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Gewerbemuseum

1898 bis 1930 bestehendes Museum für Kunstgewerbe, Handwerk und Industrie im Neubau der Zentralstelle für die Gewerbe, Neckarstraße 3, dessen sammlungsgeschichtliche Anfänge bis 1855 zurückreichen. Träger des Gewerbemuseums war die 1835 zur Förderung der inländischen Industrie (Industrialisierung) und des Gewerbes gebildete staatliche „Zentralstelle für die Gewerbe“. Diese hatte 1855 die aus England kommenden Impulse zur Gründung von kunstgewerblichen Museen bzw. Sammlungen aufgegriffen (South-Kensington-Museum, London, 1852) und aus den Mitteln eines ihr überlassenen Vermächtnisses eine so genannte „Technische Produktensammlung“ gestiftet. Als im Aufbau begriffene Sammlung hatte sie ihr Domizil zunächst noch in den Räumlichkeiten der Zentralstelle im Kreisamt Neckarstraße 3 gefunden. Die als Lehrsammlung für die Gewerbetreibenden und -schulen intendierte Dokumentation der Gewerbe, ihrer Produkte und der im Einsatz befindlichen Maschinen und Werkzeuge kam unsystematisch zustande, teils durch Ankauf auf den Gewerbe- und Industrieausstellungen, teils durch Stiftungen aus dem seit 1836 bestehenden Landesgewerbeverein. Das von diesem herausgegebene „Gewerbeblatt für das Großherzogtum Hessen“ berichtete fortlaufend über die Weiterentwicklung der Sammlung, seit 1886 stellten illustrierte Artikel auch einzelne Exponate vor. Eine 1865 in Auftrag gegebene Fotodokumentation älteren Kunstgewerbes aus dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt wollte der Sammlung auch eine historische Perspektive verleihen, wofür man den Techniker Dietrich W. L. Möser eigens zum Fotografen ausbilden ließ.

Museale Züge erhielt die „Technische Produktensammlung“ erstmals 1877/78, als man an dem Neubau der Landesbaugewerkschule (Ingenieurschule für Bauwesen) auf dem Grundstück Neckarstraße 3 einen eigenen Trakt für die Gewerbesammlung vorsah, den man im August 1878 der Öffentlichkeit übergab. Die folgenden Jahrzehnte waren geprägt vom stetigen Anwachsen der Sammlung und den daraus resultierenden Raumproblemen. Seit 1891/92 war ein Neubau der Zentralstelle für die Gewerbe mit integriertem Gewerbemuseum im Gespräch, dem die beiden Kammern jedoch erst im April 1893 zustimmten. Der noch im Juli 1893 begonnene Bau nach Plänen des Architekten Victor von Weltzien konnte am 09.04.1896 eingeweiht werden, die feierliche Eröffnung des anschließend eingerichteten Gewerbemuseums beging man am 01.11.1898. Schon wenige Jahre später bestand Konsens über den veralteten, weil geschmacklich am Historismus der Gründerjahre orientierten Charakter des Gewerbemuseums, woraufhin sich die Regierung 1908 zu einem Umbau und einer Neugestaltung des Gewerbemuseums entschloss. Mit einer kritischen Sichtung und Neuaufstellung der Bestände beauftragte man den Kustos am Hessischen Landesmuseum, Hermann Kienzle. Seine zugehörige zweite Eröffnungsfeier erlebte das Gewerbemuseum schließlich am 23.09.1911. Seitdem die Regierung 1907/08 alternativ auch eine Auflösung des Gewerbemuseums erwogen hatte, stand es auf politischer Ebene wiederholt zur Disposition. Gegen das Gewerbemuseum wurde insbesondere seine räumliche und konzeptionelle Nähe zum Hessischen Landesmuseum ins Feld geführt. Alle Argumente für den Fortbestand des Gewerbemuseums verloren schließlich ihre Stichhaltigkeit während der Weltwirtschaftskrise und am 27.06.1930 stimmte der Hessischen Landtag einem Antrag des zuständigen Ministeriums für Arbeit und Wirtschaft auf Schließung des Gewerbemuseums. zu. Nach einer Schlussfeier in den Räumen des Gewerbemuseums am 18.12.1930 teilte man seine Bestände zwischen der Landesbibliothek (Universitäts- und Landesbibliothek) und dem Landesmuseum auf.

Die „Technische Produktensammlung“ hatte noch keine fachliche Leitung, sie wurde wohl vom Personal der Zentralstelle für die Gewerbe betreut. Erst mit dem 1898 eröffneten Gewerbemuseum tritt Gewerberat Gottlieb Wagner als Bibliothekar und „Konservator“ der Sammlungen in Erscheinung. Zum ersten wissenschaftlichen Museumsleiter mit entsprechender Berufserfahrung bestellte man am 28.09.1912 den vorherigen Kustos am Landesmuseum Hermann Kienzle. Nach seinem Weggang an das Kunstgewerbemuseum Basel 1916 blieb die Stelle vorübergehend unbesetzt. Von Ende 1918 bis 1930 hat der Kunsthistoriker Georg Haupt das Gewerbemuseum geleitet. Das Gebäude der ehemaligen Zentralstelle für die Gewerbe und des Gewerbemuseums überstand den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschädigt und beherbergt heute verschiedene Dienststellen der staatlichen und kommunalen Verwaltung.

Lit.: Gewerbeblatt für das Großherzogtum Hessen, Darmstadt 1845-1918.