in gleicher Gestalt folgen (je ein starker Band Tagebücher. Sudelbücher. Schriften zu Lebzeiten. Übrige Postuma). Bis dahin muss die nur etwa 50 Prozent des dort Enthaltenden umfassende Edition von W. Promies (München 1967-1992) genügen.